Magdeburg l Es regnet in Strömen an diesem Freitagabend. Doch wer die Natur mag und gern im Freien ist, lässt sich auch davon nicht abhalten. Und so tummeln sich auf dem Gelände des Öko-Gartens vom Bund für Umwelt und Naturschutz an der Klosterwuhne trotz schlechter Wetterbedingungen einige Familien. Auch wenn es frische Äpfel aus eigener Ernte gibt: Gartenarbeit steht für diesen Abend nicht auf dem Programm. Stattdessen haben Mitglieder des in Gründung befindlichen Vereines „Magdedorf“ zu einer Informationsveranstaltung über ihr alternatives Wohnprojekt eingeladen. Das Interesse, auf das ihre Veranstaltung trotz des schlechten Wetters stößt, ist aus Sicht der Initiatoren überraschend groß.

„Ich habe schon während meines Studiums in einem Studentenwohnheim gelebt“, berichtet Laura Kundler als eine der Besucherinnen, „da haben wir uns auch Waschmaschinen und Ähnliches geteilt.“ Sie lebt nicht gern allein, sagt sie. Deshalb würde sie sich für das Leben in einem alternativen Wohnprojekt interessieren.

So vielfältig wie die Initiatoren, so vielfältig sind auch die Hintergründe, warum Magdeburger gern die Tür zu dem neuen Wohnprojekt öffnen und ins Magdedorf einziehen wollen. René Skoor zum Beispiel geht es vor allem um den Umweltaspekt. „Wir müssen etwas tun, und zwar alle, wenn wir unsere Mutter Erde in einem guten Zustand an die nächste Generation weitergeben wollen“, sagt er. Dafür müsse man auch endlich mal die Komfort-Zonen verlassen.

Hartmut Koblischke als einer der Initiatoren des Projektes hat das bereits getan. Sein Auto hat er verkauft. „Da ich viel Rad fahre, stand es 98  Prozent der Zeit ungenutzt herum“, begründet er. Freunde und Bekannte hätten Autos, die er sich gegebenenfalls leihen könne. Tausende Euro könne er auf diese Weise sparen und Platz noch dazu. Im Grunde gehe es ihm aber darum, seinen ökologischen Fußabdruck zum Wohl der Erde zu verringern.

Passendes Objekt wird derzeit gesucht

Seit dem 1. Januar vergangenen Jahres tüftelt er mit Bekannten, Freunden, aber auch vielen zunächst Unbekannten an dem Projekt, mit dem er sein Ziel erreichen möchte. Zwei Aspekte unterscheiden das geplante Magdeburger Wohnprojekt von anderen ökologischen Wohnprojekten: Zum einen soll das Magdedorf mitten in Magdeburg entstehen, zum anderen sollen dort mehrere Generationen unter einem oder mehreren Dächern leben. So ganz genau steht das noch nicht fest.

Aktuell suchen die Magdedörfler nach einem geeigneten Objekt. „Alles steht und fällt damit“, berichtet Dana Binger. Vom Umbau einer Industriebrache bis zum kompletten Neubau reichen die 20 Grundstücke, die für das Projekt vorgeschlagen worden sind, und alles wäre vorstellbar. Die Objekte werden nun geprüft, nach diversen Aspekten. „Wir wollen ja bewusst in der Stadt bleiben, weil wir hier leben und auch nicht weg wollen“, sagt Binger. Die städtische Infrastruktur solle mitgenutzt werden, statt aufs Land zu ziehen, wo es mit dem Ökodorf Siebenlinden bei Klötze in Sachsen-Anhalt bereits ein alternatives Wohnprojekt gibt.

Die Anzahl der Bewohner des Magdedorfes steht noch nicht fest – nur die Untergrenze von etwa 60 Personen ist definiert. Je nach Objektgröße könnten es aber auch bis zu 200  Menschen werden, die dort ein neues Zuhause finden. 50  Interessenten gibt es zurzeit.

Und was bedeutet es nun, in der Wohngemeinschaft zu leben? „Muss man dann jede Mahlzeit zusammen einnehmen?“, möchte einer der Anwesenden wissen. Das hinge von der Wohngemeinschaft ab, sagt Dana Binger, aber auch vom Objekt. In einem Wohnprojekt, das sich die Initiatoren angesehen haben, war bereits eine Großküche vorhanden. Dort entschieden sich die Macher für gemeinsame Mahlzeiten.

Freie Wahl trotz Gemeinschaftsprojekt

„Wie im Magdedorf gelebt werden soll, hängt von den Leuten ab, die dort leben wollen“, sagt Binger. Es werde alles ausdiskutiert, auch wenn das vielleicht anstrengend sei. „Aber wem es nicht so wichtig ist, sich an der Entscheidungsfindung zu beteiligen, der kann es auch lassen“, so Dana Binger. Und wer schlechte Laune habe und nicht an Gemeinschaftsveranstaltungen teilnehmen wolle, könne ja in seiner Wohnung bleiben.

Bei allen ökologisch-solidarischen Hintergedanken gehe es auch um Toleranz und Respekt dem anderen gegenüber. Denkbar wäre auch die Einrichtung einer handyfreien Zone – wenn es zum Beispiel mehrere Familien gibt, die Wert darauf legen, könnten sie einen Extrabereich bewohnen. „Ich bastele gern an Autos, das ist mein Ding“, sagt ein weiterer Besucher. „Ich könnte mir vorstellen, dass man vielleicht eine Autowerkstatt integriert“, spricht er ein wenig zögerlich über seine Vorstellungen. Dana Binger ist begeistert: „Klar, und um das Gemeinschaftsauto kümmerst du dich dann gleich mit.“ Von Autos habe sie keine Ahnung und wäre deshalb froh, wenn es in der Gemeinschaft jemanden gäbe, der sich um solche Dinge kümmern würde.

Teilen lautet das Motto – es gehe darum, nicht alles immer selbst zu haben, sondern zum Beispiel Werkzeuge, Waschmaschinen oder Ähnliches zusammen zu nutzen, um auf diese Weise Platz und Kosten zu sparen. „Aus der Gemeinschaftskasse bezahlt, könnten wir dann sogar die beste Bohrmaschine von Magdeburg kaufen“, ergänzt Hartmut Koblischke ein weiteres Beispiel.

Finanzierung über Kredit und Mitglieder

Apropos Finanzen: Wie soll das neue Wohnprojekt finanziert werden? „Sicher ist bislang, dass es ein Millionen-Projekt wird“, sagt Dana Binger. Die Mitglieder werden es selbst finanzieren, aber auch nach Sponsoren suchen. „Um einen Bankkredit werden wir dabei sehr wahrscheinlich nicht herumkommen“, sagt sie. Aber in der Gemeinschaft der bislang 50  Interessenten gebe es auch Künstler und Hartz-IV-Empfänger. Auch durch Arbeitsleistung könne man seinen Teil der Kosten begleichen.

Übrigens: Eröffnet werden soll das Magdedorf nach jetzigem Planungsstand 2024/25.

Informationen unter: www.facebook.com/gemeinschaftmd