Oebisfelde l  Marvin Hieronimus ist erst 15 Jahre alt, Marie Grasemann ein Jahr älter. Beide besuchen Klasse zehn des Weferlinger Gymnasiums. Lehrer und Lehrerin werden, das ist das große Ziel. Einen Plan B gibt es nicht. Ihr berufliches Ziel verfolgen Marvin Hieronimus und Marie Grasemann äußerst zielstrebig - wie es von guten Schülern ja auch erwartet wird. Doch insbesondere bei dem 15-jährigen Marvin steckt eine bemerkenswerte Nähe zu seinem Traumberuf. Er hat familiär keine besondere Bindung zum Schuldienst. Der Vater arbeitet als Kfz-Mechatroniker, die Mutter ist Krankenschwester. Was den heutigen hochgeschossenen Blondschopf als Abc-Schütze besonders anrührte, war das Schulleben in der Oebisfelder Grundschule An der Aller. Der Gedanke, auch Lehrer zu werden, kam in ihm auf, als er auf die heutige Schulleiterin Ulrike Eggers traf. Sie unterrichtete damals Mathematik in der vierten Klasse, in der Marvin saß. Von der Art und Weise von "seiner Lehrerin Frau Eggers" war er begeistert.

Noch heute schwärmt der Gymnasialschüler von dieser Zeit und, wie er selbst sagt, "vom Unterricht mit Frau Eggers". Und in den beiden vergangenen Wochen nutzte er die Gunst des praxisbezogenen Unterrichts und absolvierte ein Praktikum an dieser Oebisfelder Grundschule. Diesmal als Team-Mitarbeiter, also "auf der anderen Seite der Schulbank", wie es Marvin Hieronimus ausdrückte. Schon einmal schaute er sich in seiner ehemaligen Grundschule mit Blick auf sein Berufsziel um, das war im Verlauf eines Zukunftstags.

"Naja, das ist schon eine im ersten Augenblick überwältigende Situation. Weniger, weil mir die Grundschüler als Ansprechpartner mit Respekt begegnen, vielmehr aufgrund der plötzlich großen Verantwortung", meinte Praktikant Marvin im Gespräch mit der Volksstimme.

"Selbstverständlich werde ich von den Kids nicht auf gleicher Ebene wie die Lehrkräfte angesehen, doch was ich sage und mache, das ist eben doch beispielhaft für die Mädchen und Jungen. Aber es bereitet mir unendlich große Freude, den Schülern soziale Regeln und ein auskömmliches Miteinander zu vermitteln", nimmt er seine Praktikantenaufgaben mit zielstrebigem Ernst. Höhepunkt zum Ende des Praktikums war für ihn die Leitung einer Mathematikstunde in der vierten Klasse.

Marvin Hieronimus will nach dem Abitur die Studienfächer Biologie und Ethik belegen, mit dem Ziel vielleicht mehr als Pädagoge an einer Grundschule zu werden. "Mal sehen, was bei herauskommt", verabschiedet er sich.

Ihr großes Ziel ist die Arbeit als Grundschullehrerin. Deshalb hat sich auch Marie Grasemann für das Praktikum an ihrer ehemaligen Aller-Grundschule entschieden. Es gibt weitere Pa-rallelen: Sie stammt aus einem bürgerlichen Haus. Der Vater ist Teamleiter im produzierenden Gewerbe, die Mutter leitende technische Angestellte. Auch Marie Grasemann war von der Art und Weise ihrer damaligen Klassenlehrerin Elvira Schulze begeistert, so dass in ihr der kindliche Wunsch wuchs, Lehrerin zu werden. Dieser Wunsch ließ sie nicht los, der wuchs bis zum heutigen Tag immer mehr an. Der Entschluss stand dann im Verlauf des siebten Schuljahres für die junge Oebisfelderin fest. Fürs Studium will sich Marie Grasemann für die Fächer Mathematik und Sport festlegen, aber entscheidend für sie ist, Lehrerin zu werden.

Die Mitschüler nehmen die Berufswahl der beiden "angehenden Schulpädagogen" mit Humor, aber auch mit Respekt für diese Entscheidung, heißt es unisono von den beiden Gesprächspartnern. "Es ist schon manchmal so, wenn keiner im Unterricht so richtig eine Antwort weiß oder geben möchte, dass sich die Blicke der anderen auf mich konzentrieren. Aber das ist eher kumpelhaft. Mich amüsiert es mehr als das es nervt", gibt Marvin Hieronimus dann doch zu.

Für beide Zehntklässler steht jedoch fest, dass Wissen nur über Bildungsarbeit zu erreichen ist. Die beginnt in der Verantwortung der Eltern, wissen die beiden aus eigener Erfahrung und durch positive wie negative Beispiele. Doch was Schule betrifft, auch darin sind sie sich einig, ebnen die Grundschulen den Bildungsweg in den weiterführenden Schulen. Was letztendlich erreicht wird, ist das Ergebnis der Leistungsbereitschaft eines jeden Schülers selbst. Deshalb sprechen sich Marie Grasemann und Marvin Hieronimus für eine Bezahlung der Lehrkräfte in Grund-, Sekundar-, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien auf gleichem Niveau aus.

Ulrike Eggers als Schulleiterin freute sich über den Besuch der beiden "Ehemaligen", sieht insbesondere den Wertgewinn durch derartige Praktika für Nachwuchskräfte.