Bartensleben l Die Dorfkirchen in der Region sind fast immer die mit Abstand ältesten Bauwerke im Ort. Sie bewahren in ihrem Innern auch die meisten historischen Zeitzeugnisse.

Zu diesen Zeitzeugnissen gehören neben der sakralen Ausstattung mit Altar, Kanzel, Taufstein und der Vasa Sacra auch recht martialische Tafeln, auf denen der Kriegsteilnehmer und Gefallenen vergangener Kriege gedacht wird.

Die ältesten und selteneren stammen aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon I. in den Jahren 1813/15. Aus den sogenannten Einigungskriegen 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 finden sich in fast jeder Kirche Gedenktafeln. Immer ist auf ihnen die Rede von Tapferkeit und Heldentum, obwohl wir nach den Grausamkeiten des vorigen Jahrhunderts mit seinen beiden Weltkriegen wissen, dass das Sterben im Krieg erbärmlich, sinnlos und keineswegs heldenhaft ist. Der Tod der jungen Männer wurde verklärt, um künftige Generationen auf neue Kriege vorzubereiten.

Todesritt von Mars-la-Tour

Manche blutige Episode wurde dabei besonders herausgehoben und ist noch in der Weimarer Republik und der Nazizeit jedem Jungen und Mädchen in der Schule eingebläut worden.

In ein solches Ereignis waren vor genau 150 Jahren junge Männer aus unserer Region involviert. Als im Sommer 1870 in Nordostfrankreich die mörderischen Schlachten geschlagen wurden, die zur Gefangennahme Napoleons III. führten, kam es am 16. August zwischen den lothringischen Dörfern Mars-la-Tour, Vionville und Rezonville zum sogenannten „Todesritt von Mars-la-Tour“.

Halberstädter 7. Kürassiere und altmärkische 16. Ulanen wurden als „Brigade Bredow“ in einer für die brandenburgische Infanterie brenzligen Situation eine Reiterattacke befohlen. Dieser Befehl war insofern mörderisch, da diese Form des Angriffs völlig überholt war.

Die französische Infanterie war mit modernen Hinterladern ausgerüstet, die sogar die neuen deutschen Zündnadelgewehre übertrafen und eine hohe Feuergeschwindigkeit garantierten. Entsprechend schrecklich waren die Verluste.

Beide Regimenter verloren von insgesamt rund 800 Reitern die Hälfte ihrer Mannschaften. Bei den Halberstädter 7. Kürassieren dienten viele Bauernsöhne aus unserer Region. und so findet man auf den Gedenktafeln ihre Namen.

Ein besonderes trauriges Beispiel zeigt ein Epitaph in der Eschenröder Kirche. Christian Heinrich Mathias Drenkmann war eines der Opfer dieses Wahnsinnsbefehls. Er fiel als einziger Hoferbe im Alter von nur 22 Jahren. Die Regimentsgeschichte des 7. Kürassier- regiments vermerkt zudem den Verlust von 261 Pferden.

Ungezählte Male wurde diese Attacke von deutschen und französischen Künstlern in zum Teil riesigen Gemälden dargestellt, denn auch in Frankreich war und ist diese blutige Episode erstaunlicherweise sehr populär.

Ein weiterer Teilnehmer des Todesrittes war Heinrich Müller aus Bregenstedt. Sein Name findet sich auf der Kriegsteilnehmertafel in der dortigen Kirche. Er war mein Urgroßonkel und überlebte diese Katastrophe. Lediglich sein Pferd erlitt einen Schuss durch den Hals.

Fazit in Niederdeutsch

Diese Geschichte erzählte mir vor genau 50 Jahren, am 100. Jahrestag des Rittes, einer meiner Großonkel, der Heinrich Müller noch gekannt hatte. Dessen Fazit aus dem schrecklichen Erleben war: „Man mott sick inne Midde holl´n! Dä vorne wech´eredd´n sünd, hättse tauerst von´t Peerd´eschooten. Und dä sick hinde´ holln hätt, hättse in´n Rüjjen ´eschooten wie we dorch war´n. Wie inne Midde warn am sichersten!“ (Man muss sich in der Mitte halten! Die vorn geritten sind, wurden als erste vom Pferd geschossen. Und die sich hinten gehalten hatten, denen wurde in den Rücken geschossen, als wir durchgebrochen waren. Wir in der Mitte waren am sichersten!

Dass diese Lebensmaxime des späteren Bregenstedter Amts- und Gemeindedieners und Nachtwächters Heinrich Müller durch nur einen Mittelsmann an mich überliefert wurde, ist für mich ein Grund gewesen, mich mit der Geschichte dieser furchtbaren Geschehnisse näher zu beschäftigen. Mein Großvater gleichen Namens hat sich von dieser Anekdote, die sein Onkel wohl oft erzählt hat, dazu verführen lassen in das 7. Kürassierregiment einzutreten. Er hat als Kürassier im I. Weltkrieg gekämpft und überlebt.

Dass bei Ausbruch des Krieges der deutsche Kaiser und sein überalterter Generalstab noch immer von Kavallerieattacken à la Mars-la-Tour träumten, zeigt. in welchen verantwortungslosen Hände das Leben der jungen Soldaten damals lag. Am 16. August jährt sich der Todesritt von Mars-la-Tour zum 150. Mal. Kein Grund zum Heldengedenken, aber Anlass, daran zu erinnern, wie viel Leid Kriege über die Menschen unserer Dörfer gebracht haben.