Oebisfelde l Diese zeitlichen Abschnitte, die die 85-jährige Margot Witke erlebt hat, sind mit den heutigen Verhältnissen in keiner Weise zu vergleichen, wie sie zu berichten weiß. Von dem menschenverachtenden Nazi-Regime bekam die gebürtige Kunrauerin als Kind so gut wie nichts mit, die Kriegsjahre erlebte sie in Germenau. Bleibend bei ihr waren der Einmarsch durch die Rote Armee und die neuen Lebensumstände, als sie im Sinne des Staates zum Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik verpflichtet wurde. Der Wechsel des Lebensmittelpunkts nach Oebisfelde erfolgte dann der Liebe wegen. Im Jahr 1957 heiratete sie.

Vom Hörensagen bis zum ersten Treffen

Trotz Notzeiten und einem nicht einfachen Leben und Auskommen im Sperrgebiet, unmittelbar an der bewachten und durch Sperranlagen gesicherten deutsch-deutschen Grenze gelegen, blieben Margot Witke die Berichte ihres Schwiegervaters Adolf Witke über Salomon Sally Perel und die späteren Begegnungen mit dem deutschstämmigen, in Peine geborenen Juden bis heute in stets präsenter Erinnerung. Mit den persönlichen Begegnungen und Gesprächen wurde Margot Witke deutlich, mit welch besonderem Menschen eine Freundschaft zustande gekommen war.

Salomon Sally Perel, der durch sein autobiografisch geprägtes Buch über sein Leben als „Hitlerjunge Salomon“ und dank des gleichnamigen Films zu international bedeutender Achtung gelangt ist, lebte zwischen 1945 und 1947 in Oebisfelde, im Haus Bahnhofstraße 26 bei den Schwiegereltern von Margot Witke, bei Martha und Adolf Witke. Der junge jüdische Mann erhielt sogar die zu damaliger Zeit für das Überleben wichtigen Lebensmittelmarken und ein eigenes Zimmer von seinen Wohnungsgebern. Dafür mussten die Söhne Heino und Herbert sich fortan ein Zimmer teilen. „Bis zum Tod meines Ehemannes vor Jahren schrieben sich Heino und Sally. Eine echte Männerfreundschaft, an der ich teilhaben durfte“, erinnert sich Margot Witke noch heute, als wenn es gestern gewesen wäre.

Bilder

Perel überlebte den Holocaust

Perel überlebte den Holocaust mit dem dafür wohl notwendigen Glück, insbesondere aber dank der Verschwiegenheit von Mitmenschen gegenüber den Nazi-Schergen. Aber auch gegenüber der sowjetischen Kommandantur in Oebisfelde, denn in der deutschen Wehrmacht war er als Übersetzer eingesetzt. Mit Glück und Überredungskunst blieb ihm der Weg als Dolmetscher in Moskau erspart. Perel wählte den Weg nach Israel, von wo aus er noch bis vor kurzer Zeit aufbrach, um der Welt zu berichten und die Menschen zu mahnen. Außer seinen Brüdern Isaak und David überlebte kein Mitglied der Familie Perel den Holocaust. Erst im Jahr 1985 begann er, das Buch „Hitlerjunge Salomon“ zu schreiben. Bei seinem Besuch in Oebisfelde zur Einweihung der Gedenktafel meinte Perel, dass er das Buch bewusst in deutscher Sprache geschrieben hatte, weil der „Jupp“ aus ihm endlich herauswollte. Jupp wurde er immer wieder während seiner Wehrmachtszeit gerufen.

Perel wurde 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im vergangenen August wurde ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt Braunschweig verliehen. Das Lebensziel des heute 95-jährigen Perel ist die Ernennung von Jerusalem zur Hauptstadt Palästinas. Margot Witke ist stolz, diesen Menschen kennengelernt zu haben.