Oebisfelde l Aktuell musizieren insgesamt bis zu 25 Sänger, die dafür auf ein breitgefächertes Repertoire zurückgreifen können. Klingende Auszüge daraus werden beim Chorfest am Wochenende in der Nicolaikirche zu hören sein. Ganz in der Tradition deutscher Chöre wurde der Männergesangsverein (MGV) Oebisfelde im Jahre 1879 ins Leben gerufen. In der Stadt gab es zu jener Zeit bereits Sangesgemeinschaften, doch das volkstümliche Liedgut einzuüben und der Bevölkerung zu Gehör zu bringen, das lag im Trend der Zeit. Junge wie gestandene Männer waren voller Stolz, Mitglied in einem Chor zu sein.

Der Verschleiß an Männern für die Gemetzel an den Fronten des Ersten Weltkrieges ging auch an Oebisfelde nicht vorbei. Das führte sogar dazu, dass das Chorsingen in den Jahren von 1914 bis 1918 eingestellt werden musste. Nicht alle der Chorbrüder kehrten nach Kriegsende zu den Proben und Auftritten in der Heimat zurück.

Wiedererstarken nach dem Ersten Weltkrieg

In der Folgejahren bis 1939 erlebte der MGV Oebisfelde dann aber so etwas wie eine Renaissance. Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass 98 Männer der Jahreshauptversammlung im April 1939 beiwohnten.

„Die Unterlagen sind erhalten geblieben“, heißt es dazu vom aktuellen Vorsitzenden Erhard Allecke. Durch Zufall wurde im vergangenen Jahr ein verstaubter Koffer entdeckt, dessen Inhalt Protokollbücher, Notenblätter und Fotografien beinhaltete. „Dass immer und zu jeden Proben 98 Mitglieder zu den Übungsabenden kamen, kann als unwahrscheinlich angenommen werden. Vermutlich gehörte ein größerer Teil der passiven Vereinsabteilung an“, mutmaßt Allecke.

„Einige Probleme sind damals wie heute die gleichen“, sagt Erhard Allecke mit Hinweis auf die historischen Protokollbücher. „Das erste Protokollbuch, das dem Verein vorliegt, beginnt mit der Jahreshauptversammlung im April 1906 und reicht bis April 1939. In der Zwischenzeit wurde aber nicht nur gesungen, sondern anscheinend auch reichlich Bier getrunken“, bemerkt der Vorsitzende schmunzelnd an. „In den Protokollen ist nämlich vermerkt, dass das Bier immer teurer wurde.“

Aber auch andere Dinge sind mittlerweile wieder bekannt: Alte Zeitungsausschnitte berichten von Sängerfahrten und Chorfesten. So auch ein Artikel über eine gemeinsame Fahrt nach Österreich, die den Bildbeschreibungen nach mindestens vom 19. Juli bis zum 25. Juli im Jahre 1928 andauerte. „Auf diesen Fotos sind nicht nur die Sänger, sondern vermutlich auch Ehefrauen gemeinsam bei einer Fahrt auf einem Chiemsee-Dampfer, oder auch gemütlich im Gras auf dem Gaisberg bei Salzburg pausierend zu erkennen“, berichtet Erhard Allecke.

Mit dem Protokoll der Jahreshauptversammlung in 1939 endet nicht nur das erste Protokollbuch, sondern auch erneut die Sangesfreude als Chor. Der Zweite Weltkrieg fordert wie der Erste als Tribut Männer. Die Folge war nochmals eine komplette Unterbrechung der Choraktivitäten, die aufgrund der Kriegsfolgen bis 1947 andauerte. Erst dann wird wieder von einem Übungsbetrieb berichtet. Mit Hemmnissen, denn es galt noch ein Versammlungsverbot durch die Siegermächte.

Zu jener Zeit existierten immer noch zwei Männerchöre im Ort. Neben dem Männergesangsverein Oebisfelde von 1879 wurde ebenso im Männergesangverein Finzenhagen musiziert. Der war auf Anregung des Lehrers und Kantors Friedrich Finzenhagen im Jahre 1847 gegründet worden, um „durch Gesang die Teilnehmer für höhere und jede Musik mehr empfänglich zu machen“. Auch sollte der Chor auf eine Verbesserung des Kirchengesangs einwirken, wie es in „Geschichte und Stadt des Amts Oebisfelde“ von Theodor Müller von 1914 heißt.

Der Chor Finzenhagen löste sich jedoch in den 1960er Jahren auf. Seine Mitglieder schlossen sich dem Männergesangsverein Oebisfelde an, der sich zu DDR-Zeiten Eisenbahnchor der Deutschen Reichsbahn nannte. „Damals hatte der Verein zahlreiche Auftritte bei Sängerfesten und für die Deutsche Reichsbahn, die den Chor als Verein finanziell unterstützte. Die Sänger konnten deshalb auch in blauen Uniformen auftreten“, blickt Allecke auf diese Zeitschiene des Chores zurück.

Musikalischer Leiter Rohde ein Zugewinn

Aktuell besteht der MGV Oebisfelde aus 25 Mitgliedern. Selbstverständlich existiert heute auch wieder eine einheitliche wie schmucke Chorkleidung. Der Chor hat durchaus eine Perspektive, was die Selbstständigkeit betrifft. So konnten junge Kräfte hinzugewonnen werden. Und mit Marius Rohde als musikalischen Leiter hat der Chor klanglich und im Repertoire deutlich an Vielfalt zugelegt, betont Vorsitzender Allecke. Auch nimmt die Zusammenarbeit mit dem Wassensdorfer Frauenchor zu. Dieses Miteinander erweist sich ebenfalls als fruchtbar, sieht Allecke die Chorzukunft durchaus positiv. Bereits seit einiger Zeit treten die beiden Formationen am Heiligen Abend in der Katharinenkirche als ein gemischter Chor auf. Auch bei Sängerfesten erfolgten bereits gemeinsame Auftritte. Wenngleich keine Kooperationen geplant sind, zeigt sich Erhard Allecke durchaus offen für eine Verschmelzung beider Chöre. Das aber wird derzeit vom Frauenchor nicht angedacht, war von dort zu erfahren.

Das Jubiläumsfest wird am Freitag, 30. August, um 19 Uhr eröffnet. Es folgen Ehrungen und Tanz. Besonders freut sich Vorsitzender Allecke auf den folgenden Sonnabend, der um 12 Uhr mit dem Treffen der Chöre beginnt, gefolgt von einem Festumzug, bevor sich das Sängerfest um 14 Uhr offiziell hochmusikalisch mit einem Reigen zahlreicher Chöre präsentieren wird. Abends folgt eine Disco-Nacht im Festzelt. Am Sonntag, 1. September, klingt das Sängerfest dann mit einem kulinarisch wie musikalisch opulenten Frühschoppen aus.