Oebisfelde l Seit vergangenem Frühjahr, noch vor dem Blattaustrieb, ist Ulf-Gerd Damm als Beauftragter der Verwaltung des Biosphärenreservats in der Natur mit Fernglas, geschultem Ohr, und immer wieder von Helfern unterstützt, im Drömling unterwegs gewesen, um die Populationen der Greife in diesem gut 10.000 Hektar großen Vogelschutzgebiet zu erfassen. Diese sogenannte Kartierung fand nun mit der Auswertung von Vorkommen, Brutpaaren und Anzahl des Nachwuchses seinen vorläufigen Abschluss.

Ergebnis ist immer nur annähernd

Seit dem Jahr 2009 werden so alljährlich Stammdaten sorgfältig gesammelt. Die allerdings können nur ein annäherndes Ergebnis aufzeigen, da eben nicht garantiert werden kann, dass alle Vorkommen erfasst wurden.

Die Kartierung läuft ähnlich einem Ritual ab: Nach dem Auskundschaften der alten und neuen Nester und Horste von Bussarden, Milanen, Seeadlern und Co. ist Damm von Mai bis weit in den Juni wieder unterwegs, um nun möglichst viele Brutplätze in Augenschein zu nehmen.

Bei diesem wissenschaftlichen Marsch wurde und wird Damm von dem Sachauer Günter Benecke begleitet. Der ist nämlich ein amtlich zugelassener Beringer. Vor Jahren war Benecke als Vogelschutzwart auf der Ostseeinsel Hiddensee beschäftigt. Und noch heute scheut Benecke weder Attacken von Altvögeln, die ihn als Nesträuber vertreiben wollen, noch Hieben mit Schnabel und Krallen der Jungvögel, noch die häufig abenteuerlich anmutenden Auf- und Abstiege zu und von den Brutplätzen.

„Es ist bei aller Anstrengung vor, während und nach dem Beringen wichtig, mit den Jungvögeln behutsam umzugehen und sie so wenig wie möglich in ihrem Nest zu stören. Wenn auch das Beringen von großer Bedeutung für den Artenschutz ist, dass Tierwohl hat immer Vorrang“, erklärt Damm.

Eindeutig ist dabei zu belegen, dass die Population der Greife im Drömling sich deutlich reduziert hat. Wurden mit Beginn der Kartierung im Jahr 2009 insgesamt 90 Brut- und Nistpaare von Mäusebussarden mit 55 Jungtieren erfasst, so sind es gut zehn Jahre später lediglich 67 Paare mit 39 Jungen. Zwischenzeitlich gab es im Jahr 2012 mit 100 Mäusebussardpaaren ein Hoch, jedoch konnten dabei lediglich 70 Jungvögel festgestellt werden.

Der Bestand an Rotmilan-Paaren im Drömling hat sich von 2009 bis in die heutige Zeit ebenfalls verringert, von 30 auf 25 Paare. Allerdings kann eine stabile Anzahl von Jungvögeln mit aktuell 18 und über den Erfassungszeitraum mit Beständen zwischen 17 und 32 Tieren nachgewiesen werden.

Der Habicht hingegen gehört seit jeher zu den seltenen Vertretern am Drömlingshimmel. Nur drei Paare stehen im Jahr 2009 zu Buche. Und es wurden auch nur zwei Paare mehr bis 2015.

Aktuell hat Damm in diesem Jahr vier Brutpaare gesichtet, wobei die gleiche Anzahl an Jungvögeln notiert werden konnte.

Der Wespenbussard als Greif unter den Zugvögeln kehrt aus seinem Winterquartier erst Mitte Mai in das Biosphärenreservat Drömling zurück. Allerdings, und das bedauert Damm insbesondere, wurden nur zwei Nistpaare seit 2017 erkannt. Die aber machen auch in diesem Jahr keine Anstalten, um für Nachwuchs zu sorgen. Im Jahr 2009 hatten noch fünf Paare ihr Sommerquartier im Drömling. Allerdings blieben alle Vorkommen dieser Population bisher ohne Nachwuchs. Der Rückgang der Greifvogel-Populationen im Drömling seit 2009 ist eine Entwicklung mit zahlreichen Ursachen. Veränderungen in der Bearbeitung und Vergrößerung von landwirtschaftlichen Flächen zählen sicherlich mit zu diesen Gründen.

Windräder sind Todesfallen

Allerdings zählt Ulf-Gerd Damm in erheblichem Maße auch die Windkraftanlagen dazu. Immer wieder kommt es alljährlich vor, dass Greifvögel mit den Rotoren kollidieren. Kommt der Vogel dabei zu Tode, sind die Folgen dramatisch für die Brut. Nach einer gewissen Zeit verlässt der noch brütende Greif das Nest oder den Horst, womit die Brut verloren ist. Aber auch eine komplette Art kann sich durch solche Veränderungen in der Natur, wie es Windkraftanlagen nun mal darstellen, aus einer Region zurückziehen. Damm weiß beispielsweise, dass die Wiesenweihe nicht mehr im Drömling zu finden ist, seit die „Windmühlen“ sich in den Räumen um Rätzlingen und Kusey drehen.

Eine ganz andere Gefahr für den Nachwuchs aller Greifvogelarten stellen Nesträuber dar. Von denen haben es gleich eine Anzahl auf die zu bebrütenden Eier abgesehen. Krähen und Elstern, aber auch eigene Artgenossen wie der Habicht, machen sich über die Brut und den Nachwuchs her, wenn das Nest nicht bewacht wird. Alles Schützen hilft nichts, wenn ein Dachs oder Baummarder die Brut entdeckt haben. Diese Räuber und ihre Artverwandten plündern ein Gelege binnen Minuten komplett aus.

Das Nahrungsangebot ist im Drömling auch für Greifvögel groß. So zieht es den Wespenbussard immer wieder in diese Region, weil er hier seine Hauptnahrungsquelle, Waben mit Larven und Honig von Wespen, findet. Selbst in Erdbauten sind die Insekten nicht vor dem Greif sicher. Der nämlich gräbt in kurzer Zeit Wespennester aus dem Boden und macht sich dann über Brut und Waben bis zur Vernichtung her. Der Drömling stellt sich damit als besonders schützenswertes europäisches Vogelschutzgebiet dar, in dem Mensch, Natur und Umwelt noch im Gleichklang stehen.