Oebisfelde l Unverhofft kommt oft: In der Grenz-Ausstellung des Burg- und Heimatmuseums Oebisfelde traf die Volksstimme-Redaktion auf einen Mann, der 1988 mit seiner Familie durch einen Tunnel von Ost-Berlin in den Westen geflohen ist. Angeregt von seiner heutigen Partnerin besuchte er auch das Museum zum Saisonausklang am Tag der Deutschen Einheit. Es ist mittlerweile 31 Jahre her, dass „Hans“ (Name der Redaktion geändert) durch einen unterirdischen Tunnel die damalige DDR unter den Grenzsperranlagen in den Westteil flüchtete. Doch immer noch ist jede Sekunde bei dem heute in Lüneburg lebenden Endfünfziger präsent. Das Burg- und Heimatmuseum in Oebisfelde besuchte er am vergangenen Donnerstag, weil seine Salzwedeler Lebensgefährtin in Oebisfelde geboren und dort zwei Jahre lang von den Großeltern mit aufgezogen wurde.

Dann erfolgte der Wegzug nach Gardelegen, doch die Besuche der über Maßen geschätzten Großeltern in der Sperrgebietsstadt Oebisfelde waren Herzenssache. Am Donnerstag besuchte das Paar, das sich vor einigen Wochen per Online-Partnersuche kennenlernte, die Grabstätte auf dem städtischen Friedhof, besichtigte dann die Allerstadt.

Eine spektakuläre Flucht

Erst in wenigen Sätzen, dann aber doch die ganze Geschichte erzählend, berichtete „Hans“ über sein Leben als Erzieher in der DDR und über die Republikflucht mit der Familie: Der Entschluss, die DDR zu verlassen, entstand bereits zwei Jahre vor der eigentlichen Flucht, beginnt „Hans“ zu erzählen. „Wer diese Belastung nicht am eigenen Leib erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, unter welchen Ängsten vor einer Entdeckung meine Frau und ich gelebt haben, dabei Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen ein völlig normales Alltagsleben vorgegaukelt haben“, schickt der auch heute noch als Erzieher arbeitende Museumsbesucher voraus.

Durch welchen Tunnel seine Frau, das Kind und er zwei Tage später flüchtete, das bleibt sein Geheimnis. Auch wer ihnen die Republikflucht ermöglichte, verriet „Hans“ nicht. Nur so viel gab er preis: „Ohne Beziehungen und ein unverrückbares Vertrauen, wäre das alles 1988 nicht möglich gewesen.“

In den zwei Jahren, in denen er die Flucht vorbereitete, rechnete „Hans“ nicht nur einmal damit, „dass die ganze Sache auffliegt“. Es war stets ein Abwägen zwischen notwendiger Vorsicht, zu großer Vorsicht und Leichtsinn durch Gewohnheiten. Bevor die Flucht stattfinden sollte, hat sich „Hans“ mit Beziehungen eine Schusswaffe besorgt. Es gab für mich nur die drei Möglichkeiten: „Dass unsere Fluchtabsicht entdeckt wird, wir verhaftet werden. Eine andere Möglichkeit, die ich in Betracht zog, war, dass wir bei der Flucht ums Leben kommen könnten. Und eben, dass alles gut im Westen endet.“

Kita-Gruppe im Stich gelassen

Da hätte vieles durchaus schiefgehen können, „ist es aber nicht“, bekräftigt „Hans“ unterschwellig den damaligen Entschluss. „Auf der Flucht hätte ich geschossen ! Ich wusste vom Schießbefehl, von Berichten über Republikflüchtlinge, die bei ihrer Flucht erschossen worden waren“, bricht es auch heute noch, nach 31 Jahren, überzeugt aus ihm heraus.

„Nachdem meine Frau und unser Kind im Tunnel verschwanden, gab es keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr zwischen uns. Das Risiko war einfach zu groß, dass ich durch Kontaktversuche entdeckt worden wäre“, beschreibt „Hans“ die damalige riesengroße Anspannung. Dann, zwei Tage später, gibt es für ihn kein Zurück mehr. Mit seiner Kindergartengruppe marschiert er in Richtung Fluchttunnel. In einem für ihn günstig erscheinenden Moment verlässt er die Kinderschar und verschwindet unerkannt, flüchtet ohne Zwischenfälle in den Westen. „Es war mir völlig klar, dass ich die Kinder an Ort und Stelle sich selbst überlassen musste. Es existierte aber keine Alternative zu meiner Flucht“, erklärt „Hans“.

Über den weiteren Lebensweg im Westen schweigt er, weil es ein anderer Teil seines Lebens sei.