Neuwegersleben l Für Werner Neum war es eigentlich ein ganz normaler letzter Sonntag im Monat. Für gewöhnlich wird die Station für Besucher geöffnet und diese können dabei jede Menge Wissenswertes zur einstigen Königlich-Preußischen Telegrafenlinie Berlin-Koblenz erfahren. Dennoch dieses Mal etwas anders – Werner Neum trat letztmalig in seinen ehrenamtlichen Telegrafendienst.

Zahlreiche neugierige große und kleine Besucher zog es in die Telegrafenstube, denn hier lockte nicht nur ein Blick durch das Fernrohr auf die Attrappe der Station Nr. 17 bei Oschersleben, sondern auch die Möglichkeit, selbst an den Hebeln des Signalmastes zu stellen.

Während Werner Neum die Handhabung der Anlage erklärte und durch die Telegrafenstube führte, herrschte im Erdgeschoss leises Gemurmel und reges Treiben. Denn zwischenzeitlich hatten sich hier zahlreiche weitere Gäste versammelt, darunter Landrat Hans Walker (CDU), der Verbandsgemeindebürgermeister der Westlichen Börde, Fabian Stankewitz (SPD), die Bürgermeisterin der Gemeinde Am Großen Bruch, Eva Stroka (FDP) und Christiane Klare von der Stadt Oschersleben. Hinzu kamen Vertreter weiterer Standorte der Telegrafenlinie aus Ziegelsdorf, Dedeleben und Ampfurth.

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„Unseren Werner können wir nicht so einfach ziehen lassen“, befanden Henning Fuchs und Susanne Hoffmann sowie Dietmar Hobohm als Vertreter der Station 18. Sie hatten bereits im Vorfeld alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihren Telegrafenfreund gebührend zu verabschieden. Und dieser zeigte sich vom überraschenden Festakt mehr als gerührt, denn auch seine mit eingeweihte Ehefrau Sieglinde hatte ihm im Vorfeld nichts verraten.

Für die musikalische Umrahmung sorgte Ingo Gremm von der Musikschule „Kurt Masur“ Oschersleben, er begleitete den Festakt mit passenden Stücken auf der Gitarre.

Wie Henning Fuchs in seiner Festrede betonte, trägt Werner Neum einen erheblichen Anteil am Aufbau der einstigen Ruine bei Neuwegersleben, die dem jahrelangen Verfall preisgegeben war und letztendlich sogar ganz verschwinden sollte. Doch es kam anders, denn nachdem am 28. Juli 1995 der Wiederaufbau der Telegrafenstation Nr. 18 durch den Initiator Peter Fuchs offiziell eingeläutet wurde, erteilte Werner Neum – seinerzeit bei der Unteren Denkmalschutzbehörde im Hochbauamt des Bördekreises tätig – am 6. Februar 1997 die „Denkmalrechtliche Genehmigung der Sanierung und Rekonstruktion der Telegrafenstation Nr. 18“.

Grünes Licht für Bauwerk

Somit gab er mit grünes Licht für das heute einmalige technische Bauwerk in Sachsen Anhalt. Bereits 2001 konnte das komplett rekonstruierte Gebäude in Betrieb genommen werden. Werner Neum, der zu dieser Zeit als Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde beschäftigt war, hatte dafür nicht nur alle erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt, sondern sich auch selbst mit dem Telegrafenbazillus infiziert.

Das Thema „Optische Telegrafie“ ließ ihn seither nicht mehr los, er begleitete die weitere Entwicklung der Station, stand mit Rat und Tat zur Seite und wechselte im Jahre 2004 mit seinem Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand vom Bauamt in das Ehrenamt der Interessengemeinschaft Optische Telegrafie.

Als Peter Fuchs im Jahr 2011 plötzlich verstarb, übernahm Werner Neum ohne groß zu überlegen die verantwortungsvolle Aufgabe seines Vorgängers und hielt bis heute allen Herausforderungen stand. Denn nicht nur Busreisegesellschaften, Fahrradgruppen oder Schulkinder ließen sich von ihm durch das historische Gebäude führen. Es waren eine ganze Reihe von Privatpersonen, Lehrern und weitere Gruppen, die jede einzelne Führung auch zu einem besonderen Erlebnis für Werner Neum machten.

Kontakte zu Besuchern

Stolz blickt er dabei auf die entstandenen Kontakte mit Vertretern anderer Telegrafenstandorte zurück, erinnert sich an gemeinsame Planungen, erlebte viele Höhepunkte und freut sich über die zahlreichen Helfer und Unterstützer in Sachen Telegrafie.

„Eine Gruppe hat mich ganz besonders fasziniert“, berichtete Werner Neum und verwies auf blinde Menschen aus Hamburg, die keinerlei Berührungsängste im Gebäude zeigten. Die interessante Tour war für Werner Neum eine absolute Herausforderung. Nach 13 Jahren im Dienst der optischen Telegrafie möchte sich Werner Neum nun verabschieden. Auch wenn er in Kürze umziehen wird, bleibt er den Telegrafenfreunden in Neuwegersleben für den Notfall erhalten. „Von meinem künftigen Wohnort Aschersleben nach Neuwegersleben ist es nicht allzu weit“, so der Hobbytelegrafist, dem der erfolgreiche Weiterbestand der Station ganz besonders am Herzen liegt.

„Wir brauchen Menschen, die sich so engagieren“, erklärte Landrat Hans Walker, der Werner Neum ein großes Dankeschön aussprach. Viele weitere Gäste dankten dem Telegrafenfreund für sein langjähriges und ausdauerndes Engagement in Sachen „Optische Telegrafie“. Unter ihnen war auch Klaus Schmeißer, als Vertreter vom ADFC (Allgemeinen Deutschen Fahrradclub), der sich sehr für den Telegrafenradweg einsetzt.