Stolpersteine

Der Kölner Künstler Gunter Demnig erinnert mit seinen Gedenktafeln aus Messing an die Opfer des Nationalsozialismus.

1993 entwarf Demnig das Projekt Stolperstein

1996 wurde der erste Stein in Berlin-Kreuzberg verlegt

Seit 2000 wurden bis heute mehr als 70 000 Steine in 22 Ländern verlegt.

Auf den Steinen wird eine Inschrift eingraviert. Sie enthält die Namen, das Geburtsdatum sowie das Datum der Deportation und, wenn bekannt, das Datum des Todes.

Oschersleben l In vielen Städten zieren die kleinen Gedenktafeln aus Messing bereits die Gehwege. Die Stolpersteine, die von der „Stiftung-Spuren-Gunter Demnig“ organisiert werden, sollen an die Opfer der Nazi-Zeit erinnern. Der Verein Kunst und Kirche Emmeringen plant für das Jahr 2021, insgesamt fünf solcher Steine in Oschersleben verlegen zu lassen. Lutz Bittner, Vorsitzender des Vereins, erklärt, dass er zunächst eine Liste in Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Autor der Oschersleber Chronik Günther Blume und dem örtlichen Dr. Ziethen-Verlag erstellen wolle. Auf diese Liste sollen Oschersleber Bürger, die für so einen Gedenkstein in Frage kommen. Es gehe dabei um jüdische Bürger, aber auch um jene, die zum Beispiel wegen ihrer politischen Meinung der Nazi-Diktatur wurden.

Ein erster Schritt wurde bereits im September 2019 gemacht. Zu Ehren Eduard Kecks, ehemaliger Rektor der Mädchen-Mittelschule, heute Goethe-Schule, wurde eine Gedenktafel am Goethe-Brunnen auf dem Schulgelände errichtet (Volksstimme berichtete). Auch für ihn sei noch ein Stolperstein geplant, so Lutz Bittner. Eduard Keck setzte sich für die jüdische Bevölkerung in Oschersleben ein.

Fester Bestandteil der Stadt

In seinem Buch „Oschersleben war uns Heimat“, berichtet Günther Blume vom Handeln Kecks und von der jüdischen Gemeinde. Darin ist zu lesen, dass es bereits seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts jüdische Bürger in Oschersleben gab. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie ein fester Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens in Oschersleben. Trotz ihrer Minderheit war die Synagogen-Gemeinde akzeptiert und angesehen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten sie zur Mittelschicht. Als Kaufleute, Viehhändler, Metzger und auch Ärzte verdienten sie ihr Geld. Das Verhältnis zwischen den Oschersleber Bürgern und der Synagogen-Gemeinde änderte sich jedoch im Laufe der Weimarer Republik (1918 bis 1933). Mit Beginn der Wirtschaftskrise 1929 wurde das Verhältnis distanzierter. Die These im Buch von Günther Blume ist, dass nach dem Ersten Weltkrieg, durch Vermögensverluste und spürbaren Antisemitismus, der Untergang der Synagogen-Gemeinde in Oschersleben begann. So wurden jüdische Bürger angefeindet. Mehrere Anzeigen jüdischer Bürger bei der Rechtspflege wurden vermerkt. Der Grund dafür waren ständige Beschimpfungen von Nationalsozialisten. Diese Anzeigen wurden jedoch nicht weiter verfolgt. Außerdem standen jüdische Familien nun unter genauer Beobachtung. Der Ortsgruppenleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) bat bei der Polizei darum. Jedes kleinste Vergehen wurde angezeigt.

Das Vorgehen gegen die Mitglieder der Synagogen-Gemeinde verschärfte sich mit der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933. Zwei Jahre später, im Mai 1935, wurde allen Parteigenossen verboten, sich mit Juden zu treffen. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden das Warenlager und die Geschäftsräume von „Mendelsohn und Kugelmann“ in der Halberstädter Straße verwüstet. Ab dem 11. November 1938 wurde der öffentliche Verkauf eingestellt. Das Geschäft musste wegen staatlicher Verordnung an einen „Arier“ verkauft werden. Das Haus wurde 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. Auch die Synagoge am Bruchgraben, wurde zwangsweise an einen Klempner verkauft. Das Gebäude ist heute ein Wohnhaus.

Einsatz endete mit Rauswurf

Durch die steigenden Anfeindungen zog es viele jüdische Familien ab 1935 in andere Orte. Einige wanderten in die Niederlande, Brasilien, nach Australien und Amerika aus. Bis 1939 lebten noch einige Juden in Oschersleben. Denn ein Jahr zuvor wurden ihre Reisepässe von der Verwaltungspolizei eingezogen. Die Ausreise in ein anderes Land war damit nicht mehr möglich. Sie verzogen in andere deutsche Städte. Ab Februar 1939 war kein einziger Jude mehr in Oschersleben gemeldet. Einige wurden zwangsweise in die Dominikaner Straße 23 nach Halberstadt gebracht, um alle Juden an einem Ort zu haben, heißt es in dem Buch von Günther Blume. Die Familie von Ilse Siebert wurde ebenfalls dorthin gebracht. Ihr Onkel Walter Schimmelburg und ihre Tante Fanny wurden 1942 von Halberstadt nach Warschau deportiert. Ihre Großmutter Pauline Schimmelburg deportierte man im November 1942 nach Theresienstadt, wo sie verstarb. Ihre Eltern und Geschwister überlebten den Zweiten Weltkrieg und blieben in Halberstadt. Mutter Melly Schimmelburg zog es laut Günther Blume nach dem Krieg noch einmal nach Oschersleben. Sie wollte sich ihre alte Heimat anschauen.

Stadt will Idee unterstützen

Ilse Siebert und ihre Schwester Margot gingen auf die Mädchen-Gesamtschule in Oschersleben. Da sie als Halbjüdinnen galten, durften sie ab 1935 die Schule nicht mehr besuchen. Der damalige Rektor Eduard Keck setzte sich für den Verbleib der beiden Mädchen an der Schule ein. Der damalige Kreisleiter der NSDAP war jedoch dagegen. Und so mussten die Schwestern und der Schulrektor die Schule verlassen. Eduard Keck trat 1929 der NSDAP bei, wurde aber wegen seines Einsatzes für seine Schülerinnen aus der Partei ausgeschlossen.

Dass der Humanist über den Nationalsozialisten gesiegt habe, beeindrucke Lutz Bittner. „Ich finde es wichtig, dass man die Anerkennung in die Familien reinträgt“, sagt er. Das sei bei der Familie von Eduard Keck gelungen. Denn um einen Stolperstein zu verlegen, benötigt man zunächst die Zustimmung der Verwandten. Danach ist auch noch eine Zustimmung des Grundstückseigentümers nötig, vor dessen Haus der Stein verlegt werden soll. Denn die Stolpersteine werden am letzten Wohnort der Person verlegt.

Die Idee der Stolpersteine hatte der Emmeringer Verein schon im Jahr 2017. Auch damals schon hatte Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer Unterstützung seitens der Stadt zugesagt, erklärt Mathias Schulte, Pressesprecher der Stadt Oschersleben auf Nachfrage der Volksstimme. Außerdem habe der Bürgermeister sein Einverständnis gegeben, die Stolpersteine auf städtischen Flächen zu verlegen. Ebenso habe sich laut Bittner der Ziethen-Verlag dazu bereit erklärt, Stolpersteine zu finanzieren.