Oschersleben l Pandemie, Lockdown, kaum Veranstaltungen: 2020 war ein alles andere als normales Jahr. Doch war wirklich alles schlecht? Und wie geht es 2021 weiter? Bürgermeister Benjamin Kanngießer hat im Neujahrsinterview die Fragen von Volksstimme-Reporter André Ziegenmeyer beantwortet.

Was wird Ihnen von 2020 besonders in Erinnerung bleiben, Herr Kanngießer?
Ich bin überzeugt, dass es da nur eine Antwort geben kann: 2020 wird vermutlich uns allen als das „Corona“-Jahr in Erinnerung bleiben. Für mich sind es aber gar nicht die persönlichen Einschränkungen, die jeder von uns mehr oder weniger erlebt hat, sondern in meiner Erinnerung rücken die Auswirkungen auf unsere Stadt in den Vordergrund – die ersten schnellen Maßnahmen, als niemand von uns wusste, was auf uns zukommt, die Welle der Hilfsbereitschaft und auch der Ideenreichtum, wie man dieser Situation begegnet.

Welchen Weg hat Oschersleben in diesem Jahr genommen? Was waren die wichtigsten Ereignisse?
Trotz der widrigen Umstände konnten wir wirklich viele Dinge umsetzen. Das fordert einerseits ungemein, gibt aber auch Vertrauen in die Fähigkeiten, wenn man in einer schwierigen Lage dennoch erfolgreich arbeiten kann. Für mich besonders prägend war natürlich der Start der Aktivierung des Bahnhofsareals mit dem Bau der Schwimmhalle. Hier hatten wir – unter ersten Coronavorzeichen – die Enthüllung des Bauschildes, den ersten Spatenstich, die Grundsteinlegung und auch schon das Richtfest innerhalb eines Jahres absolviert. Aber nicht nur das: die Sanierung der Diesterweg-Grundschule hat begonnen, ebenso die Sanierung der Sporthalle Wasserrenne. Der Altbrandslebener Feuerwehr haben wir im Juni das neue Gerätehaus übergeben. In Hornhausen haben wir die Straßenbeleuchtung komplett auf moderne LED-Beleuchtung umgestellt und auch auf dem Sportplatz eine neue Flutlichtanlage in Betrieb genommen. Dazu kamen noch zahlreiche kleine erfolgreiche Projekte, wie das Aufstellen neuer Spielgeräte auf den Spielplätzen der Ortsteile und vieles mehr.

Für etliche Projekte konnten wir auch in diesem Jahr erfolgreich Fördermittel einwerben, so zum Beispiel für den Stadtumbau, das neue Feuerwehrfahrzeug für die Hornhäuser Wehr und aufgrund der Preisentwicklung einen „Nachschlag“ für unsere Stadionsanierung. Das bringt mich auch gleich zum Sachgebiet Tiefbau: auch hier wurden zahlreiche Projekte umgesetzt. Und wenn wir vom Tiefbau reden, kommen wir auch gleich zur Fortsetzung unseres Breitbandausbaus. Hier haben wir beziehungsweise DNS die ersten Ortsteile mit Erfolg ans Netz genommen. Zum Schluss hatten wir – auch durch die zeitliche Nähe zum Jahreswechsel – noch den Umzug der Verwaltung. Der ist wiederum das Notwendige für die bereits im Juni/Juli vollzogenen Umgliederung, deren wesentliches Resultat die Schaffung des neuen Fachbereichs Bürgerdienstleistungen war.

Lässt sich aus Ihrer Sicht aus 2020 etwas lernen?
Ja, in jedem Fall. Besonders deutlich ist der immer mögliche unvermittelte Wandel in unserem Leben geworden. Von gefühlt einem Tag auf den anderen kann sich das Leben nahezu vollständig umkrempeln und nichts ist mehr so, wie man es gewohnt war. Das erfordert die Fähigkeit, sich an neue Gegebenheiten anzupassen, eine gewisse Flexibilität. Dabei hilft eine gute Digitalisierung, die wir zwar alle manchmal – und zu Recht – auch kritisch beäugen mögen, wo wir in Deutschland aber klar sichtbar gewordenen Nachholbedarf haben. Unser Breitbandprojekt ist da genau das Richtige: bieten wir damit gerade den Menschen unserer Ortsteile eine Perspektive für Leben und Arbeit.

Wann soll der Haushalt für 2021 beschlossen werden und wie wird er aussehen?
Eine Frage zum präzise richtigen Zeitpunkt: Wir haben gerade die Vorlage an die Fraktionsvorsitzenden versandt und erhoffen uns, dass die Stadträte diese Möglichkeit ergreifen, ihre Hinweise, Änderungswünsche und Ideen einzubringen. Dann haben wir gute Voraussetzungen, den Haushalt im Frühjahr mit einer ordentlichen Mehrheit zu beschließen.

Was wünschen Sie sich für das kommende Jahr?
Zu allererst, dass wir alle gesund bleiben, dass wir zu einer Normalität zurückkehren, die es uns erlaubt, viele Dinge nachzuholen, die wir 2020 zurückstellen mussten. Vor knapp vier Wochen war der Tag des Ehrenamtes, an dem wir eigentlich unsere Ehrenamtspreise verliehen hätten. Diese Würdigung haben wir aufgeschoben – und ich hoffe, dass die Zeit des Aufschubs nur so lang wird, wie es unbedingt notwendig ist. Außerdem brauchen die Höhepunkte unseres kulturellen Lebens ja auch Vorbereitungszeit. Wissen Sie – da kann man vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Ich wünsche mir, dass alle, die durch die Pandemie wirklich arg getroffen wurden, eine Perspektive haben. Dass sie wieder loslegen können, Ihren Lebenstraum in die Tat umzusetzen. Ich glaube, das ist es, was wir brauchen: Gesundheit, Zuversicht und ein Ziel, für das wir leben und letztlich arbeiten können.

Welche wichtigen Ereignisse stehen 2021 bevor?
Da sage ich ganz spontan und auch mit einer gewissen Neugier: die Landtags- und die Bundestagswahl. Für uns als Stadt hat natürlich die Landtagswahl im Juni eine viel höhere Bedeutung als die Bundestagswahl am Herbstanfang. Auf der Landesebene entscheidet sich, welche drängenden Fragen der Gemeinden und Landkreise wie weiterbearbeitet und verfolgt werden. 2021 steht auch die Überprüfung des Finanzausgleichsgesetzes an, das noch bis Ende des neuen Jahres gilt. Da hoffe ich, dass die Kommunen in die Lage versetzt werden, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Das geht nur, wenn sie auch entsprechend finanziell ausgestattet sind.

Welche Projekte möchte die Stadt vorantreiben?
Das sind einige: unsere größte Baustelle bleibt bis zum Jahresende der Breitbandausbau. Bis Ende 2021 wollen wir damit fertig sein. Ebenso wollen wir die Arbeiten an der Diesterweg-Grundschule und der Sporthalle Wasserrenne abschließen. In den Startlöchern stehen die Sanierung der Kita Hordorf, der alten Puschkin-Sporthalle und auch die Wiederherrichtung der Sporthalle in Hornhausen. Ich weiß gerade in Hornhausen wartet man sehnsüchtig darauf – und ich kann das sehr gut nachvollziehen. In der zweiten Jahreshälfte wollen wir dann mit den Planungen für die Sanierung der Dorfgemeinschaftshäuser in Hordorf und Peseckendorf beginnen und – das liegt mir besonders am Herzen – wir wollen die Planungen für das Feuerwehrgerätehaus Oschersleben konkretisieren. Die Einsätze in diesem Jahr, als Beispiele seien die Überflutung in Beckendorf, die Hausexplosion ebenfalls in Beckendorf und vor wenigen Tagen der Brand in der Altstadt genannt, zeigen, dass die Kameradinnen und Kameraden es mehr als verdient haben, ordentlich und nachhaltig untergebracht zu sein. Und – bei den Wünschen hatte ich es schon gesagt: wir wollen 2021 auch wieder unsere Feste feiern: Stadtfest, Tag der Regionen, die Verleihung des Ehrenamtspreises und auch die vielen Feste und Jubiläen der Ortsteile. Ich glaube, wir haben da einiges nachzuholen. Politisch wollen wir endlich den schon lange angestrebten Jugendbeirat bilden. 2020 war die Gremienarbeit nicht immer ganz einfach – teilweise haben wir Sitzungen nur elektronisch umgesetzt – da war an eine ordentliche Einladung und Konstituierung nicht zu denken.

Was denken Sie: Wie lange wird Corona das öffentliche Leben noch beeinflussen?
Ich hoffe, dass wir zur Jahresmitte durch die freundlicheren Temperaturen und die Wirksamkeit der Impfungen wieder deutlich normaler leben können. Es ist nicht schlimm, wenn man sich um die Gesundheit seiner Mitmenschen auch weiterhin Gedanken macht und Rücksicht übt, aber es wäre schön, wenn die Zeit der Einschränkungen endlich ein Ende hat.

Gibt es persönliche Ziele, die Sie sich für 2021 gesetzt haben?
Durch das Herunterfahren des öffentlichen Lebens und die Kontaktbeschränkungen hatte ich in diesem Jahr etwas mehr Zeit, den Ausgleich auf dem Fahrrad zu suchen. Im nächsten Jahr werde ich mir sicher die eine oder andere sportliche Herausforderung suchen.