Oschersleben l Mit dem Ausbau von digitalen Angeboten im Internet steigt auch der Bedarf an größeren Datenmengen am heimischen Computer. Egal, ob Lieblingsserie beim Streaminganbieter, das gemeinsame Spielen an der Konsole oder der Videoanruf bei den entfernten Verwandten, alles verbraucht mittlerweile große Datenmenge und benötigt moderne Leitungen, die diese Datenströme bewältigen können. Bisher war das in Oschersleben nur in begrenztem Umfang möglich. Das hat sich nun offiziell geändert. Mit einem symbolischen Tastendruck hat die Stadt an der Bode das digitale Zeitalter eingeleitet – zumindest in den ersten Ortsteilen. Weitere Teile der Stadt sollen demnächst folgen.

„Heute können wir zum ersten Mal die Früchte unserer Arbeit in den letzten Jahren betrachten“, freute sich Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer (parteilos), als er am Mittwochvormittag den roten Knopf auf dem Parkplatz vor der Feuerwehr in Neindorf drückte. Hinter ihm stand ein kleines unscheinbares Häuschen, welches die digitale Zukunft in Oschersleben und Umgebung einläuten soll. Dass der rote Knopf nicht mal an ein Kabel angeschlossen war, störte in diesem Falle niemanden so wirklich, denn der symbolische Akt bedeutete für die Bodestadt vor allem eines: Zukünftig gibt es schnelles Internet für fast jeden Haushalt und Betrieb in Oschersleben und seinen Ortsteilen. „Es war ein doch sehr mühseliger Weg, aber letztendlich hat sich das Ergebnis ausgezahlt oder wird es noch.“

Aus Kupferleitung wird Glasfasernetz

Bisher hatten Internetanbieter nur auf das vorhandene Kupfernetz gesetzt, welches früher eigentlich nur für die analoge Sprachtelefonie gedacht war und somit aus nachvollziehbaren Gründen oftmals überlastet wurde. Ein Beispiel aus Glindenberg zeigt, welche Folgen das Kupfernetz für Vielnutzer hat. „Dort waren mehrere Haushalte in einer Straße an das Internet angeschlossen, jedoch wurde mit vielen Nutzern die Leistung immer schwächer, so dass der letzte Grundstücksbesitzer quasi auf dem Trockenen saß und gar kein Internet hatte“, erklärt Landrat Martin Stichnot (CDU). Als er Anfang 2014 das erste Mal von dem Projekt gehört hatte, hatte der Landrat selbst noch Zweifel. „Mittlerweile wurde ich eines Besseren belehrt und stehe voll hinter der Sache.“ Immerhin sollen zukünftig rund 2400 Kilometer Glasfaserleitung den Landkreis Börde durchziehen. Noch immer gebe es jedoch zu viele veraltete Leitungen im Landkreis. Dem wolle man nun in der Börde entgegenwirken. Normalerweise wird der Ausbau zum Glasfasernetz durch die großen Marktanbieter vollzogen, jedoch werden dort die Prioritäten anders gesetzt. So dass vor allem die großen Ballungszentren im Mittelpunkt des Ausbaus stehen und der ländliche Raum meist an letzterer Stelle steht. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, hatte sich der Landkreis Börde 2016 mit acht Gemeinden auf den Weg ins digitale Zeitalter gemacht und den Ausbau des bestehenden Netzes in die eigene Hand genommen.

April 2019 erfolgte der offizielle Spatenstich für das Netz der Zukunft an der Bode. Gut ein Jahr später steht die erste Verbindung. „Wir haben in diesem Jahr rund 98 Kilometer Tiefbauarbeiten durchgeführt und rund 178 Kilometer Rohre für Leitung verlegt“, bestätigte Kanngießer. Ausgebaut wurde das Glasfasernetz in den letzten Monaten in fast allen Ortsteilen der Stadt Oschersleben sowie dem Gewerbegebiet „Am Pfefferbach“. Ausnahmen gibt es dabei in der Kernstadt selber sowie im Ortsteil Ampfurth. Hier war der Versorgungsgrad bereits so hoch, dass keine Fördergelder für den Ausbau bewilligt wurden. Doch bis alle Ortsteile tatsächlich mit schnellem Internet versorgt sind, dauert es noch eine Weile. Der erste sogenannte „Cluster“ ist nun mit Neindorf, Neubrandsleben und Beckendorf an den Start gegangen. Im Spätherbst sollen das oben genannte Gewerbegebiet und der Ortsteil Hordorf folgen.

Geschwindigkeit steigt um das Zehnfache

Ausgebaut wird überall da, wo die verfügbare Internet-Geschwindigkeit weniger als 30 Mbit pro Sekunde beträgt. Zum Vergleich: Ein normaler Haushalt mit mehreren Nutzern sollte über mindestens 50 Mbit pro Sekunde verfügen. Um dieser Unterversorgung entgegen zu treten, hat sich die Stadt Oschersleben für das sogenannte Betreibermodell entschieden. Dabei wurde durch die Stadt ein passives Glasfaser-Netz eingerichtet, welches nun durch die Firma DNS:NET betrieben wird. Die Stadt verpachtet sozusagen ihr eigenes Glasfaser-Netz an einen Netzbetreiber. Mit dem Netzbetreiber scheint die Stadt ein glückliches Händchen bewiesen zu haben. Wie Anwohner beim symbolischen Startakt in Neindorf berichten, habe man bei ersten Versuchen eine Bandbreite von bis zu 539 Mbit pro Sekunde messen können.

Eine Steigerung um das Zehnfache, wie auch der IT-Chef der ortsansässigen Helios-Klinik bestätigt. „Bisher haben unsere Patienten immer die schlechte Internetanbindung bemängelt“, erklärt Denis Heinemann. Das habe sich nun geändert. Nun sei es den Patienten ohne Weiteres möglich, im Internet zu surfen oder ihren Lieblingsfilm anzuschauen. „In Zeiten von Krankenhausschließungen für Besucher wegen der Corona-Pandemie können unsere Patienten nun auch ohne große Probleme Kontakt zu ihren Angehörigen halten“, sichert Heinemann zu. Das sei zum Beispiel per Videotelefonie möglich. Für das medizinische Personal habe sich mit dem neuen Breitbandnetz nicht viel Neues getan. „Wir setzen seit einigen Jahren bereits auf eine eigene Glasfaserleitung, die extra gesichert ist.“ Immerhin würden hier hochsensible Daten ausgetauscht. Der einzige Vorteil sei nun für die Mitarbeiter, dass man für die Internetrecherche per Telefon nicht mehr das Gebäude verlassen müsse. „Über das W-Lan kann nun schnell gesucht werden. Das erleichtert natürlich die Abläufe und macht unser Personal auch schneller.“

180 Millionen Euro als Förderung

Die Kosten für das zukunftsorientierte Projekt betragen rund 2,5 Millionen Euro für die Stadt. „Und ich denke, dass das eine sehr gute Investition in unsere Zukunft ist“, bestätigte Bürgermeister Benjamin Kanngießer. 60 Prozent der Ausbaukosten wurden durch das Bundesförderprogramm Breitband finanziert. Für den Ausbau der digitalen Infrastruktur hat der Bund bis heute rund 6,1 Milliarden Euro zugesagt. Rund 180 Millionen Euro entfallen dafür auf den Landkreis Börde so Landrat Martin Stichnot (CDU). Mit dem neuen Glasfasernetz werde auch ein essentieller Grundstein für eine bessere Lebensqualität gesetzt. „Gerade junge Familien und große Unternehmen setzen bei ihrer Standortwahl unter anderem auf die Geschwindigkeit des Internets“, bestätigte auch Rainer Piroth von DNS:NET. Die neue digitale Infrastruktur könne man in Zukunft mit der von großen Metropolen wie Hamburg oder Berlin vergleichen.