Oschersleben l Der Marktplatz gilt traditionell als das Herz einer Stadt. In Oschersleben hat er sich seit den 90er Jahren stark verändert. Einige Teile des vermeintlich historischen Ensembles gibt es noch gar nicht so lange. Am 15. September 1993 berichtete die Volksstimme: „Zentrum der Kreisstadt soll anderes Gesicht bekommen“.

Laternen für den Marktplatz

Im Rahmen eines Wettbewerbs hatten verschiedene Planungsbüros Ideen eingereicht. Der Zuschlag ging nach Magdeburg. Doch bis die Arbeiten begannen, dauerte es noch etwas. Erst sollte die 1000-Jahr-Feier der Stadt 1994 vorüber sein. Entsprechend titelte die Volksstimme am 30. Juni 1995: „Marktplatzsanierung in Oschersleben geht langsam in die heiße Phase“. Aus DDR-Zeiten stammende Betonplatten wurden herausgerissen. An ihrer Stelle verlegten Arbeiter das heute vorhandene Granitpflaster. Auch die bisherige Beleuchtung hatte ausgedient. Stattdessen wurden sogenannte „Kandelaber-Laternen“ installiert, die dem Stil des 19. Jahrhunderts nachempfunden waren.

„‚Wir gestalten den Marktplatz für die kommenden Generationen‘, umreißt Paul Eldag die enorme Bedeutung der Arbeiten“, hieß es in einem Zeitungsartikel. Eldag arbeitete bei der Gesellschaft für Wohnungs- und Städtebau „Neue Heimat Niedersachsen“, aus der später die Deutsche BauBeCon AG wurde. Er leitete die Sanierung der Oschersleber Innenstadt.

Der Marktplatz verändert sich

Anfangs war der Marktplatz quadratisch. Später wurde er in Richtung des heute noch vorhandenen Parkplatzes erweitert. Im Gegenzug verschwand eine Straße, die früher Park- und Marktplatz trennte.

Der wichtigste Punkt im Zusammenhang mit der Neugestaltung war jedoch der Brunnen. Das heutige Exemplar ist einem Vorgänger nachempfunden, dessen Spur sich im Zweiten Weltkrieges verliert. Laut einem Volksstimme-Artikel vom 19. September 1995 stießen Arbeiter beim Pflastern des Marktplatzes auf die alten Fundamente. Doch der Brunnen selbst war verschwunden.

Im General-Anzeiger vom 21. August 1996 heißt es: „Die Geschichte des Oschersleber Marktbrunnens beginnt im Oktober des Jahres 1911, als die Wurst- und Fleischwarenfabrik August Lüder aus Oschersleben einen Marktbrunnen stiftet. Festgehalten wurde dieses Ereignis mit einer Inschrift auf der Westseite des Brunnens.“

Wo ist der Brunnen geblieben?

Aber: Wo dieser Brunnen geblieben ist, ist scheinbar unklar. Leserbriefe aus dem Jahr 1991 verweisen auf einen amerikanischen Luftangriff am 20. Februar 1944, der große Teile der Innenstadt zerstört hat. Wie eine Volksstimme-Leserin schreibt, wurde an diesem Tag „das alte Stadtzentrum von Oschersleben mit 310 Sprengbomben und 12.000 Brandbomben eingeäschert“.

Vorgänger des Brunnens ist im Krieg verschwun

In der oben genannten Ausgabe des General-Anzeigers findet sich eine andere Version. Mit Bezug auf den Brunnen steht dort: „In den Wirren des 2. Weltkrieges verliert sich seine Spur kurioserweise. Um ihn vor Bombenangriffen zu schützen, soll er abgebaut worden sein, um ihn an einem sicheren Ort aufzubewahren. Bis heute konnte niemand seinen genauen Verbleib klären. Es wird vermutet, daß für die Kriegsproduktion die Metallteile, also die Gänse, eingeschmolzen wurden. Der steinerne Unterbau wurde vielleicht zerschlagen.“

Neuentwurf nach Fotos

Wie auch immer: Der neue Brunnen sollte sich an diesem Vorbild orientieren. Mit der Herstellung wurde der Magdeburger Steinmetzbetrieb Paul Schuster beauftragt. Mehrere Tonnen Sandstein mussten laut dem genannten Bericht des General-Anzeigers bearbeitet werden. Das scheint nicht einfach gewesen zu sein. Eine Mitarbeiterin des Steinmetz-Betriebes wird mit den Worten zitiert: „Da es von dem Brunnen überhaupt keine Zeichnungen, keine Muster oder sonstigen Unterlagen mehr gibt, mußten wir anhand alter Fotos den Brunnen neu entwerfen“. Gesponsert wurde der Brunnen von der Bördesparkasse.

Die Einweihung wurde am 27. September 1996 mit einem großen Fest begangen. Laut Berichten waren mehrere Hundert Menschen mit dabei. Enthüllt wurde der neue Brunnen vom damaligen Bürgermeister Dieter Klenke und Werner Schäfer von der Bördesparkasse. Am Tag darauf berichtete die Volksstimme: „Klenke nannte es einen günstigen Umstand, daß die Einweihung des Marktbrunnens in das 600. Geburtsjahr des Rathauses fällt. Der Bürgermeister wünschte sich, daß der Brunnen eine Zierde für die Kreisstadt und eine Begegnungsstätte für ihre Bewohner werde.“ Zur Erinnerung an diesen Tag gab es Sonderpostkarten und Flaschen mit abgefülltem Brunnenwasser.

Brunnen beschädigt

Doch offenbar wussten nicht alle das neue Kunstwerk zu schätzen. Am 18. Januar 1997 berichtete die Volksstimme, dass eine Kamera an der Rathauswand angebracht wurde. Sie sollte den Brunnen Tag und Nacht im Blick behalten. Zur Begründung heißt es im Artikel: „Im August hatte der Bau des Brunnens begonnen, im September wurde er eingeweiht. Schon eine Woche später mußten die Pumpenfirmen erneut anrücken, weil der Brunnen beschädigt und Düsen abmontiert worden waren.“