Oschersleben l „Es sind ja doch mehr Kleingärtner gekommen als erwartet“, freut sich Benjamin Kanngießer und blickt in den Oschersleber Burgsaal. Der Bürgermeister hatte gemeinsam mit der Stadtverwaltung und dem Stadt- und Landschaftsplanungsbüro Stephan Westermann zum Werkstattgespräch im Rahmen des Integrierten Stadtentwicklungskozeptes (Isek) eingeladen.

Rund 30 Männer und Frauen von verschiedenen Kleingartenvereinen sind der Einladung gefolgt, sich am Kleingartenentwicklungskonzept 2030 zu beteiligen. Angemeldet hatte sich im Vorfeld gerade einmal die Hälfte. Laut Kanngießer sind solche Werkstattgespräche nötig, um die Zukunft der Kleingartenanlagen zu sichern. „Aufgrund der demografischen Entwicklung in unserer Stadt gibt es in manchen Anlagen große Leerstände und in anderen wiederum gar keinen. Dem müssen wir zukunftsorientiert entgegentreten“, erklärt Kanngießer zu Beginn der Veranstaltung. Mit dem ersten von drei Terminen wolle man vor allem den Ist-Zustand betrachten.

Daten und Fakten präsentiert

Genau diesen legt auch Stephan Westermann gleich zum Anfang fest und präsentiert die gesammelten Daten und Fakten. „Wenn es nach den aktuellen Bebauungsplänen geht, gibt es 52 Kleingartenanlagen im Stadtgebiet“, so Westermann. Das entspreche einer Fläche von 126 Hektar oder eben 176 Fußballfeldern. „Das wären nach unserer Rechnung etwa 2500 Parzellen.“ Dass das aber reine Theorie ist, gibt er gleich mit auf den Weg, denn längst nicht alle Flächen werden genutzt. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er sich auf Erkundungstour durch die Kernstadt und die Ortsteile begeben und jede Kleingartenanlage besucht. „In Summe können wir sagen, dass sich aktuell 87 Hektar tatsächlich in Nutzung befinden.“ Beim Rest handle es sich meist um verwilderte oder brache Flächen. „Ab und zu haben wir auch noch eine verlassene Gartenhütte gefunden“, sagt er und verweist zum Beispiel auf das Gelände am Mühlenanger in Oschersleben.

1900 Gärten vorhanden

Nach Überprüfung der Kleingartenanlagen sei man auf einen aktuellen Bestand von 1900 Parzellen mit kleingartenähnlicher Nutzung gekommen. Diese seien in 28 Kleingartenanlagen verteilt. Westermann mahnt aber auch, dass es viele leerstehende Gärten gebe. „Für das Jahr 2019 können wir sagen, das in etwa 26 Prozent der Parzellen leer standen.“ Im Klartext bedeutet dies, dass etwa jeder vierte Garten in Oschersleben leer steht. Westermann gibt aber auch gleichzeitig zu bedenken, dass dieser Wert auf verschiedenen Quellen beruhe. „Es könnte auch rein theoretisch mehr oder weniger Leerstand sein.“ Doch wie soll mit diesem Problem umgegangen werden?

Das soll gemeinsam mit den Kleingartenvereinen in dem Konzept entwickelt werden. Dafür hat das Berliner Planungsbüro drei Eckpfeiler erstellt, welche zusammen mit den Pächtern besprochen und entwickelt werden sollen. Punkt Eins ist dabei die Gewinnung neuer Mitglieder, Punkt Zwei die Umnutzung leerstehender Flächen. „Punkt Drei wird hier niemandem so richtig gefallen, aber dieser lässt sich an manchen Orten nicht vermeiden“, sagt Westermann mit Blick auf die anwesenden Vertreter der Kleingartenvereine. Dieser umfasst nämlich die Stilllegung oder Teilschließung von Kleingartenanlagen. Da der letzte Punkt so heikel und vor allem auch sehr umfangreich ist, was den Diskussionsbedarf angeht, soll dieser beim nächsten Termin in vier Wochen besprochen werden. Auch die ersten beiden Punkte sorgen für das eine oder andere angeregte Getuschel in den Reihen der Kleingärtner.

„Bei den Punkten Eins und Zwei haben wir ihre Kleingartenkolonien einfach mal unangekündigt besucht und deren Zustand bewertet“, erklärt der Planer den Anwesenden. Dabei habe man festgestellt, dass vor allem die Öffentlichkeitsarbeit sehr gering ausfalle. Zwar habe man überall Schaukästen gefunden, aber fast nirgendwo die Kontaktdaten des Vorstands. „Wie sollen Interessierte an sie herantreten, wenn es zum Beispiel keine Kontaktmöglichkeit gibt?“, fragt Stefan Westermann. Widerspruch zu diesem Punkt kommt von einem Vertreter der Kleingartenanlage „Am Bodestrand“. „Ich sehe es nicht ein, meine Telefonnummer öffentlich auszuhängen. Wer weiß, was damit für Schabernack getrieben wird.“ Außerdem wolle er auch keine Anrufe zu ungewöhnlichen Zeiten. Auch er wolle Zeit für sich.

Ein anderes Werbungsmittel sind Websites im Internet. „Hier haben genau zwei Vereine Seiten“, erklärt Westermann und verweist auf die Anlagen „Südost“ und „Gelber Weg“. An diesem Punkt hakt Olaf Weber, Vorsitzender des Verbandes der Kleingärtner der Region „Börde-Ohre“ e.V. ein: „Kleingartenanlagen haben die Möglichkeit, sich über unsere Verbands-Homepage zu präsentieren.“ Zwar seien elf Vereine aus Oschersleben auf der Website gelistet, aber keine habe Kontaktmöglichkeiten hinterlegt. Eine weitere Bemerkung in Sachen Mitgliederwerbung macht der Berliner Planer in Sachen Zugänglichkeit. „Wir haben Vereine, die sind für jeden zugänglich und andere wiederum sind komplett abgekapselt.“ Natürlich könne er auch die zweite Gruppe verstehen. Überall sei die Angst vor Einbrüchen hoch. Auch hier müsse ein Mittelweg auf lange Sicht gefunden werden.

Umnutzung von Parzellen

Beim zweiten Eckpfeiler des Kleingartenentwicklungskonzeptes sind die Oschersleber Vereine bereits auf einem guten Weg. „Leerstehende Parzellen müssen nicht unbedingt für zukünftige Pächter vorgehalten werden“, mahnt Westermann an. Auch andere Nutzungen seien möglich. Er denkt dabei zum Beispiel an Streuobstwiesen, wie es sie bereits in Hornhausen gibt, Imker- oder Gemeinschaftsgärten. „Da ist wirklich sehr viel möglich. Leerstehende Parzellen am Rand einer Kleingartenanlage können zum Beispiel auch als Stellflächen genutzt werden.“ Dass noch viel Arbeit für das Entwicklungskonzept nötig ist, weiß Stefan Westermann genauso gut, wie die anwesenden Kleingärtner. „Ich bin mir sicher, dass wir hier viel bewirken können, wenn wir an einem Strang ziehen.“ Vor allem für junge Menschen müsse die Attraktivität gesteigert werden.

Dem stimmt auch Olaf Weber zu. „Aktuell liegt der Altersdurchschnitt bei etwa 55 Jahren im Verband.“ Damit sei man zwar nicht unbedingt der älteste Verband in Sachsen-Anhalt, aber wünschenswert wäre es trotzdem, wenn sich auch mehr junge Menschen für Kleingärten interessieren würden.

Das nächste Werkstattgespräch zum Thema „Kleingartenentwicklungskonzept 2030“ soll nach aktuellem Stand am 10. November stattfinden. Dann steht das Thema Leerstandprognose und Problem mit der Lage der Kleingärten auf der Agenda. Im dritten Werkstattgespräch sollen dann erste Zielvereinbarungen mit den Kleingärten entwickelt werden.