Neindorf l „Also, im Sommer und Frühherbst sind Motorradfahrer eigentlich unsere Stammkunden“, erzählt Doktor Sebastian Massel. Er ist Chirurg in der Helios-Bördeklinik in Neindorf und gehört zu einem eingespielten medizinischen Team, welches jeden Tag Leben rettet.

Auch wenn die Verletzungsmuster der eingelieferten Zweiradfahrer oftmals am schlechtesten aussehen würden, habe man bisher einen großen Teil der „Stammkundschaft“ durchgebracht. „Besonders aus der Motorsportarena haben wir immer wieder die gleichen Patienten“, erzählt Massel. Dann werde es auch mal an einem Samstag etwas hektisch in der Notaufnahme. Immerhin stehe nur ein Schockraum zur Verfügung. Dabei handelt es sich um ein Behandlungszimmer, welches für schwierige Notfälle gedacht ist. Besonders Verletzte nach Verkehrsunfällen seien fast immer ein Fall für den Schockraum. Bevor es dorthin geht, werden die Menschen erst mit einem Rettungswagen angeliefert und im Triageraum begutachtet. Hier erfolgt die Übergabe des Patienten und eine erste Begutachtung der Verletzung oder des medizinischen Problems, welches der Auslöser für den Notfall ist. „Nicht jeder Notfall landet automatisch im Schockraum“, erklärt Jasmin Lasko. In der Notaufnahme gebe es mehrere Behandlungszimmer für die „nicht so dringenden Notfälle“. In diesen Räumen landen auch meist Patienten, welche den anderen Weg in die Notfallaufnahme wählen. „Die Patienten nutzen dann den Haupteingang der Klinik und landen dann früher oder später bei uns“, erzählt die Gesundheitspflegerin weiter. Grundsätzlich sei es so, dass es diese Patientengruppe meist am dringendsten habe. „Da können schon mal Wartezeiten von zwei bis drei Stunden entstehen.“ Denn Notfallpatienten, die mit dem Rettungswagen eingeliefert würden, hätten fast immer Vorrang. Dabei seien auch manche medizinische Notfälle aus dem Wartebereich der Notfallaufnahme nicht zu unterschätzen. „Da ist wirklich alles dabei. Von Bauchschmerzen, welche seit acht Wochen da sind, über Husten, Schnupfen, Heiserkeit, bis hin zum abgesägten Finger und dem Herzinfarkt.“

Das kann auch Doktor Massel bestätigen, er ist einer von drei diensthabenden Ärzten. Im 24 Stunden-Rhythmus stehen jeweils ein Chirurg, ein Internist und eine Anästhesist zur Verfügung. Gearbeitet wird von 7 Uhr bis 7 Uhr. Danach haben die Ärzte im Idealfall 24 Stunden frei. „Wir gehen aber tatsächlich erst, wenn beim letzten Patient die Übergabe gemacht wurde.“ Sebastian Massel hat zuvor am Universitätsklinikum in Magdeburg gearbeitet und sieht gerade bei seiner „Kundschaft“ einen signifikanten Unterschied. „Der typische Großstädter kommt mit jeder Kleinigkeit in die Notaufnahme, der Börde-Bürger harrt sprichwörtlich bis zum letzten Atemzug aus“, erzählt der Doktor. So seien schon Patienten vorstellig geworden, welche seit Tagen über akute Atemnot klagten oder ein paar Stunden zuvor sich den Arm gebrochen hatten und dann mit eigenen Auto in die Notaufnahme kamen. „Da merkt man schon, dass die Menschen im ländlichen Raum etwas härter gesotten sind.“ Das sei zwar nicht immer ideal, aber man könne den Menschen ja schlecht ihre Mentalität verdenken.

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Feuerwehr hilft aus

Dass bei 20 000 Patienten im Jahr - ähnlich hoch ist auch die Zahl im Universitätsklinikum in Magdeburg - auch mal der ein oder andere kuriose Fall dabei ist, versteht sich schon fast von selbst. „Ich kann mich noch gut an eine etwas korpulentere Dame erinnern, welche mit Bauchschmerzen zu uns gekommen ist“, erzählt Jasmin Lisko. In der Notaufnahme habe sich dann der Fall als unerkannte Schwangerschaft entpuppt. „Problem war halt nur, dass die Dame, unbewusst ihres bevorstehenden Glückes, weiterhin geraucht und getrunken hat.“ Wie es dem Kind heute geht, wisse sie leider nicht. Ein anderer Fall, welcher mindestens einmal im Quartal auftritt, betrifft Spielzeuge für zwischenmenschliche Beziehungen. Einer dieser Fälle hat sich Anfang Januar diesen Jahres in der Neindorfer Notaufnahme eingefunden. „Da musste einem Patienten ein Penisring entfernt werden, da wir da aber nicht weiterkamen, musste auch die Feuerwehr anrücken“, erzählt Lisko mit einem kleinen Schmunzeln. Mehr als zweieinhalb Stunden war die Feuerwehr letztendlich im Einsatz, um das heißgeliebte Spielzeug zu entfernen. „Am Ende bekommen wir ja doch jeden Notfall gemeistert. Das liegt nicht zuletzt an unserem eingespielten Team.“

Auch das Thema Coronavirus ist nicht ganz spurlos an der Neindorfer Notaufnahme vorbeigegangen. „Wir verfügen jetzt über zwei separierte Eingänge für die Anlieferungen durch Rettungswagen“, erklärt Lisko weiter. Wenn doch mal ein Patient mit Corona eingeliefert werden würde, könne das „normale Geschäft“ über den zweiten Eingang weiterlaufen. Schon seit der Inbetriebnahme der Notaufnahme vor zwei Jahren gebe es einen Behandlungsraum für infektiöse Patienten. „Das betreffe neben Menschen mit Coronavirus auch die, die zum Beispiel an multiresistente Keimen erkrankt sind.“ Der Raum verfügt über eine spezielle Belüftung, welcher die Keime oder Viren letztendlich abtötet oder zumindest einfängt.

Ein besonderes Highlight stand in der Bördeklinik in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag noch an. „Wir haben ein neues Patientenübersichtssystem in Betrieb genommen“, erklärt Kliniksprecherin Rebecca Jahn. Zum Glück sei das alles ohne Probleme verlaufen. „Der größte Akt war für unsere Belegschaft natürlich die Einpflege der bisherigen Patientendaten.“ Mehr als 120 Akten seien das gewesen, die übernommen wurden. „Zukünftig will sich die Klinik mit dem System moderner aufstellen. „Im Bezug auf die Notaufnahme bedeutet das in einem ersten Schritt, dass wartende Patienten sehen können, wann sie an der Reihe sind.“ Langfristig sei laut Jahn sogar geplant, dass man im Internet einsehen könne, wie die Auslastung der Notaufnahme aktuell sei. „Natürlich unter allen Gesichtspunkten des Datenschutzes. Patientendaten geben wir prinzipiell nicht raus.“ Insgesamt 597 Tage habe die Vorbereitung des neuen Systems gebraucht.