Oschersleben l Der Tod gehört ebenso zum Leben wie das Leben zum Tod. Doch wer mag sich schon zu Lebzeiten, in der Blüte seines Lebens, wie es immer so schön heißt, mit dem Tod beschäftigen? So trifft es Angehörige oftmals schwer, wenn sie sich mit einer Tod bringenden Diagnose ausein-andersetzen müssen, wenn sich das Leben eines geliebten Mitmenschen aus Altersgründen dem Ende neigt. Doch diese schwere Zeit müssen sie nicht allein bewältigen. Menschen wie Christiane Busse vom Ambulanten Hospizkreis Oschersleben stehen als ehrenamtliche Begleiter den Angehörigen zur Seite.

Die Hamersleberin Christiane Busse, 61 Jahre alt, Zahnmedizinische Fachangestellte von Beruf, gehörte 2010 zu jenen Frauen, die den ersten Ausbildungskurs des damals noch jungen Ambulanten Hospizkreis Oschersleben besuchte. Am 1. September 2011 nahm sie ihr Zertifikat entgegen. Damit hat sie sich in 105 Theoriestunden im Grundkurs und während eines Praktikums das Rüstzeug erworben, als ehrenamtliche Hospizbegleiterin zu arbeiten, Menschen durch ihre schwersten Stunden zu begleiten. „Die Entscheidung, im Ambulanten Hospizkreis mit zu arbeiten, war auch für mich ein Stück Trauerarbeit, denn ich hatte vor nicht allzu langer Zeit meine Eltern verloren. Später half mir meine ehrenamtliche Tätigkeit und die Erfahrungen aus der Arbeit als ehrenamtlicher Hospizbegleiter über den plötzlichen Tod meines Mannes hinweg“, berichtet sie.

Sterben als menschliche Erfahrung

Ja, sie war ein Stück weit erleichtert, dass sie nach einem sehr persönlichen Auswahlgespräch vor Ausbildungsbeginn mit Psychologen den „Zuschlag“ erhielt, bei der Ausbildung zum Hospizbegleiter dabei sein zu dürfen. „Für Außenstehende ist es sicher schwer vorstellbar: Doch mir hat die Arbeit als Hospizbegleiterin für mein eigenes Leben bislang sehr viel gegeben. Selten habe ich so viel Dankbarkeit gespürt“, meint die Hamersleberin. Menschen auf das Sterben vorzubereiten, gemeinsam mit den Angehörigen diesen schweren Weg zu gehen und sie später auch in ihrer Trauer aufzufangen, sie zu unterstützen: Das erklärt in wenigen Worten die Aufgaben eines ehrenamtlichen Hospizbegleiters.

„Die Kunst der Begleitung – Was die Gesellschaft von der ehrenamtlichen Hospizarbeit wissen sollte“ heißt ein Buch, welches gerade in diesen Tagen erschienen ist und sich mit der ehrenamtlichen Hospizarbeit beschäftigt. Die Autoren haben Frauen und Männer nach ihren Erfahrungen befragt, zusammenfassend heißt es: „Die Ehrenamtlichen bringen Sterben und Tod wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, sie machen das Lebensende zu einer menschlichen Erfahrung von Angesicht zu Angesicht. Indem sie beispielsweise einfach da sind und zuhören, nehmen sie Anteil am Leiden von Menschen und machen dieses durch ihre Präsenz auch öffentlich, entreißen es der gesellschaftlichen Tendenz zur Privatisierung. Das ist die politische Dimension der ehrenamtlichen Hospizarbeit.“

Im Buch ist auch von der „Kunst der Begleitung“ die Rede. Und das ist sie wohl tatsächlich, denn Menschen wie Christiane Busse finden Zugang zu völlig fremden Menschen, bauen Brücken und Beziehungen zu Personen, Familien und Freundinnen in der letzten Lebensphase.

Erster Fall bleibt in Erinnerung

Noch gut kann sich Christiane Busse an ihren ersten Fall während ihres Praktikums im Hospiz erinnern, an die Aufregung. Ein junger Mann, an Krebs erkrankt. „Werde ich die richtigen Worte finden“, so damals ihre Gedanken. Ein erster wichtiger Schritt ist das Aufbauen von Vertrauen. „Wie werde ich von den Familien, vom Kranken aufgenommen? Wer braucht die Begleitung? Wie krank ist der Betroffene? Bin ich nur für den Kranken oder nur für die Angehörigen da? All das sind Fragen, die immer zu Beginn einer Begleitung stehen wie auch die Frage ‚Darf ich wieder kommen?‘“, weiß Christiane Busse.

Sie weiß aber auch um die Ängste der Menschen. „Allein der Begriff Hospiz schreckt ab. Das ist häufig auch der Grund, warum sich Familien oftmals recht spät an uns wenden. Dabei bedeutet doch Hospiz Herberge. Und in dieser Herberge hat ein jeder Mensch ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen. Jeder hat es verdient, beim Sterben nicht allein zu sein. Viele Familienangehörigen sind am Ende sehr dankbar, dass sie gemeinsam mit uns Hospizbegleitern den Weg bis zum Tod ihres Angehörigen mit gegangen sind, dass wir gemeinsam die Ängste vor dem Tod gemeistert haben, dass sie sich verabschieden konnten, der Sterbende nicht allein gelassen wurde“, weiß Christiane Busse inzwischen aus Erfahrung. Sie weist zudem darauf hin, dass Angehörige bis zu 36 Stunden ihren Verstorbenen zu Hause lassen können. „Die Zeit zum Abschiednehmen sollten sich die Angehörigen nehmen.“

Ehrenamtliche Hospizbegleiter kommen in die häusliche Umgebung, besuchen Kranke in den Krankenhäusern, Hospize, gehen aber auch in die Altenheime.

Kein Pflegedienst

Viele Menschen würden sich heute wünschen, zu Hause sterben zu dürfen. „Wir sind kein Pflegedienst. Wir sitzen am Bett hören zu, hören rein. Erfüllen manchmal letzte Wünsche. Oft habe ich gespürt, wie wichtig es ist, dass einfach nur jemand da ist, die Hand hält“, berichtet die Hamersleberin. Jede Begleitung ist anders, stecken die Begleiter emotional unterschiedlich tief drin. Manchmal sei eine Begleitung sehr kurz, gehen andererseits auch über Jahre.

Wie finden Angehörige und die ehrenamtlichen Hospizbegleiter zueinander? „Die Familien, der Hausarzt oder Pflegedienste wenden sich an den Hospizkreis oder an die beiden Koordinatorinnen des Oschersleber Hospizkreises, Sabine von Zabiensky und Rosemarie Pape. Sie fahren zu einem Erstbesuch, wählen danach einen ,passenden‘ Hospizbegleiter aus“, erzählt Christiane Busse.

Nach dem ersten Ausbildungskurs begann der Ambulante Hospizkreis Oschersleben mit 13 Frauen zu arbeiten. Heute wirken 22 Frauen und auch zwei Männer mit. Alle acht Wochen gibt es die Möglichkeit der Supervision, können die Frauen und Männer ihre aktuelle Begleitung vorstellen, bekommen in schwierigen Situationen Hilfe und Unterstützung. „Doch mit den Jahren lernt man es, die Fälle nicht zu sehr an sich heranzulassen“, weiß sie heute.

Neuer Ausbildungskurs 2019

Anlässlich des Welthospiztags am 13. Oktober weist der Ambulante Hospizkreis Oschersleben auf einen neuen Ausbildungskurs im kommenden Jahr hin. Zudem ist anlässlich des Welthospiztages eine Veranstaltung für den 27. Oktober geplant. An diesem Tag erzählt Jana Raile unter der Überschrift „Das Wasser des Lebens“ Märchen von Leben und Tod.

Die Autorin und Erzählerin Jana Raile präsentiert eine bunte Auswahl von Märchen aus aller Welt. Die Rahmengeschichte bildet das Grimmsche Märchen „Das Wasser des Lebens“. Darin eingebettet ranken sich heitere und besinnliche Geschichten. Als Erzählkünstlerin verzaubert sie ihr Publikum mit eindrucksvoller Stimme, Mimik und Gestik, führt in bekannte und unbekannte Welten, erzählt vom Ringen mit dem Leben und dem Verhandeln mit dem Tod.

Lebendig und einfühlsam baut Jana Raile Brücken zwischen Fantasie und Wirklichkeit und zeigte uralte Wege der Weisheit der Völker neu auf. Das Leben zeigt sich als ewiger Kreislauf und der Tod als Teil des Lebens.

Märchen spenden Trost und geben Halt. Sie geben das Gefühl, dass man in seinem Schmerz erkannt und verstanden wird. So heilen Märchen Herz und Seele.