Berlin/Ampfurth l Konnte man eigentlich von der im Sommer aufgeflogenen Cannabis-Plantage im alten Ampfurther Gasthaus „Zur grünen Tanne“ etwas ahnen, wenn man als Nachbar in dem Dorf lebte? Dies war eine der größeren Fragen, die am Donnerstag vor dem Landgericht Berlin über der Anhörung von Ortsbürgermeister Andreas Schmalstieg schwebte. Der 48-Jährige sagte am fünften Tag des Prozesses, in dem vier in Untersuchungshaft sitzende Männer wegen Drogenhandels angeklagt sind, rund eine Stunde lang aus.

Schmalstieg, im Ort aufgewachsen und vor vielen Jahren wieder dorthin gezogen, kannte den angeklagten Eigentümer Martin K., der im Obergeschoss gewohnt haben soll, „nicht groß“. Öfter sei er von Bürgern wegen des Hauses angesprochen worden. Einmal stand ein Transporter so ungünstig, dass Autos über den Fußweg ausweichen mussten. Da habe er kurz mit einem der beiden Arbeiter, die Baumaterialien ins Gebäude trugen und eine Tür zumauerten, gesprochen. Es war nicht die einzige Veränderung am Gebäude im Verlaufe der vergangenen beiden Jahre. Mehrere Fenster im unteren Geschoss waren irgendwann mit Ytong-Steinen verschlossen oder deutlich verkleinert worden. „Wenn jemand im Dorf etwas zumauert wie Holl auf Boll, also hässlicher als vorher, dann fällt das natürlich auf“, so Andreas Schmalstieg.

Nur einmal gesehen

Von Einwohnern habe er auch erfahren, dass dort ein älterer Herr wohne, der immer mal mit dem Bus fahre. Einmal steuerte Schmalstieg den Landgasthof an, weil Dachziegel in der Regenrinne lagen; sie könnten, direkt an der Bushaltestelle, vielleicht Kindern auf den Kopf fallen. Ein Mann, der aus dem oberen Fenster schaute, versicherte, sich darum zu kümmern. Ob Schmalstieg den Mann wiedererkennen würde, wollte der Richter wissen. Das würde nichts bringen, war er sich sicher, er habe ihn nur einmal kurz gesehen. Zum Angeklagten K. drehte er sich am Donnerstag nicht um.

Verdächtiges in Sachen Cannabis-Plantage hatte Schmalstieg nicht wahrgenommen – und es sei ihm auch nichts erzählt worden. Jemand könnte allerdings mehr gewusst haben: Als der Ortsbürgermeister im Juli bei der Polizei aussagte, zeigte man ihm auch ein anonymes Schreiben. Datiert auf den 2. Mai, hatte darin ein sich selbst so nennender „aufmerksamer Bürger“ zusammengefasst, was er als „besorgniserregend“ beschrieb. Darin war die Rede von schwarzer Folie, Styropor-Platten an den Wänden und einem Lkw, der Säcke entlud, möglicherweise mit Erde. Im Dunkeln falle Licht durch Schlitze, Lüftungsgeräusche seien zu hören. Seit Februar 2020 würden dort nachts Autos parken, gefahren von Männern mit Migrationshintergrund.

Schmalstieg erklärte am Donnerstag, von all dem bei seinen Gesprächen im Ort nichts gehört zu haben – weder vor noch nach der Entdeckung und Durchsuchung der Plantage im Juni 2020. Auch Geruch von Rauschmitteln habe er nicht bemerkt. Den müsse man erstmal kennen, sagte er.

Als die Plantagen-Nutzung des Landgasthofes aufflog, da hatte Martin K. den Gasthof bereits für 12 000 Euro weiterverkauft. Um mehr darüber zu erfahren, versuchten Richter und Staatsanwältin, die wenig auskunftswillig wirkende Käuferin auszufragen. Ihr Ehemann habe den Gasthof erwerben wollen, ließ die im Kaufvertrag stehende Frau aus dem Polnischen übersetzen. Martin K. hatte ihnen beim Ausfüllen von Formularen geholfen. Bis deutlich wurde, dass die erste Rate von 9000 Euro beim Notar in bar übergeben worden war, brauchte es mehrere Fragerunden.

Wer den Verkauf warum initiierte, blieb diffus, und auch sonst waren die Absprachen ungewöhnlich: Martin K. habe dort ein lebenslanges Wohnrecht erhalten und habe machen können, was er wolle. Renovierung und Steuern übernehme die Eigentümerin, K. nur den Strom, Miete müsse er nicht zahlen. Schlüssel habe die künftige Eigentümerin nicht erhalten, als die letzte Kaufpreisrate bezahlt war. Und auch ein Auto überließen sie ihm.

Deutlich wurde, dass es aktuelle Planungen für die ehemalige Gaststätte des Dorfes nicht gibt. Wie der Ehemann der Eigentümerin („Der Preis war Bombe“) sagte, sei der Kauf eine Investition, auch für die Kinder, vielleicht in zehn oder 20 Jahren könne etwas passieren. Bis dahin soll nur das Notwendigste gemacht werden. Als er im Dezember 2019, kurz vor dem Kauf, das Erdgeschoss sah, war alles normal. Jetzt gibt es Schimmel, Dreck, Wände wurden entfernt. „Kann man alles retten, warum soll ich sauer auf ihn sein. Was bringt das? Nichts“, sagte der Ehemann. Was als Nächstes ansteht, weiß der gelernte Dachdecker schon: Das Dach.