Oschersleben l „Man hat es nicht begreifen können. Wir konnten kaum glauben, dass es wirklich eine friedliche Wiedervereinigung geben würde.“ Mit diesen Worten blickt Sabine Gummert auf den Herbst 1989 zurück. Als sie mit ihrem Mann nach dem 9. November zum ersten Mal in den Westen fuhr, habe sie gedacht: „Wir müssen das jetzt machen, übermorgen ist die Grenze wieder zu.“

Nicht an dauerhafte Öffnung geglaubt

Die 77-jährige Kinderärztin war in vielfältiger Hinsicht an der Wende beteiligt. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Neuen Forums in Oschersleben. Später saß sie mit am Runden Tisch. Unter anderem leitete Sabine Gummert den Untersuchungsausschuss für Amtsmissbrauch, Korruption und Gesetzesbeugung sowie den Gesundheitsausschuss. Auch nach der Wende war sie politisch aktiv.

Doch an den Tag, an dem die Grenze durchlässig wurde, hat sie ihre ganz eigenen Erinnerungen. Von den Ereignissen in Berlin, von den historischen Worten Günter Schabowskis in seiner Eigenschaft als Mitglied des Zentralkomitees der SED bekam Sabine Gummert zunächst nichts mit. „Ich war bei einer Veranstaltung in der Erweiterten Oberschule in der Lindenstraße“, erklärt die Kinderärztin. Es wurden die aktuellen Veränderungen und Ereignisse in der DDR diskutiert. „Ich habe mit großer Wut zugehört“, erinnert sich die 77-Jährige. „Schließlich habe ich mich gemeldet und gesagt, dass die Demonstrationen in den großen Städten beweisen, dass die Menschen in der DDR sich befreien wollen.“

Angst vor der Staatsmacht

Daraufhin habe der damalige Direktor der Puschkin-Schule die Faust erhoben. Er habe gemahnt, wie sie es wagen können, das Machtmonopol der SED infrage zu stellen. „Ich bin nach Hause gegangen, habe alle Jalousien heruntergelassen und gedacht: Jetzt wirst du verhaftet, jetzt wirst du abgeholt.“ Tatsächlich war sie allein. Denn ihr Mann war mit seiner Mutter im Westen zu Besuch bei Verwandten. Die erlösende Nachricht erreichte Sabine Gummert am nächsten Morgen. „Mein Mann rief aus Bonn an und sagte, dass die Mauer aufgegangen sei“, erzählt sie. „Für mich war es eine riesige Befreiung. Ich habe diesen Staat gehasst.“

Das hatte mehrere Gründe. „Die DDR war für mich ein Unrechtsstaat“, betont Sabine Gummert. Er habe sich vieler Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Dazu zählen für sie unter anderem die „Morde an der Mauer infolge des Schießbefehls“. Durch die Reisebeschränkungen habe die DDR Millionen Menschen ihrer Freiheit beraubt. Eine Möglichkeit zur offenen Meinungsäußerung habe es nicht gegeben. Dafür aber eine „ideologische Vergewaltigung des Geistes“ und Zwangsadoptionen.

Zwei Passierscheine in der Tasche

Nach eigener Aussage hatte Sabine Gummert Zuritt zu Bereichen, die den meisten Menschen verwehrt blieben. „Ich hatte zwei Passierscheine und konnte bis auf 50 Meter an die Grenze heran“, berichtet die 77-Jährige. Als Kreisjugendärztin habe sie alle Kindergärten betreut. Dazu gehörte auch eine Einrichtung in Marienborn, in der die Zöllnerinnen ihre Kinder unterbringen konnten.

Ihr Beruf bescherte ihr auch beklemmende Erfahrungen: „In der Kinderklinik Neindorf bekamen wir einige Male namenlose Kinder hingelegt. Wir sollten sie untersuchen, aber keine Fragen stellen. Am nächsten Morgen wurden die Kinder wieder abgeholt“, so Sabine Gummert.

Eine Mauer ging durch die Familie

Hinzu kam noch eine andere Dimension. Die Kinderärztin hatte vier Geschwister. Zwei lebten in Westdeutschland, ein Bruder in der Schweiz. „Bei uns ging die Mauer durch die Familie“, sagt Gummert. Auf der anderen Seite habe es auch Verwandte gegeben, die für die Stasi arbeiteten und Informationen sammelten. Auch für Sabine Gummerts Tochter war die Situation nicht leicht. „Wir sind Christen, unsere Tochter ist konfirmiert worden und sollte dann nicht studieren dürfen. Wir waren in keiner Partei und haben uns nicht verbiegen lassen“, berichtet die Kinderärztin. Das hatte Konsequenzen. Als ihre Tochter 19 Jahre alt war, habe man ihr angeboten, dass sie studieren und in den Westen reisen dürfe - wenn sie im Gegenzug für die Stasi arbeite. Ihre Tochter habe ohne Bedenkzeit abgelehnt. Aber: „Das hat mir die Verpflichtung auferlegt und mir Kraft gegeben für den Entschluss, dass es so nicht weitergehen kann, wenn sie meine 19-jährige Tochter für ihre Machenschaften einspannen wollen“, berichtet Sabine Gummert.

Als die Mauer fiel, habe ihre Tochter mit ihrem Freund sofort die Grenze abgefahren. Sie selbst habe mit ihrem Mann erst am darauf folgenden Wochenende Helmstedt besucht. Rückblickend erklärt sie: „Es war sehr bewegend, die Grenze zu überqueren.“ Allgemein hält Sabine Gummert fest: „In einer Demokratie zu leben, seine Meinung sagen und die Welt sehen können: das ist sehr viel. Es ist wunderbar, dass es so gekommen ist.“ Kritisch sieht sie es nach wie vor, dass es seitens der Verantwortlichen in der DDR nur selten eine Schuldanerkenntnis gegeben habe.