Ausbildung

Nachwuchs in der Krankenpflege: Wie junge Menschen in Oschersleben ihren Beruf lernen

Schichtarbeit, Personalmangel und Geschichten, die ans Herz gehen – zwei Auszubildende im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege haben sich ganz bewusst für einen Beruf in der Pflege entschieden. Der Volksstimme erzählen sie, wie ihr Alltag in der Helios Bördeklinik aussieht und über welche Vorurteile sie aufklären möchten.

Von Lena Bellon 04.07.2021, 17:12
Die Auszubildenden in der Neindorfer Helios Bördeklinik Shawne Ehrentraut (links) und Jennifer Arndt üben aneinander oft Blutdruck messen oder Blut abnehmen.
Die Auszubildenden in der Neindorfer Helios Bördeklinik Shawne Ehrentraut (links) und Jennifer Arndt üben aneinander oft Blutdruck messen oder Blut abnehmen. Foto: Lena Bellon

Oschersleben - „Du wäschst doch da nur alte Menschen“ oder „Das kann doch keinen Spaß machen“ – Sätze wie diese bekommen die beiden Auszubildenden Shawne Ehrentraut und Jennifer Arndt oft von Außenstehenden zu hören. Eine Ausbildung in der Pflege verlange zwar einiges ab, aber beide wussten genau, worauf sie sich einlassen.

„Ich komme ursprünglich aus der Altenpflege. Dann wurde ich vor ein paar Jahren selbst in der Helios Klinik operiert und wusste, dass ich hier beruflich einsteigen will“, berichtet die 26-jährige Jennifer Arndt. „Ich finde unseren Beruf toll, aber man muss schon den Willen mitbringen. In der Schule habe ich mitbekommen, dass einige die Ausbildung abgebrochen haben, weil sie gemerkt haben, dass es nicht der perfekte Beruf für sie ist.“ Sie empfehle allen Interessenten, dass sie sich über ein Praktikum oder ein Freiwilligen Soziales Jahr (FSJ) vor Beginn der Ausbildung genau anschauen, wie der Alltag aussieht und ob sie das wirklich machen wollen.

Man muss den Willen mitbringen

Die 19-jährige Shawne Ehrentraut bringt auch schon Erfahrung mit, als sie ihre Ausbildung beginnt: „In meiner Familie arbeiten viele in der Pflege, deshalb habe ich schon früh geholfen, als meine Oma sehr krank wurde. Nach der Schule habe ich hier in der Helios Klinik ein FSJ absolviert und anschließend die Ausbildung begonnen.“ Die beiden jungen Frauen sind sich einige, was sie an ihrem Beruf am meisten lieben: Dass sie den Menschen helfen können, die dringend Hilfe brauchen und die Dankbarkeit, die ihnen von den Patienten entgegenkommt.

„Der Pflegenotstand ist bekannt und trotzdem kommt von außen oft zu wenig Anerkennung. Auch wenn in der Pandemie klar wurde, wie notwendig unser Beruf ist, hat sich nichts für uns geändert: Überstunden, Bezahlung und Personalmangel sind unverändert“, berichtet Arndt. „Von den Patienten in der Klinik bekommen wir dafür aber umso mehr Anerkennung und Dankbarkeit“, ergänzt die 19-Jährige.

Der Pflegenotstand bedeute nicht nur Stress und Überstunden für das Personal im Krankenhaus, sondern vor allem weniger Zeit und Aufmerksamkeit für die Patienten. „Die Leute denken, wir waschen den ganzen Tag alte Leute und verteilen Essen. Das stimmt einfach nicht, aber ich glaube daher kommt auch der niedrige Stellenwert des Berufs in der Gesellschaft“, sagt Arndt.

Auf einer Station liegen im Durchschnitt 30 bis 40 Patienten, die manchmal von nur drei Pflegekräften versorgt werden müssen. Shawne Ehrentraut schildert den Ablauf einer Frühschicht: Um sechs Uhr morgens findet eine Dienstübergabe statt, bei der die Vorfälle in der Nacht und die Pläne für den Morgen besprochen werden. Welcher Patient hat welche Untersuchung? Hat sich der Zustand eines Patienten stark verändert? Nach der Besprechung beginnt die Körperpflege und Werte wie beispielsweise Blutdruck werden gemessen. Danach beginnt die Visite mit Schwestern und Ärzten, gleichzeitig beginnt die Verteilung des Frühstücks und bei Patienten mit Diabetes wird der Blutzucker gemessen. Anschließend werden Materialien aufgefüllt, Wasser nachgereicht, Blut abgenommen, Verbände gewechselt und Betten frisch bezogen. Patienten müssen dann zu Untersuchungen oder Operationen gebracht und wieder abgeholt werden.

Empathie hilft im Arbeitsalltag

„Mit der Klingel im Zimmer können die Patienten uns immer erreichen, aber je nach Personalstand kann es dann schon hektisch werden“, berichtet Ehrentraut. „Ich überlege mir immer, wie ich als Patient behandelt werden möchte und wie ich mich wohlfühlen würde. Das ist dann der Anspruch, den ich auch für die Patienten habe.“

Dadurch, dass die Helios Klinik nicht so groß ist, sei sowohl das Verhältnis unter den Kollegen als auch zu den Patienten sehr familiär. „Ich fühle mich wohl hier und würde gerne bleiben, wenn ich übernommen werden kann“, sagt die 19-Jährige Auszubildende. „Durch das familiäre Verhältnis hier gibt es aber eben auch manchmal Geschichten, die man mit nach Hause nimmt. Manche Patienten begleitet man so lange, umso schlimmer ist es, wenn es ihnen dann schlechter geht oder sie gar sterben. Aber das gehört zum Beruf dazu.“ Privates und Berufliches zu trennen, sei nicht immer leicht und müsse erst erlernt werden.

Aber trotz all der körperlichen und auch psychischen Belastung, sei auch oft Zeit für Spaß untereinander oder mit den Patienten. „Wir haben immer was zu lachen, das tut auch den Patienten gut“, sagt Ehrentraut und hofft, dass sich zukünftig noch mehr Menschen für eine Ausbildung in der Pflege entscheiden. „In der Berufsschule ist auch eine 47-Jährige, die noch einmal von vorne beginnen will, das ist auch möglich“, erzählt sie. Jennifer Arndt berichtet, dass sie vor Beginn der Ausbildung schon zwei Kinder hatte und auch das kein Problem darstelle. „Ich bin schon froh, dass ich von meiner Familie, meinem Mann und Freunden Unterstützung bekomme und es bedarf etwas Organisation. Aber meine beiden Söhne sind auf keinen Fall ein Hindernis für meine Ausbildung“, berichtet sie.

Ausbildung bietet viele Möglichkeiten

Eine erneuerte Form der Ausbildung wird seit vergangenem Jahr in der Bördeklinik angeboten und heißt nun Pflegefachfrau oder Pflegefachmann. Die Ausbildung bietet diversere Möglichkeiten der Spezialisierung für die Auszubildenden an, die es bisher nicht gab: „Wir können im dritten Lehrjahr zwischen beispielsweise Innerer Medizin oder Chirurgie entscheiden, aber so viele verschiedene Einblicke wie in der neuen Ausbildung haben wir nicht. Zum Beispiel für die Kinderstation bräuchten wir eine weitere Ausbildung, während die neuen Auszubildenden auch in die Kinderpflege hineinschauen können.“