Klein Oschersleben l Im Dezember 2017 gründete sich das Fachnetzwerk „IT-Schulstrukturen gemeinsam entwickeln“ mit dem Ziel, den Dialog zwischen Schulträgern, Schulpädagogen hinsichtlich der technischen Ausstattung zu forcieren. „Die Herausforderungen der Digitalisierung an den Schulen können wir nur gemeinsam meistern. In den verschiedenen Veranstaltungen der Vergangenheit konnten alle Beteiligten ihre Sichtweisen darlegen“, erklärt Silke Heick, Mitglied des Fachnetzwerkes und Leiterin der Förderschule Börde-Schule in Klein Oschersleben. Sie ist ein aktiver Verfechter der Digitalisierung an allen Schulformen Europas, ja der ganzen Welt und eben auch an Förderschulen. „So wie Schüler Lesen und Schreiben als Kulturtechnik seit Jahrhunderten erlernen, kommt nun die Digitalisierung als weitere Kulturtechnik hinzu. Allerdings erlangen 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen ihre digitalen Kompetenzen in der Freizeit und nicht in der Schule. Diesem Umstand müssen wir entgegenwirken“, sagt Silke Heick.

Inzwischen agiert das Fachnetzwerk, dem Schulleiter verschiedener Schulen und Schulformen, die Schulaufsicht, IT-Experten, Vertreter der Wissenschaft und Wirtschaft, außerschulische Partner angehören und das durch die deutsche Kinder- und Jugendstiftung gefördert wird, nicht nur länderübergreifend. So unterstützt Ralf Krause aus Nordrhein-Westfalen, der als ehemaliger Lehrer in der Lehrerfortbildung aktiv ist. Jetzt geht es im Fachnetzwerk auch international zu. Es mischt der Schweizer Dr. Basil Stotz genauso mit wie die Finnen Antti Sokero und Timo Ranz.

Knappe Ressourcen nicht nachhaltig genutzt

Wie das skandinavische Land die Digitalisierung der Schulen in Angriff nimmt, davon konnten sich einige Mitstreiter des Fachnetzwerkes bei einem Besuch im hohen Norden überzeugen.

„In Finnland hat die Bildung mit einem hohen praktischen Anteil allgemein, einer starken Eigenständigkeit der Schulen und Pädagogen und dem Selbstverständnis der Schulträger als Dienstleister für die Schulen, die selbst ihre Ausstattung definieren, und die Digitalisierung von Schule im Besonderen einen hohen Stellenwert. Bücher und das analoge Schreiben, das Erlernen vieler Sprachen werden von digitalen Medien wie Tablets, Computern und Laptops unterstützt“, berichtet Silke Heick, die mit nach Finnland gereist war.

Wie Digitalisierung gemeistert wird

Vor wenigen Tagen waren Antti Sokero und Timo Ranz an fünf Schulen in Sachsen-Anhalt unterwegs. Sie besuchten auch die Förderschule in Klein Oschersleben. Hier berichteten die ehemaligen finnischen Lehrer, die die IT-Firma „Opinsys“ gegründet haben, wie die Digitalisierung gemeistert wird. Die Vernetzung, jeweilige Anwendungen und auch die Nutzer- und Geräteverwaltung für die Schulen werde in einer sogenannten Image-Maske zusammengefasst und für jede Schule individuell zugeschnitten. Da Endgeräte wie Stand-PCs, Notebooks oder Tablets mit quelloffenen Programmen, sogenannter OpenSource-Software, arbeiten, ist das Alter der Technik im Grunde genommen egal. Das werde in Deutschland zum Teil anders gesehen. Mit knappen Ressourcen werde nicht immer nachhaltig gewirtschaftet, so dass nur wenige Schulen mit teuren Geräten, die teilweise mit teurer Lizenzsoftware läuft und kaum Einsatz im Unterricht findet. So komme digital-vernetztes Lernen in Schule, mal abgesehen vom schleppenden Breitbandausbau, nur schwer voran.

„Die Technik muss funktionieren. Die Lehrer an den Schulen können sich nicht auch noch damit beschäftigen, irgendwelche Probleme zu beheben“, meint Silke Heick. Staunend hörte sie wie auch die anderen Mitstreiter einer Gesprächsrunde in Klein Oschersleben, Dr. Basil Stotz, Holger Häberer (Landesschulamt), Daniela Küllertz (Deutscher Kinder- und Jugendschutzring), Martina Müller (Landkreis Harz) wie das „Krisenmanagement“ in Finnland funktioniert. Es gibt eine Hotline mit einer Reaktionszeit von 40 Sekunden, was nur deshalb funktioniert, weil das Puavo-System gemeinsam mit Pädagogen beständig an Schulbedarfe angepasst wird. Entsprechend ist es praxistauglich und es laufen nur wenige Störmeldungen an.

Im Landkreis Börde sei für Problemen mit der IT-Technik ein sogenanntes Ticket-System seit Januar 2019 eingeführt worden.

Computerkabinett ist nicht das Nonplusultra

Martina Müller, Leiterin im Bereich IT beim Schulträger Landkreis Harz, stellte die beispielgebende Strategie dieses Landkreises bei der Digitalisierung der Schulen vor. Geplant werde entlang pädagogischer Bedarfe. „Schul-IT geht nur miteinander, die Schulen entscheiden, welche Technik sie benötigen. So haben wir ganz neu begonnen. Die IT-Ausstattung einer Schule kann nicht vom Schreibtisch aus geplant werden. Jede Einrichtung hat ihren eigenen, ganz speziellen Bedarf“, berichtet Martina Müller. Dabei setzt der Landkreis auf offene Standards und Open Source. Der Träger steht beratend gemeinsam mit dem Fachnetzwerk zur Seite.

Mit den sogenannten Open-Source-Programmen, in Deutschland ist es zum Beispiel Linux, könne alten Computern ein neues Leben eingehaucht werden und ist kostengünstiger. „So haben wir in der Schweiz mit ‚alten‘ Computern, die oftmals in einer Firma nur zwei Jahre genutzt wurden, sieben Grundschulen ausgestattet“, berichtet Dr. Basil Stotz. In Finnland konnte so teilweise eine 1 zu 1 Ausstattung für die Schüler erreicht werden. An deutschen Schulen ist die Ausstattung unterschiedlich, mitunter liegt sie bei 1 zu 20. Das heißt, auf einen Computer kommen 20 Schüler. Wobei eben ein Computerraum für die Schulen nicht das Nonplusultra sei, digitales Lernen spiele sich nicht in diesem einzigen Raum ab.

Mehr über den eigenen Tellerrand schauen

Die 16 Bundesländer haben sich im Dezember 2016 mit dem Strategiepapier zur „Bildung in der digitalen Welt“ darauf verpflichtet, allen Schülern ab diesem Schuljahr zentrale Medienkompetenzen in sechs Kompetenzbereichen zu vermitteln. „Wenn das gelingen soll, müssen Schulen und Schulträger eng zusammen arbeiten und es bedarf der Qualifizierung des pädagogischen, aber auch des technischen Personals beim Träger“, so Daniela Küllertz von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Die Schulaufsicht unterstützt die Arbeit des Fachnetzwerkes, indem schulfachliche Referenten beratend zur Seite stehen.

Die Mitstreiter der Gesprächsrunde in Klein Oschersleben sind sich auch in einem anderem Punkt einig, warum die Digitalisierung an den Schulen schneller voranschreiten muss: „‚Wir müssen die Schulen fit machen für die jungen Leute, die von den Unis an unsere Schulen kommen. Die ohnehin schwierige Personalsituation bessert sich nicht, wenn wir nicht mit einer modernen Ausstattung punkten können“, ist Holger Häberer vom Landesschulamt überzeugt. Weiterhin bedauerte Holger Häberer, dass der IT-Bereich des Landkreises Börde die Möglichkeit des kollegialen Austausches nicht wahrgenommen hat. „Nur wenn man über den berühmten Tellerrand schaut, eröffnen sich neue Blickwinkel, Erkenntnisse und neue Kooperationen“, so Holger Häberer.