Oschersleben l Die Preisverleihung fand in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle statt. Mit dabei waren Sozialministerin Petra Grimm-Benne, Staatssekretärin Susi Möbbeck, die zugleich Integrationsbeauftragte der Landesregierung ist, und der Bundestagsabgeordnete Dr. Karamba Diaby.

Dank fürs Engagement

„Ihnen allen, die sich in der Flüchtlingshilfe, in der Integrationsarbeit und für das interkulturelle Zusammenleben engagieren, wollen wir heute ganz herzlich Danke sagen. Ihr Engagement ist umso bedeutsamer angesichts der Zunahme von Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit. Menschenhass und Ausgrenzung brauchen unseren entschiedenen Widerstand!“, erklärte Susi Möbbeck in ihrer Eröffnungsrede.

Gisela Werner ist dagegen bescheiden: „Ich bin eine von vielen. Warum sie ausgerechnet mich ausgezeichnet haben, weiß ich nicht“, erklärt die 72-Jährige. An die Anfänge ihres ehrenamtlichen Engagements erinnert sie sich gut: „Vor vier oder fünf Jahren war überall von Flüchtlingen die Rede - und davon, dass auch in Oschersleben eine Gemeinschaftsunterkunft entstehen sollte“, sagt sie. „Bei einer Einwohnerversammlung wurden Bedenken geäußert, und ich selbst war auch ein wenig unruhig.“ Doch die Oschersleberin entschied sich, auf die Geflüchteten zuzugehen. Die Gemeinschaftsunterkunft in der Stadt wird vom Malteser Hilfsdienst betrieben. Gisela Werner stattete der Einrichtung einen Besuch ab und fragte, ob man dort Hilfe brauchen könne. Damit fing alles an.

Hilfe für Familien aus anderen Ländern

Seither engagiert sich die 72-Jährige als Ansprechpartnerin für verschiedene Familien. „Die meisten Flüchtlinge, die ich kenne, kommen aus Afghanistan, manche aber auch aus dem Irak oder dem Iran“, berichtet Gisela Werner. Ihre erste Aufgabe bestand darin, einen Kindergartenplatz für ein kleines Mädchen zu finden. „Nächstes Jahr kommt sie schon in die Schule“, berichtet die 72-Jährige. „Sie ist sehr pfiffig und hat schnell Deutsch gelernt.“

Gisela Werners Engagement besteht aus unmittelbarer, direkter Alltagshilfe. Das kann zum Beispiel Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen sein. „Wer schon einige Jahre hier ist, bekommt die meisten Behördengänge alleine hin. Aber es gibt doch immer wieder Schwierigkeiten“, erzählt die Oschersleberin.

Guter Freund aus Afghanistan

Eine Familie habe beispielsweise eine Rechnung über eine Stromnachzahlung von mehr als 2000 Euro erhalten. Die Abschläge waren über einen längeren Zeitraum zu niedrig. Also nahm Gisela Werner Kontakt zum Energieversorger auf und machte eine Ratenzahlung ab.

Dem neunjährigen Abubaker aus Afghanistan gibt sie drei Mal in der Woche Nachhilfe, vor allem in Deutsch. „Ich bin ganz stolz auf sein letztes Zeugnis gewesen. Er hatte keine Vier, nur Einsen, Zweien und Dreien“, berichtet die 72-Jährige. „Da sind wir zusammen Eis essen gegangen.“ Das Praktische: Abubakers Lehrerin sei früher auch die Lehrerin ihres jüngsten Sohne gewesen, berichtet Gisela Werner.

Der Neunjährige sei sehr fleißig und strebsam. „Aber dann und wann merkt man eben, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist“, erklärt Gisela Werner. Gerade die Grammatik sei manchmal schwer. Aber Abubakers kleine Schwester habe auch schon gefragt, ob sie nicht ebenfalls Nachhilfe bekommen könne, sobald sie zur Schule geht.

Mehr als nur Nachhilfe

Gisela Werners Engagement beschränkt sich nicht nur auf Nachhilfe. Sie war mit dem Neunjährigen auch schon zum Weihnachtsmarkt, beim Schwimmen oder im Harz. „Ich habe ihn richtig liebgewonnen“, sagt sie. Auch die Nachbarn würden sich freuen, dass Abubaker regelmäßig bei ihr vorbeischaue.

Mitglied in der AG Willkommenskultur

Durch die Besuche in der Gemeinschaftsunterkunft lernte Gisela Werner auch die Arbeitsgemeinschaft Willkommenskultur kennen. „Zum Tag der Regionen hatte sie dort einen Info-Stand“, berichtet die Oschersleberin. Zur Arbeitsgemeinschaft gehören zahlreiche Menschen, die sich in ähnlicher Weise engagieren. „Einmal im Monat kommen wir im evangelischen Gemeindehaus zusammen, um neue Vorhaben und Projekte zu besprechen“, erklärt Gisela Werner.

Jeden Dienstag und Donnerstag treffe man sich mit den Flüchtlingsfamilien. Auch sonst stehe man für Fragen jederzeit bereit. Oft gehe es um ganz praktische Dinge, wie zum Beispiel: Darf man in Deutschland in der Öffentlichkeit stillen? Zur Arbeitsgemeinschaft Willkommenskultur gehören laut Gisela Werner auch einige ehemalige Lehrerinnen, die gerade den Kindern aus geflüchteten Familien besonders gut helfen können.

Aktiv in der Frauenrunde

Darüber hinaus ist Gisela Werner auch bei einer Frauenrunde aktiv. Die Teilnehmerinnen aus verschiedenen Ländern treffen sich zum Basteln oder Handarbeiten. Die Ergebnisse wurden zum Beispiel beim Besonderen Weihnachtsmarkt der Matthias-Claudius-Haus-Stiftung angeboten.

Kinder aus geflüchteten Familien haben Gisela Werner und weitere Frauen aus der AG Willkommenskultur auch schon mit in die Bibliothek genommen. „Das hat ihnen sehr gefallen. Einige haben sich gleich angemeldet“, so die 72-Jährige. Abubaker etwa interessiere sich sehr für Ritter. Wenn er groß sei, wolle er Polizist werden. Der Vater aus der Familie, zu der sie zuerst Kontakt aufgenommen hat, geht mittlerweile selbst wieder zur Schule, weil er einen neuen Beruf erlernen möchte.

Für Gisela Werners Engagement gibt es zwei Motivationen: „Zum einen helfe ich gern. Es ist aber auch Neugier dabei“, berichtet sie. Durch den Kontakt zu Menschen aus anderen Ländern erfahre sie mehr über deren Heimat und Kultur. Mit einigen verbinde sie mittlerweile eine echte Freundschaft. „Das hat mein Leben sehr bereichert“, betont sie. Es sei eine Aufgabe, die sie erfülle, bei der man voneinander lerne und auch viel zurückbekomme. Mit ihrem Engagement aufzuhören, kann sich Gisela Werner nicht vorstellen. „Es hält mich frisch. Und ich hoffe, dass ich das mit meinen 72 Jahren noch lange machen kann“, bekräftigt sie.