Oschersleben l „Heute kann es nur einen Sieger geben. Doch wenn euch Fehler passieren, nicht traurig sein, denn den zweiten Platz habt ihr alle schon.“ Mit diesen Sätzen begrüßte Gunhild Dannenberg, Deutschlehrerin und Fachschaftsleiterin Deutsch, am Montagnachmittag zehn Mädchen und Jungen der sechsten Klasse der Puschkin-Sekundarschule in Oschersleben. Sie waren angetreten, um ihr Lesekönnen zu beweisen und damit um die Krone des besten Vorlesers zu wetteifern.

Eine sechsköpfige Jury, allesamt Deutschlehrerinnen, sollten nach strengen Kriterien die Leistungen der Schüler bewerten. Dabei hatten die Richterinnen insbesondere die Lesetechnik, die Interpretation sowie die Textauswahl zu beurteilen. Zwei Texte mussten die Wettbewerbsteilnehmer präsentieren: einen Auszug aus einem Buch ihrer Wahl sowie einen bisher unbekannten Text.

600 000 Schüler nehmen am Wettbew

Rund eine halbe Stunde dauerte der erste Durchgang. Während dieser Zeit stellten die Schüler ihre Bücher vor und lasen daraus vor. Die präsentierten Passagen gaben einen Einblick in die Literaturauswahl der Mädchen und Jungen. Die Werke handelten l vom Überleben von Hunden in einer Stadt, vom Kampf der Eulen, von der Liebe, von Zeitreisen oder von Piraten. Ein Schüler las über den 1. FCM und ein anderer aus „Gregs Tagebuch“.

Im zweiten Teil des Vorlesewettbewerbs wurden Passage und Buch vorgegeben. Mit „Pippi Langstrumpf“ bekamen zwar alle Mädchen und Jungen das gleiche Buch in die Hand, doch der zu lesende Auszug war für jeden jeweils ein anderer.

Nach etwa einer weiteren halben Stunde zog sich die sechsköpfige Jury zur Beratung zurück. „Das war ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen“, machte es Gunhild Dannenberg anschließend noch einmal spannend, bevor sie den Namen des Siegers nannte. Die beste Vorleserin der Puschkin-Sekundarschule wurde Jolina Fliegner. Sie hatte aus dem Buch „Das Geisterpferd von Meadow Green“ der Autorin Anne Louise MacDonald vorgelesen. Nicht nur das nahezu fehlerfreie Vortragen begeisterte die Jury, sondern auch der Ausdruck und die Intonation des Vorgelesenen.

Urkunde und Buch

„Ich lese gerne, am liebsten abends im Bett bevor ich einschlafe“, erklärte die soeben gekürte „Lesekönigin“. Wie alle anderen Teilnehmer erhielt Jolina neben einer Urkunde auch ein Buch geschenkt. „Damit werde ich beim nächsten Vorlesewettbewerb antreten“, versprach die Zwölfjährige.

„Die meisten Schüler haben sich vor dem Wettbewerb richtig Gedanken gemacht, welches Buch sie wohl vorlesen sollten. Die waren richtig bei der Sache. Das ist doch besser, als vor dem Computer zu sitzen oder sich mit DVDs zu beschäftigen“, freute sich Deutschlehrerin Gunhild Dannenberg über den Ausgang des Wettstreites an ihrer Schule.

Der Vorlesewettbewerb wird seit 1959 jedes Jahr vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und kulturellen Einrichtungen veranstaltet. Er steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Rund 600 000 Schüler nehmen jedes Jahr daran.

Durch die Initiative soll durch selbstständige, intensive und kreative Beschäftigung mit Büchern die Lesemotivation junger Menschen gefördert sowie soziale und sprachliche Kompetenzen gestärkt werden.

Sollte Jolina Fliegner mit ihren Vorleseleistungen weiterhin die Jurys überzeugen, hat sie sogar die Chance, am Bundeswettbewerb am 22. Juni 2016 in Berlin teilzunehmen – und vielleicht wieder eine Urkunde und ein neues Buch mit nach Hause zu nehmen.