Oschersleben l „Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit. Otto, von Gottes wohlwollenden Gnaden König.“: Mit diesen Worten beginnt die Urkunde vom 23. November 994. Und damit auch der offizielle Teil von Oscherslebens Geschichte. Immerhin: Laut Günther Blume, der eine dreibändige Chronik der Stadt verfasst hat, zählt Oschersleben damit zu den ältesten Städten in Deutschland.

Abbildung der Urkunde im Museum

Eine Abbildung der Urkunde ist im Museum der Stadt zu sehen. Das Original liegt im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden. In dieser Urkunde verlieh der gerade einmal 14 Jahre alte König dem Servatiusstift Quedlinburg, dem seine Tante und seine Großmutter vorstanden, das Markt-, Münz- und Zollrecht für ein ausgedehntes Gebiet. Oschersleben diente dabei als Grenzort, um zu zeigen, wo dieses Gebiet endete. Auf dieser Angabe fußt das aktuelle Jubiläumsjahr, das Oschersleben jeden Monat mit verschiedenen Veranstaltungen begeht.

Doch wie sah die Welt im Jahr 994 aus? Zunächst einmal schien sie kleiner. Wesentliche Teile, wie zum Beispiel Amerika, waren aus europäischer Sicht noch unentdeckt. Deutschland im heutigen Sinne gab es nicht. An seiner Stelle erstreckte sich das „Heilige Römische Reich“, zu dem auch ein guter Teil des heutigen Italiens gehörte. Die Kaiser sahen sich als Nachfolger der antiken römischen Herrscher.

Gerade Otto III. schien dieser Gedanke zu gefallen. Auf Münzen ließ er die Worte „Renovatio Imperii“ prägen. Damit war die Erneuerung des römischen Reiches gemeint - auch wenn der tatsächliche Herrschaftsbereich Ottos III. deutlich davon abwich.

Derr König stellte die Urkunde aus

Das Land besaß zu dieser Zeit auch keine Hauptstadt. Der König tingelte mit seinem Gefolge von einem Ort zum anderen. Auf diese Weise zeigte er Präsenz und sprach Recht. Es war eine große Ehre, den König beziehungsweise Kaiser zu beherbergen. Lange sollte er aber lieber nicht bleiben. Es war schwer, so viele Menschen zusätzlich zu versorgen.

Die Welt schien kleiner

Aber auch, wenn die Welt kleiner schien, gab es ausgeprägte internationale Beziehungen. Zwei Jahre nach der Ausstellung der Urkunde zog Otto III. nach Rom, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Seine Mutter war eine byzantinische Prinzessin namens Theophanu.

Wie genau Oschersleben zu dieser Zeit aussah, lässt sich nur schwer sagen. Wie Stadtarchivar Mathias Schulte erklärt, gab es bisher relativ wenige archäologische Untersuchungen. Sicher ist: Der Ort war nicht so groß. Eine genaue Einwohnerzahl lässt sich laut Mathias Schulte nicht zuverlässig ermitteln. Aber eine Stadt mit 20 000 Einwohnern hätte im Jahr 994 als Metropole gegolten.

Zwei Könige kamen zu Besuch

Trotzdem erhielt der Ort mindestens zweimal Besuch von Königen. 1010 stellte Heinrich II. hier eine Urkunde aus. 1065 war Heinrich IV. zu Gast. Allgemein war Oschersleben ein vielversprechender Siedlungsplatz. Die Börde bot fruchtbares Land, die Bode versorgte die Menschen mit Wasser. Allerdings hatte der Fluss laut Mathias Schulte im frühen Mittelalter noch einen anderen Verlauf. Sie führte südöstlich an Oschersleben vorbei.

Auch strategisch war der Ort günstig. Es gibt eine Kuppe aus Lößboden, die sich über das umliegende Gelände erhebt. Heute stehen dort die Reste der Burg, aber auch vorher dürfte dieser Platz Vorteile bei der Verteidigung geboten haben. Westlich der Stadt bis nach Hornburg erstreckte sich mit dem Großen Bruch ein Sumpfgebiet. Dank eines sogenannten Knüppeldammes konnte man es bei Oschersleben sicher durchqueren. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich ein Weg, der mit Holzbohlen oder Rundhölzern befestigt ist. Außerdem ließ sich hier die Bode überqueren. Wege führten unter anderem nach Magdeburg und nach Halberstadt.

„Hockergrab“: Indiz für älteres Oscher

Die damaligen Verhältnisse spiegeln sich laut dem Archivar noch heute im Stadtwappen wieder. Die drei Rohrkolben würden den Sumpf symbolisieren und die beiden Schlüssel die Überwege über Bode und Großes Bruch.

Wie Mathias Schulte erklärt, wurde bei Untersuchungen in der Halberstädter Straße ein „Hockergrab“ gefunden. Damit ist nicht die Beisetzungsstelle eines Möbelstücks gemeint. Es geht um einen Menschen, der mit angewinkelten Armen und Beinen beerdigt wurde - so als würde er hocken. Diese Art der Bestattung ist sehr alt. Sie reicht bis in die Steinzeit zurück und liefert ein Indiz dafür, dass das heutige Oschersleben schon lange vor seiner ersten schriftlichen Erwähnung Menschen als Heimat diente.

Anlässlich der 1000-Jahr-Feier Oscherslebens gab das Kulturamt der Stadt eine Festschrift heraus. Darin schreibt Werner Heyer, dass bereits im 3. oder 4. Jahrhundert eine erste Siedlung gegründet wurde. Dieses „Alte Dorf“ findet sich in Form der Alten Dorfstraße noch heute im Stadtbild wieder. Im 10. Jahrhundert kam laut Günther Blume noch eine Marktsiedlung hinzu. Aus ihr entwickelte sich die heutige Stadt. Auch Klein Oschersleben habe es 994 schon gegeben.

Eine Festung im Sumpf

Um den erwähnten Damm zu schützen, wurde eine Sumpffestung angelegt, die später von den Landesherrn zur Burg umgebaut wurde. Im Jahr 806 wurde laut Werner Heyer wahrscheinlich die Stephanuskirche auf dem Gelände des heutigen Burghofes errichtet. Allerdings sei sie im 17. Jahrhundert abgerissen worden, in dem auch mehrere große Brände die Stadt verheerten. Die ältesten heute noch erhaltenen Teile der Burg stammen laut Mathias Schulte vom Anfang des 13. Jahrhunderts.