Warsleben l Das Gesicht von Enrico Schwartz spricht Bände. In seiner Stimme schwingt Enttäuschung mit. Keine Spur von den vermissten amerikanischen Soldaten. Die neuerliche Suche hat nichts gebracht.

Schlussstrich unter den Fall

Im Mai dieses Jahres war der Bremer, der seit über zwanzig Jahren mit ehrenamtlichen Mitstreitern des MAACRT (Missing Allied Air Crew Research Team) mit der Vermisstenaufklärung von Alliierten betraut ist, schon einmal nach Warsleben gekommen. Einen Schlussstrich wollte er ziehen. Mehr als drei Jahre hat ein Team vergeblich versucht, vier vermisste amerikanische Soldaten aufzuspüren. Seit April 1945 verliert sich von den Männern jede Spur. Die Frage, was am 10. April 1945 in der Gemarkung zwischen Beckendorf und Warsleben passiert ist, lässt sich einfach nicht beantworten. Auch nach drei Jahren Suche nicht.

Deshalb ist Enrico Schwartz am 23. Mai nach Warsleben gekommen. Vor Bürgermeister Dietmar Schmidt, Frank Dietrich, Norbert Swigulski und Fredi Tobin lässt er an diesem Tag die Suche nach den Vermissten an verschiedenen Punkten rund um Warsleben noch einmal Revue passieren. Doch im gemeinsamen Gedankenaustausch kommen wieder neue Überlegungen ins Spiel.

Suche an der falschen Stelle?

Bis dato ist das Team von Enrico Schwartz davon ausgegangen, dass sich die Spur der jungen amerikanischen Luftwaffenangehörigen, die noch in den letzten Kriegsstunden von 1945 in deutsche Gefangenschaft gerieten, in der Nähe der ehemaligen Badeanstalt von Warsleben, verliert. Doch die Gespräche im Mai brachten die Gegend an einer ehemaligen Ziegelei in den Fokus der Nachforschungen. Wurde bislang an der falschen Stelle gesucht?

Deshalb ist sich Enrico Schwartz nach seinem Besuch in Warsleben am 23. Mai nicht mehr sicher, ob die Geschichte tatsächlich einen Abschluss findet.

Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Nach dem Besuch im Mai ergab sich die Gelegenheit, noch einmal mit einem älteren Bürger aus Warsleben zu reden. Auch er bringt die alte Ziegelei ins Spiel, zeigt Enrico Schwartz das Areal.

Auf den Feldern wächst zu diesem Zeitpunkt noch Getreide, neuerliche Aktionen müssen warten.

Graben mit schwerem Gerät

Am 22. August ist es soweit. Das MAACR-Team macht sich erneut auf die Suche. Neben Enrico Schwartz und seiner Frau Martina ist der Vermessungstechniker Ralf Patela dabei, unterstützen erneut die Warsleber Frank Dietrich, Landwirt Andreas Wendt, Ricardo Reimann sowie Olaf Nehrig, der das schwere Grabungsgerät mit größter Sorgfalt an dem Wochenende steuert, die ehrenamtliche Suche.

Neben den bisherigen Rechercheergebnissen werden historische Luftaufnahmen einbezogen. „Sie sind oft wie heimliche Zeitzeugen. Allerdings lassen sich die Koordinaten nicht zweifelsfrei auf die Felder übertragen“, berichtet Enrico Schwartz. Die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhafen ist erneut vergebens. Nach einigen Stunden brechen die Männer ab, schieben die Erdmassen wieder an Ort und Stelle.

Zeitzeugen melden sich

Nach einer Veröffentlichung in der Volksstimme am 2. Juni über die Suche nach den vermissten amerikanischen Soldaten haben sich verschiedene Zeitzeugen aus Warsleben und Umgebung bei Enrico Schwartz gemeldet. Auch ein Auszug aus der Chronik der katholischen Kirchengemeinde Oschersleben wird zu einem wichtigen Puzzleteil zum Verständnis der historischen Ereignisse. In der Chronik der Gemeinde wird darüber berichtet, dass am 11./ 12. April 1945 die Amerikaner nach Oschersleben gekommen sind. Die Schilderungen lesen sich sehr spannend. „Wenn es sich auch um Geschehnisse von Oschersleben handelt, so sind die hierin beschriebenen historischen Ereignisse, wie der Einmarsch der Amerikaner sowie die Stimmung unter den Einwohnern anschaulich geschildert und bestätigen auch die Zeitzeugenaussagen der Einwohner mit Bezug auf Ausleben/Warsleben. Damit lassen sich die vermuteten schrecklichen Ereignisse um die verschwundenen jungen Männer fast auf die Stunde genau eingrenzen. Das was sich damals im Ortsbereich Warsleben ereignet haben muss, kann nur in den Abendstunden des 10. April geschehen sein“. Davon ist Enrico Schwartz inzwischen überzeugt. „Damit gibt es eine sehr tragische Wahrheit: Die vermissten amerikanischen Soldaten haben um nur wenige Stunden ihre Befreiung nicht mehr erlebt, ist Schwartz sicher.

Ist die Suche nach der Aktion am 22. August endgültig beendet?

„Nun, es wäre natürlich ein großer Erfolg gewesen, bestimmt auch verdient für alle, die bislang mithalfen und das MAACRT in dieser humanitären Mission so großartig unterstützen. Aber ein derartig komplizierter Vermisstenfall lässt sich leider nicht in einer Wochenend-Aktion abschließen. Wir sind für alle Hilfe und Unterstützung mehr als dankbar und hoffen einfach noch auf weiteres Verständnis, insbesondere bei den Menschen von Warsleben. Wenn wir dürfen, kommen wir wieder“, sagt Enrico Schwartz.