Oschersleben l „Vorlesen ist für die kindliche Entwicklung sehr wichtig“, erklärt Anja Minks. Als Logopädin behandelt sie in Oschersleben unter anderem Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen. Sprache ist ihr Beruf. „Wenn Eltern ihrem Kind vorlesen, trainiert das die Ausdauer, Konzentration, Merkfähigkeit und Artikulation“, erklärt sie. Das zahle sich aus: „Kinder, denen vorgelesen wird, sind später oft besser in der Schule.“

Vorleser werden weniger

Aber leider werde heute deutlich weniger vorgelesen als früher. „Ich bin seit 25 Jahren Logopädin. In dieser Zeit hat sich die Sprachentwicklung bei Kindern sehr verändert“, informiert Anja Minks. Fernseher, Tablets und Smartphones seien eine harte Konkurrenz für Bücher. „Wenn ich meine Kinder davor setze, habe ich als Elternteil einen Moment meine Ruhe“, so die Logopädin. Aber wenn das zu oft geschehe, könne es Konsequenzen haben. Elektronische Medien würden sehr viele Reize auf einmal aussenden. Das mache Kinder unruhig.

Lesen dagegen fördere die Sprachentwicklung. Denn: „Wer vorliest, spricht in der Regel langsamer und deutlicher als in Alltagssituationen“, führt Anja Minks aus. Silben würden seltener verschliffen oder verschluckt. Das Kind bekomme ein Gefühl für den Rhythmus der Sprache.

Für den richtigen Rhythmus

Positiver Nebeneffekt: Durch das Vorlesen entsteht ein Gefühl der Nähe. Das stärke die Beziehung von Eltern und Kind. Solche Erfahrungen seien wichtig, damit sich Kinder in ihrem weiteren Leben auch auf andere Beziehungen einlassen können. Deshalb seien selbst Hörbücher kein vollwertiger Ersatz.

„Oft haben Eltern eine gewisse Scheu vor dem Vorlesen“, berichtet Anja Minks. „Manche sorgen sich, dass sie es vielleicht nicht gut genug könnten.“ Trotzdem lohne es sich, sich die Zeit zu nehmen und es einfach auszuprobieren.

Die Zeit muss gefunden werden

Apropos Zeit: Wie oft vorgelesen werde, hänge nicht unbedingt mit der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht zusammen. Vielmehr gehe es darum, die Zeit dafür zu finden. Das sei angesichts piepender Telefone und ständiger Erreichbarkeit nicht immer leicht. Dabei sei ein Vorlese-Ritual vor dem Schlafengehen eine hervorragende Möglichkeit, um Kinder zur Ruhe kommen zu lassen.

Wichtig für den Wortschatz

Eine ähnliche Position vertritt Gabi Geppert. Sie leitet die Kindertagesstätte „Anne Frank“ in Hornhausen. „Vorlesen ist sehr, sehr wichtig. Die Satzbau-Fähigkeiten und der Wortschatz werden dadurch erweitert. Die Wahrnehmungsfähigkeit wird geschult“, betont sie. Aber: „Gerade das Zuhören: Das können nicht mehr viele Kinder“, so Gabi Geppert. Da sie auch im Hortbereich arbeite, merke sie dort häufig, dass Kindern das Lesen zunehmend schwer falle. Viele hätten keine Beziehung mehr zum Medium Buch.

Innerhalb der Kita spiele das Vorlesen aber eine wichtige Rolle. „Ein Lesevormittag ist gemütlich und wichtig für die soziale Bindung“, sagt die Einrichtungsleiterin. Die Kinder würden zusammensitzen und könnten hinterher zu den Geschichten etwas malen. Aus guten Gründen gebe es sowohl im Kita- als auch im Hortbereich eine eigene, kleine Bibliothek.

Gefühl von menschlicher Nähe

Daniela Willenius-Russ leitet die beiden DRK-Kitas „4 Jahreszeiten“ und „Tausendfühler“. Sie erklärt: „Ich persönliche sehe das Vorlesen als sehr wichtig an, unter anderem, um die Fantasie anzuregen. Die Kinder können ihren Gedanken freien Lauf lassen.“ Sie selbst besitze daheim zahllose Bücher. Auch in den beiden Einrichtungen werde viel damit gearbeitet. Doch auch sie glaubt, dass sich der Stellenwert des Lesens durch die digitale Konkurrenz verschoben habe. Ein hektischer Alltag und fehlende Zeit machten die Sache nicht besser. Aber nicht zuletzt besuchten die Kita-Kinder regelmäßig die Oschersleber Bibliothek.

Andrang beim Vorlesen ist groß

Dort zieht Leiterin Simone Gille eine durchweg positive Bilanz. „Wir sind schon lange sehr aktiv beim Vorlesen“, erklärt sie. Im Rahmen der Kinderbibliothek gebe es verschiedene Veranstaltungen, bei denen Bücher vorgestellt würden. Natürlich werde auch vorgelesen. Die Angebote richteten sich an Kita-Kinder und Grundschüler. Sie seien so gut ausgelastet, dass sich die Einrichtungen bereits ein Vierteljahr im Vorfeld anmelden müssten. „Außerdem gibt es jeden Donnerstag von 15 bis 16.30 Uhr im Lesecafé das Projekt ‚Lesetraum‘“, erklärt Simone Gille. Dabei werde Kindern aus verschiedenen Altersgruppen in insgesamt drei Durchgängen vorgelesen. Der Andrang sei groß, so dass immer wieder zusätzliche Stühle herangeschafft werden müssten.