Seehausen l Was für ein Klang! Orgel, Kirchenchor, Gospelchor, dazu die beiden Posaunenchöre – Friedemann Nitsch dirigierte und jonglierte und war voll in seinem Element. Trotz Eintragen in Listen, Mundschutz, Mindestabstand - dieses Ereignis zog nicht nur Gemeindeglieder in die Seehäuser Kirche.

Pfarrerin Almut Riemann, seit 1998 in Seehausen, sprach aus, was nicht nur sie dachte: „Ohne dich geht‘s doch eigentlich gar nicht.“ Heidehonig für die Stimme, dazu noch ein neuer Fahrradschlauch, damit ihm die Luft auf dem Weg zur Probe nicht ausgeht, überreichte sie dem humorvollen Kantor augenzwinkernd. Friedemann Nitsch war sprachlos und sagte dann doch etwas: „Ich bin überwältigt. Es ist so schön, wenn man seinen Platz gefunden hat. Vielen Dank!“

Vor fünf Jahren – da war er 65 – wechselte der Kantor in den Ruhestand. Nach 40 Jahren zog er aus dem Haus gegenüber der Seehäuser Kirche aus. Das war schon alles, was sich änderte. Denn Ruhe ist nicht seins, zu sehr liebt er die Musik und das Zusammensein mit Gleichgesinnten. So kam es, dass er vor drei Jahren auf Anfrage von Gisela Lechner voller Leidenschaft die Leitung des Flessauer Posaunenchors übernahm und seitdem dort mittwochs den Taktstock schwingt. Die Osterburgerin Edith Dieckmann, die in dem Chor seit 1994 mitspielt, kam am Sonntag aus dem Schwärmen von dem Probenspaß gar nicht heraus. Auch ihre Schwester Gisela, die sie vor fünf Jahren zur Verstärkung mit nach Flessau holte, freut sich über die Zusammenarbeit und fieberte dem großen Auftritt in St. Petri aufgeregt entgegen.

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Im Anschluss beschenkten die Mitglieder des Seehäuser Posaunenchors ihren jahrelangen Chef unter anderem mit einem T-Shirt, das den Chornamen trägt und St. Petri verewigt. Schließlich gründete er denselben. Der eigentliche Clou ist aber der: Auf der Rückseite prangen Sprüche, mit denen sich Nitsch in die Herzen seiner Schützlinge geprobt hat, zum Beispiel: „Also was spielen wir jetzt?“ und „Spiel‘, wie du noch nie in deinem Leben gespielt hast! Spiele gut!“

Angesichts so viel herzlichen Humors musste der Kantor selber lachen. Schon wurde er nach draußen beordert. „Heute feiern wir Geburtstag. Darum singen wir ein Lied“, stimmte Nitschs Nachfolgerin Sophie Tetzlaff den Kanon an. Sie ist seit Februar in Mutterschutz, daraufhin übernahm Friedemann Nitsch wieder das gesamte Revier als Kantor, Seehausen und Beuster inklusive. Noch viel öfter Gelegenheit für glückliche Vertretungen wünschte sich die junge Kollegin schmunzelnd beim Gratulieren.

„Der hat vom Jungbrunnen getrunken!“, rief auf einmal Susanne Netal aus und reimte los. Wer es bis dahin nicht wusste: „Ein Kantor wird immer Kantor bleiben, aber in der Theatergruppe ‚Hahn im Korb‘ schlüpfte Friedemann Nitsch schon in verschiedene Rollen“, machte als Bettler in „Aladin“ und als Psychotherapeut eine gute Figur. Dafür gab es ein riesiges Zepter und natürlich die Königskrone.

Dass der Kantor mit und ohne Krone nur Gutes im Sinn hat, bewies er mit seiner Bitte für Spenden für durch die Corona-Pandemie in Not geratene Menschen in Afrika anstelle von Blumen zum Geburtstag. Begeistert verfolgte er zum Abschluss die Auktion von Bernd Fischer, die diesem besonderen Tag ein Ausrufezeichen als Stempel aufdrückte. Seit April hatten Schüler Steine bunt bemalt - hunderte inzwischen. Schon in der ersten Woche des Verkaufs am 12. Juli kamen über 500 Euro zusammen. Das Geld soll in einen barrierefreien Zugang für das Seehäuser Gotteshaus einfließen. Sehr zur Freude des Kantors, Friedemann Nitschs Paraderolle. Nach dem Ruhestand ist eben doch vor dem Ruhestand.