Werben l Darf‘s noch etwas sein? Man möge sich das Geschirrklappern unter freiem Himmel vorstellen. Draußen vor der Lavendel-gesäumten Alten Schule, mit schönem Sonnenschirm, Stachelbeertorte, frischem Kaffee und dem Geplaudere von Radfahrern. Vielleicht darüber, wann diese Biedermeierzeit nochmal genau war. Biedermeier? Einmal mehr will der AWA auf diese Zeit setzen und ein Biedermeiercafé eröffnen. Es soll das Herzstück der Alten Schule werden, die der Verein nach und nach gesichert hat und nun saniert.

Davon konnte sich der Stadtrat Werben am Dienstag ein Bild machen. Der AWA-Vorsitzende Jochen Hufschmidt, Projektmanagerin und AWA-Mitglied Claudia Richter-Pomp sowie Architekt Florian Hallmann ließen Revue passieren, was bisher geschah: kontinuierliche Reparaturmaßnahmen an Dach, Fassade und in den Innenräumen seit 2009, Reparatur des Ostgiebels, Sanierung des Westgiebels dank Städtebaumitteln, dank Förderung von „Land(auf)Schwung“ in Höhe von knapp 100 000 Euro plus 20 000 Euro Eigenanteil umfassende Sanierungsmaßnahmen im Gebäudeinneren samt Anschluss ans Wasser- und Abwassersystem.

Essbare Stadtgeschichte

Dazu kommt die Aussicht auf Leader-Fördermittel für die Sanierung der Fassade. Und die Vision von einem offenen Haus, einem Multifunktionshaus, dessen Mittelpunkt das besondere saisonale Café sein soll. Da ist von ländlichen Biedermeiermöbeln die Rede, von bevorzugt regionalen Produkten und einer „essbaren Stadtgeschichte“. Stachelbeeren, wie sie nachweislich auch in der Biedermeierzeit vermehrt in Werben angebaut wurden, sollen sich in Torten wiederfinden. Und Weizen eines Bauers aus der Wische könnte gemahlen und in Brot verbacken an die Hansezeit erinnern, in der von Werben aus Mengen an Weizen verschifft wurden.

Bilder

Gerade bezüglich der Idee des Cafés wurde während der Begehung Kritik laut. Michael Schnelle nannte es „einen hochsubventionierten Wirtschaftsbetrieb“ und wurde daran erinnert, dass auch zig Fördergelder in die Sanierung des „Deutschen Hauses“ geflossen sind. Claudia Richter-Pomp entgegnete, dass die Bewirtschaftung natürlich nicht gefördert wird. Wobei das Modell noch nicht ganz klar sei. Der Verein schiebt das Café an, dann könnte es auch rechtlich ausgelagert werden. Man sei in dieser Sache mit anderen Vereinen, die ähnliche Konzepte umsetzen, in Gesprächen. Zum Thema Konkurrenz sagt sie: „Durch das geplante Angebot in der Alten Schule würde auch die touristische Attraktivität Werbens insgesamt wachsen, von der wiederum auch alle tourismusrelevanten Betriebe und Einrichtungen („Deutsches Haus“, Freibad mit Campingplatz, Elbtor, Anbieter von Ferienwohnungen und so weiter) in Form zusätzlicher Besucher und längerer Aufenthalte profitieren würden.“

Germaine Deutschmann als Inhaberin des Hotelrestaurants „Deutsches Haus“ bekomme jedenfalls keine Existenzängste, wenn sie an das Biedermeiercafé denkt. „Mich ärgert nur manchmal, dass es heißt, wir hätten keinen Kuchen. Wir haben jeden Tag eine Auswahl und den ganzen Tag geöffnet“, sagte sie gestern. Und dass ihr ein bisschen bange sei, wenn es im Biedermeiercafé vielleicht doch über den Kuchen hinaus geht, „wenn dann noch richtiger Ausschank dazukommt“. Andererseits gab es auch mal parallell den Ratskeller mit warmem Essen, das Café Restauration – und das „Deutsche Haus“ besteht immer noch. Angesichts des geschlossenen Cafés Restauration sagte Ratsmitglied Wolfgang Trösken: „Ich wundere mich, wie leicht hier die Fördergelder fließen.“ Wenn auch der Wunsch nach einem Café da sein möge, „ich glaube nicht, dass es funktioniert“.

Und der Kutscher schläft dann im Obergeschoss

Aber der AWA glaubt daran. Über das Café hinaus, das laut Plan bestenfalls im nächsten Frühjahr eröffnet, soll die Alte Schule Begegnungsort diverser Art sein. Ein Raum im Obergeschoss wird zum Vereinsraum (mit Lager und Kostümfundus), einer zur Wohnung für temporäre Gäste, etwa den Kutscher beim Biedermeier-Markt, Helfer, Künstler. Für das Erdgeschoss sind neben dem Café auch Veranstaltungen geplant, touristische Informationen, eine „Bauherrenbörse“ à la „suche Sand, biete Steine“, gegebenenfalls der Verkauf regionaler Produkte oder ein Fahrradverleih. Aber später. Erstmal das Café. Und die Stachelbeertorte.