Räbel l Eine Flasche bekam er eingepackt als Geschenk. Sie war so schön eingepackt, dass das Eingepackte etwas mit Gerhard Seidel anstellte, in ihm diesen Impuls des „Da mach ich was draus“ auslöste. Zur eingepackten Flasche arrangierte der Räbeler andere Gegenstände des Alltags, drehte sie von links nach rechts auf seinem Tische im Stübchen –und nahm schließlich den Pinsel zur Hand. Das heißt, meistens entsteht vor dem Bild erst eine Skizze, „beim Zeichnen sieht man sich ein“. In die Proportionen, in Licht und Schatten und alles, was zum Stillleben dazugehört. Neben seinen Landschaftsbildern ist es diese malerische Gattung, die Seidel seit jeher fasziniert. So werden die Besucher seiner Ausstellung im Kreismuseum Osterburg (Eröffnung am Sonntag, 1. März, um 14.30 Uhr) neben Elbmotiven auch etliche zur Kunst erhobene Dinglichkeiten entdecken. Flaschen, einen verrosteten Fahrradsattel oder Quitten – immer wieder Quitten. „Die sind wunderbar, nicht so perfekt, haben diese Beulen und Warzen, sie faszinieren mich.“ Insgesamt 60 Werke von Gerhard Seidel erhalten Einzug ins Kreismuseum, die Hälfte wurde bereits abgeholt. Seine letzte Ausstellung in der Breiten Straße hatte der aus Thüringen Stammende 1997. „Seither ist natürlich einiges dazugekommen.“

Gerhard Seidel malt oder zeichnet fast jeden Tag. Zumeist vormittags, gleich nach dem von ihm gerne zelebrierten Frühstück. „Ich brauche Tageslicht.“ Die Staffelei steht direkt am Fenster, draußen teilen sich Spatzen, Meisen und Fink die Sonnenblumenkerne und schleicht die Katze umher. Am frühen Nachmittag bekocht sich der Maler, um schließlich noch eine größere Runde Fahrrad zu fahren. „Egal, ob ich Besorgungen zu machen habe oder nicht. Das tut mir gut.“

Zu Gerhard Seidels Leben gehört seit einigen Jahren auch das Werbener Hoftheater alias „Dilettantengesellschaft Altmärkisches Treibgut“. Seidel spielt darin gerne aberwitzige Rollen und ist der Bühnenbildmaler. „Das macht mir großen Spaß.“ Anfangs war Seidel skeptisch, ob er überhaupt so großformatig zeichnen und malen kann. „Aber es geht zu meinem Erstaunen, sehr gut sogar.“ Mann kann sich ja auf den Hocker stellen.

Bilder

Im Arbeitskreis Werbener Altstadt (AWA) ist Seidel noch aktiv, außerdem Teil des Teams der Werbener „Offenen Kirche“. Denn wenn er auch gerne mit sich alleine ist, sucht Seidel doch regelmäßig den Plausch mit anderen. „Das inspiriert mich.“ Ehrensache, dass er sich in diesem Jahr abermals an der „Kultourspur“ über Pfingsten beteiligt. Am Sonntag und Montag hält er für Kinder Kreide, Stifte und Papier bereit. „Ich liebe das, Kinder begeistern sich so schön.“

Und Gerhard Seidel begeistert sich auch. Gerade zum Beispiel dafür, wie schön die Räbeler Kirche saniert wird. „Wie viele Jahre ging das hin und her und jetzt – der Turm sieht ja schon toll aus.“ Auch dieses Gebäude hat Seidel schon zu Papier gebracht, wie viele andere aus dem Ort. Die alte Waschküche von Nachbars zum Beispiel, aber die gibt es gar nicht mehr. Einmal hatte Seidel in den Werbener Schadewachten eine Zeichnung von einem so hübsch maroden Häuschen gemacht – eine Woche später war das Haus weg. So ist der Mann also auch ein Bewahrer. Von Flaschen, die er so schön findet, sowieso. Und wenn sich gelegentlich eine Weinflasche vor dem Zeichnen gemeinsam leeren lässt – umso schöner.