Osterburg l Gymnasiasten an den Computern im Jugendbereich, Kinder an Brettspielen, Erwachsene, die gemütlich zwischen den Bücherregalen klönen: Diese Bilder, die sonst zum Alltag in der Osterburger Stadtbibliothek gehören, waren in dem Fachwerkhaus am Großen Markt faktisch ab Mitte März 2020 nicht mehr zu sehen. Die Corona-Pandemie drückte auch dem Geschehen in der Osterburger Medienstätte ihren Stempel auf. „Nicht nur, weil wir über Wochen komplett schließen mussten. Auch die Beschränkungen und Regeln, die es bei der Wiedereröffnung zu beachten gab, machten den Besuch bei uns nicht zum gewohnten Erlebnis“, blickt Bibliotheks­leiterin Anette Rieger zurück. Denn entgegen dem eigentlichen Anspruch der Medienstätte als „kulturelles Wohnzimmer“, das quasi zwischen den Bücherregalen zum Chillen einlädt, „wurden die Besucher gebeten, ihren Besuch in der Bibliothek nicht unnötig auszudehnen und zueinander Abstand zu halten“, erklärt Anette Rieger.

Schon deshalb seien Besucher, die sich sonst gern länger in den Räumen aufhielten, der Medienstätte ferngeblieben. Davon abgesehen trug auch die wochenlange Komplettschließung dazu bei, dass sich im Vergleich zu 2019 im vergangenen Jahr die Zahl der aktiven Leser um 28 Prozent verringerte und sich die Zahl der Besuche sogar beinahe halbierte. Ebenso gingen 2020 deutlich weniger Schmöker oder andere Medien über die Bibliotheks­theke – die Zahl der Entleihungen schrumpfte um 25 Prozent.

Wie sich diese Bilanz innerhalb der vier Bibliothekswände ablichtete, drückt Mitarbeiterin Danuta Ahrends so aus: „Das war ein viel einsameres Arbeiten. Wir haben uns fast so gefühlt wie in einem Supermarkt ohne Käufer“, erzählt sie. Dennoch bemühte sich das Bibliotheksteam auch in den Tagen der Schließung darum, Medien an die Frau oder den Mann zu bringen. So wurde während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 ein Bücher-Lieferdienst auf die Beine gestellt. Ebenso „trommelten“ die Mitarbeiterinnen für die „Onleihe“. Dabei handelt es sich um ein Internet-Angebot, das Bibliotheksnutzern erlaubt, online auf Lesekost zurückzugreifen.

Sonst nutzte das Team der Bibliothek die Zeit, um den eigenen Medienbestand zu pflegen „und mal jedes Buch in die Hand zu nehmen und durchzublättern“, sagt Danuta Ahrends. Zudem fanden 2217 Neuerwerbungen, darunter 833 Bücher, die die Bibliothek unter anderem dank einer 50-prozentigen Förderung des Landes bezahlen konnte, Platz in den Regalen. Die Einheitsgemeinde stellte den nötigen Eigenanteil für die Anschaffung der Medien bereit, abseits davon finanzierte die Kommune auch Renovierungsarbeiten. „So wurde das in die Jahre gekommene Buchenparkett an der Ausleihtheke und im Obergeschoss aufgearbeitet und neu versiegelt. Die Außentüren wurden durch Panikverschlusstüren ersetzt, um den Brandschutzforderungen nachzukommen. Und im Spiele-Bereich in der Kinderbibliothek haben Wände und Fenster einen frischen Anstrich sowie der Boden einen neuen Teppichbelag erhalten“, berichtet Anette Rieger.

Die Renovierungsarbeiten zählen zu den positiven Kapiteln des zurückliegenden Jahres. Ein weiteres stellen die 21. Osterburger Literaturtage dar, die kurz vor dem erneuten Lockdown ab November über die Bühne gingen. Das Publikum habe die Lesungen dankbar angenommen, blicken Rieger und Ahrends zurück. Das erhoffen sie sich auch für die 22. Literaturtage, die Anfang Oktober stattfinden sollen. „Und natürlich wünschen wir uns für dieses Jahr auch die Rückkehr zu einem Bibliotheks-Alltag, der vom direkten Kontakt zu den Menschen geprägt ist, von unterhaltsamen Abenden im ,Kulturellen Wohnzimmer‘, von Schülern, die bei uns ein- und ausgehen. Und von Lesern, die frei in den Bücherregalen stöbern“, sagt Anette Rieger.

Trotz aller coronabedingten Einschränkungen gingen 2020 noch 12 755 Bücher und Zeitschriften über die Verleih­theke. Dabei standen Serien der Autorinnen Ulrike Renk („Die Ostpreußen-Saga“), Charlotte Jacobi („Die Elbstrand-Saga“) oder Patricia Koelle („Die Inselgärten-Serie“) sowie Krimis der Schriftsteller Sebastian Fitzek und Eva Almstädt in der Lesergunst ganz oben, bei den Biografien hatte mit Michelle Obama die Ehefrau des früheren US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama die Nase vorn.

Mädchen im Grundschulalter griffen sehr häufig zu Pferdegeschichten, Jungen bevorzugten die Reihe „Die drei ??? Kids“. Fünft- und Sechstklässlerinnen schmökerten sich besonders gern durch Kathryn Littlewoods „Glücksbäckerei“, während bei ihren männlichen Altersgenossen Bücher aus der Reihe „Bitte nicht öffnen“ hoch im Kurs standen. Und Jugendliche haben 2020 in der Osterburger Bibliothek am liebsten Fantasy-Literatur entliehen.