Osterburg l Im Therapiezentrum an der Osterburger Kirchstraße, in dem sich sonst wochentags gewöhnlich bis zu 300 Menschen die Klinke in die Hand geben, herrscht seit Montag vergangener Woche Stille. Gerade noch um die zehn Leute kämen pro Tag ins Haus, erzählen Ergotherapeutin Nadine Krüger (42) und Physiotherapeutin Sandra Hausmann (40).

Spätestens, als Schulen und Kindergärten geschlossen wurden und viele Einwohner sich tatsächlich mit den Gefahren der Corona-Pandemie auseinandersetzten, sei das Gros der Patienten weggebrochen. Dazu trugen die Therapeutinnen auch selbst bei, weil Krüger, Hausmann und ihre Mitarbeiter die Patienten vorsorglich auf den unzureichenden Schutz hinwiesen. „Das sind wir unserem Gewissen und unseren Patienten gegenüber schuldig“, sagt Nadine Krüger. Die Arneburgerin, die seit 2005 als Ergotherapeutin in Osterburg arbeitet, hat noch ein paar Handschuhe, das vorhandene Desinfektionsmittel sei spätestens in der nächsten Woche verbraucht. Abseits davon mangele es aber an allem, so Krüger, die dennoch ebenso wie Sandra Hausmann vollstes Verständnis dafür hat, „dass medizinische Einrichtungen wie Krankenhäuser oder aber auch Pflegeheime unbedingte Priorität bei der Versorgung mit den Schutzmaterialien haben müssen“. Gänzlich hintenweg fallen dürften aber auch sie nicht. Weil die sogenannte Heilmittel-Branche, als „systemrelevant“ für die ambulante Versorgung der Bevölkerung weiterhin Patienten zur Verfügung stehen soll, seien auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Co unbedingt auf den Schutz angewiesen, „wir arbeiten direkt am Menschen“. In ihrer Not hat sich Nadine Krüger selbst einen Mundschutz gebastelt, „aber eigentlich müsste dieser Schutz alle zwei Stunden gewechselt werden“, berichtet sie. Neben dem Mund-Nasen-Schutz würden zudem Schutzbrillen, Handschuhe, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel dringend benötigt. Doch woher? Immerhin habe sich zu Wochenbeginn ein kleiner Hoffnungsschimmer aufgetan. Da kontaktierte das Gesundheitsamt des Landkreises die Praxen und klopfte offenkundig den Bedarf an Schutzmitteln an. „Dabei gab es die Auskunft, dass für die nächste Woche wohl eine Lieferung zu erwarten sei“, sagt Sandra Hausmann.

Ob sie von dieser Lieferung profitieren, wissen Hausmann und Krüger nicht. Doch bleibt das Schutzmaterial aus und können die Therapeutinnen ihren Patienten nicht die Sorge vor einer eventuellen Ansteckung nehmen, dürfte sich die Zahl der Praxen-Besucher weiter in sehr engen Grenzen halten. Dazu trägt im Übrigen auch eine in weiten Teilen der Bevölkerung spürbare Verunsicherung bei. Die fuße unter anderem darauf, dass die verschiedenen Bundesländer zum Teil unterschiedliche Verordnungen erlassen haben, empfinden die Therapeutinnen das föderale System der Bundesrepublik für eine Krisensituation wie diese als Nachteil. Ebenso seien Einwohner davon ausgegangen, dass die Physiotherapie-Praxen nicht mehr geöffnet sind, weil Kanzlerin Angela Merkel die Schließung von Massagepraxen angekündigt hatte. „Aber das sind wir gar nicht. Die Physiotherapie-Praxen haben weiterhin geöffnet“, sagt Sandra Hausmann.

Nur noch wenige Patienten im Therapiezentrum, keine Hausbesuche, auch sämtliche Rehasportkurse abgesagt – dies aber bringt die Praxen in wirtschaftliche Nöte. Für die Trainer der Reha-Sportkurse hat Sandra Hausmann Kurzarbeit beantragt, sonst aber ist ihr acht Mitarbeiter zählendes Team nach wie vor auf der Arbeit. Gleiches gilt für Nadine Krüger und ihre sieben Mitarbeiter.

Während die Einnahmen wegbrechen, müssen weiter Löhne gezahlt werden, auch die laufenden Kosten seien zu begleichen, machen die Therapeutinnen deutlich. Von Ratschlägen wie diesem, Patienten, die aus Angst vor einer möglichen Ansteckung ihre Termine absagen, die abgesagten Termine trotzdem in Rechnung zu stellen, distanzieren sich die beiden Therapeutinnen deutlich. „Das ist für uns menschlich nicht vertretbar.“ Sie hoffen, dass der frisch aufgespannte finanzielle Rettungsschirm des Bundes auch auf die Heilmittel-Branche ausgedehnt wird. „Sonst bleiben wir auf den Kosten sitzen“, befürchtet Nadine Krüger.

Von ihren Interessenvertretungen, dem Bundesverband für Ergotherapeuten sowie dem Deutschen Verband der Ergotherapeuten, fühlt sich die Arneburgerin zwar „super informiert“. Und sie wünscht sich ebenso wie Sandra Hausmann, „dass wir die Praxen halten können und die Krise überstehen. Vor allem aber auch, dass wir alle unsere Patienten in alter Frische wieder bei uns begrüßen können.“ Doch die Sorge um die Zukunft, sie ist da. „Denn das hier kann das Aus bedeuten.“