Plätz l Vor 31 Jahren, im Oktober 1989, weilte Sonja Möhring als Bürgerin der damaligen DDR für einen Aufenthalt in Israel. Sie kehrte zurück, als der damalige Staatsratsvorsitzende Honecker gestürzt war, wenige Tage später öffneten die Grenzen.

Sonja Möhring und ihr Mann Hermdieter, Pfarrer im Ruhestand, waren schon 1990 zusammen in dem Heiligen Land, mehrere Besuche sollten folgen. 1989 war daran noch nicht zu denken. Beim Aufräumen und Sortieren eines Schrankes fiel der rüstigen Seniorin ihr Reisepass aus der DDR in die Hände. Darunter auch Aufzeichnungen über ihre erste Reise nach Israel. Sonja Möhring erinnert sich zurück. „Im Sommer 1989 wurde mir eines Tages ein Brief überreicht.“ Sie war gerade 50 Jahre geworden und lebte mit Mann und Kindern in Hohenberg-Krusemark. Der Brief kam von einer Frau aus Westdeutschland, die ihr damals nur wenig bekannt war. Es stand in ihm geschrieben: „Ich lade Dich ein, das diesjährige Laubhüttenfest mit mir in seinem Ursprungsland zu feiern. Bitte gib mir möglichst bald Nachricht.“ Bevor Sonja Möhring weiter denken konnte, wusste sie: „Diese Einladung kommt von ganz oben. Von Gott.“ Es war für sie deshalb keine Frage, ob sie die Einladung annehmen sollte: „Also sagte ich zu.“

„Aber wie würde das für mich als DDR-Bürgerin gehen sollen? Aus DDR-Sicht war ja Israel ein Feindesland.“ Fragen über Fragen schwirrten im Kopf herum, natürlich auch jene, wie sie überhaupt zum Flughafen nach Hannover gelangen sollte. Ihr Mann hatte die Idee. Seine im Schwarzwald lebende Tante wurde am 6. Oktober 1989 60 Jahre. „Ein Zufall?“ Sonja Möhring stellte Anfang September den Reiseantrag für einen Aufenthalt in der BRD - für 18 Tage. „Am 11. September ließ mich die Passbehörde wissen, dass die Geburtsurkunde der Tante, die wir eingereicht hatten, nicht anerkannt werde, weil sie nur eine beglaubigte Kopie sei“, erinnert sich die Plätzerin zurück. Die Zeit wurde knapp. „Ich fragte mich zum ersten Mal: Habe ich hier Gott richtig gehört? Oder habe ich mir das vielleicht nur eingebildet? Ich nannte Gott namentlich andere Menschen, die aus meiner Sicht viel eher geeignet sein würden, um zu dieser Zeit zu einem solchen Fest nach Israel zu reisen.“

Obwohl Möhrings am 27. September die „richtige“ Geburtsurkunde nachreichen konnten, wurden die Bedenken bei der heute 81-Jährigen eher größer. „Wie würde das alles ausgehen?“, fragte sie sich vor der Reise in eine unbekannte Welt. „Doch dann blätterte ich einen Kalender in unserem Wohnzimmer von September auf Oktober und las dort den Bibelvers: Ich bringe dich in ein Land mit Feigenbäumen und Granatäpfeln.“ Sie sprang vor Freude durchs ganze Haus, lobte Gott und wusste: Ja, alles würde gut gehen!

Am 3. Oktober 1989 wurde ihr die Reise nach Hannover genehmigt - für 14 Tage. Auf ihre Frage zu den 18 erbetenen Tagen erhielt Sonja Möhring die Antwort: „Seien Sie doch froh, andere bekommen nur zehn Tage.“ Trotzdem wusste sie, dass sie „überziehen“ musste, denn der Rückflug war bereits gebucht. Glücklich in Hannover angekommen, erfuhr die Altmärkerin, dass sie den für den Flug notwendigen Reisepass im Schwarzwald beantragen und abholen musste. Eine extra Autofahrt folgte, dann der riesige Flughafen, die intensiven Kontrollen. „Mir wurde immer wieder Angst.“ Aber dann war sie in Tel Aviv. „Unglaublich. Ich war in Israel, im heiligen Land der Bibel.“

Dort fand die Konferenz der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem zum Laubhüttenfest statt, die mit einer großen Eröffnungsfeier begann. Tausende Menschen aus vielen Ländern waren versammelt, blickte sie zurück. Ein besonderer Moment sei das Entzünden der Kerzen für die verschiedenen Länder, die die jeweiligen Vertreter vornahmen. „Ich wurde als einzige aus der DDR gefunden“, sagt Sonja Möhring. Für den Auftritt wurde die Nationalfahne benötigt - aber es sei keine vorhanden gewesen. Was nun? „Da sagte der westdeutsche Vertreter“, erinnert sie sich noch haargenau, „nimm doch einfach unsere. Wir sind doch sowieso bald eins.“

Ein Land nach dem anderen wurde während der feierlichen Zeremonie aufgerufen. „Als Deutschland an der Reihe war, nickte mir der westdeutsche Vertreter zu. Wir standen auf und gingen zu dem großen Leuchter vor. Er von rechts und ich von links. In der Mitte trafen wir uns. Dort entzündete er die Kerze für die Bundesrepublik und ich für die Deutsche Demokratische Republik - mit der (west)deutschen Fahne in der Hand“, war dies ein bewegendes Erlebnis für die Plätzerin, die noch immer sehr gern an die erste Reise nach Israel zurückdenkt.

Als Sonja Möhring am nächsten Morgen in den Frühstücksraum trat, überraschte sie ihr jüdischer Gastgeber mit der Nachricht, dass Honecker als Staatsratsvorsitzender gestürzt war. „Ich konnte es nicht fassen!“ Der überzogene Reisepass hatte bei der Kontrolle kein Problem dargestellt. Ihre ereignisreiche Reise hat sie seitdem nicht groß publik gemacht, nur im engen Kreise davon erzählt. „Israel ist mir nach dieser ersten Reise sehr, sehr lieb geworden und ich bin dankbar, dass es für mich nicht bei dieser einen Reise geblieben ist.“

Viele Jahre später traf Sonja Möhring während eines Gemeindeabends in Schönhausen auf einen Vertreter der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem. Sie sagte ihm, dass sie es war, die 1989 die Kerze für Ostdeutschland angezündet hat. Er sei eine Weile still gewesen und sagte dann: „Wir haben uns seitdem so oft gefragt, wer doch diese Frau war, die damals dieses prophetische Zeichen gab. Sie kam nach Israel und wurde dann nie mehr gesehen.“