Krüden l Krachend schlug Freitagmorgen gegen 5 Uhr auf einem derzeit ungenutzten Hof bei Krüden die Falltür einer von Kameras überwachten Eigenkonstruktion zu, um endlich eine streunende Golden-Retriever-Hündin einzufangen. Was sich ein bisschen martialisch anhört, war in Wirklichkeit allerdings ein von langer Hand eingefädeltes Happy End, das dem Hund sein altes oder eben auch ein neues, in jedem Fall ein sichereres und entspannteres Leben (zurück)bringen soll.

Extrem scheue Hündin

Mitte September war das goldfarbene Tier im Territorium der Verbandsgemeinde Seehausen das erste Mal gesichtet worden und bestimmte seit dem einen Großteil des virtuellen Geschehens auf der kommunalen Facebook-Seite. Dort tauchen öfter mal streunende Vierbeiner auf. Die meisten Fälle haben sich indes nach ein paar Tagen erledigt. Wegen der Reichweite des Mediums gelingt es, sogar Tiere ihren Besitzern zurück zu geben, die nicht immer gleich um die Ecke wohnen.

Dieses Mal war alles anders, blickt Verbandsgemeindebürgermeister Rüdiger Kloth zurück . Die Hündin sei extrem scheu gewesen, alle Versuche, des Tieres habhaft zu werden, seien fehlgeschlagen. Locken und Leckerbissen hätten ebenso wenig gefruchtet wie das sprichwörtliche In-die-Enge-treiben. Und jeder fehlgeschlagene Versuch habe den Golden Retriever noch ein Stück vorsichtiger, misstrauischer und ängstlicher gemacht.

Bilder

Womöglich Wölfen begegnet

Über den Grund für das vorsichtige Verhalten lässt sich nur spekulieren. Es könnte am alten Zuhause liegen, aber auch an schlechten Erfahrungen, die die Hündin mit Menschen, vielleicht auch bei der Begegnung mit Wölfen und anderen Tieren auf seiner Odyssee gemacht hat, von der niemand weiß, wie lange sie schon dauert. In jedem Fall sei laut Kloth im Rathaus schnell der Wunsch gereift, die Geschichte zu einem guten Abschluss zu bringen. In der direkten Begegnung hatten Menschen zwar nie etwas zu befürchten, was bei der Rasse auch höchst ungewöhnlich gewesen wäre, aber die Hündin wurde schon allein durch ihre Wechsel über die Bundes- und Landesstraßen für sich und andere immer mehr zu einer Gefahr. Und eine ordentliche Portion Tierliebe war am Ende offenbar auch mit im Spiel.

Ratschläge, so Kloth habe es in den Wochen auf Facebook reichlich gegeben. Wirklich zielführend waren erst die Tipps von Fachleuten. Danach war irgendwann klar, dass ein Hund in freier Wildbahn relativ zügig ein entsprechendes und in den Genen noch hinterlegtes Überlebensverhalten annehmen kann, dass es eine ordentliche Taktik braucht, um das Tier an einen Ort zu binden, um es in Obhut zubringen und dass das Einfangen dieses Golden Retrievers nicht in ein paar Tagen erledigt sein wird.

Fleisch als Lockmittel

An der Stelle kommen Diana Kramer und deren Nichte Denise ins Spiel, die in Krüden praktisch um die Ecke wohnen, im Umgang mit Hunden nicht unerfahren sind, und täglich an ein- und derselben Stelle Futter auslegten. Zum Teil Hühnchen aus dem Discounter oder Rind, das der Seehäuser Fleischer Kurt Wohlfahrt sponserte. Trockenfutter fruchtet offenbar deshalb nicht, weil sich Streuner davon in der freien Wildbahn notgedrungen schnell entwöhnen.

Was nicht heißt, dass aus dem Haus- wieder gefährliches Raubtier wird. Oft reicht aufgestöbertes Aas zum Überleben, hatte Kloth in Erfahrung gebracht, der zwischenzeitlich das Equipement für die Falle zusammenstellte, das um eine kleine Überdachung aufgestellt wurde. Zu letzterem gehörten auch Kameras, die per Internet eine Live-Übertragung der Bilder ermöglichten, die zeigten, wie vorsichtig die Hündin agiert und bei der Fernauslösung der Falltür halfen. Die Aufregung war bei allen Beteiligten groß, weil allen klar war, dass nur einen Versuch geben würde.

Besitzer bleibt unbekannt

Am Ende war es ein Gemeinschaftswerk, für das Kloth neben den Fachleuten unter anderem den beiden Kramer-Frauen, der Gemeinde Aland für das Zaunmaterial und dem Hofbesitzer für seine Kooperation dankte. Begeistern war der Bürgermeister auch von der SOS Hundehilfe Prignitz, mit der die Kommune kooperiert und die die Hündin schon nach weniger als einer Stunde fachkundig und behutsam übernommen habe. Ein Dankeschön, dass die Tierfreunde besonders erwiderten, weil so viel kommunale Fürsorge bei Streunern nicht alltäglich sei.

Leider, so Kloth, wäre kein Chip gefunden worden, mit dem man das Tier einem Besitzer hätte zuordnen können. Wenn sich daran nichts ändert, wird die Hündin, deren Alter damit auch unbekannt bleibt, sicher irgendwann zur Vermittlung freigegeben. Bis dahin soll sie sich von den Strapazen erholen und etwas runterkommen, um sich wieder an Menschen zu gewöhnen.