Kannenberg l Die Kate. Wie viele Küsse wurden an ihr geküsst, wie viele Bande fürs Leben geknüpft? Zu DDR-Zeiten war das kleine Wasser am Kannenberger alten Deich ein beliebter, wenn nicht der angesagte Treffpunkt von Jugendlichen, Schulausflüge hatten die Kate zum Ziel. Heute verweisen Schilder auf Privatgrundstücke, drei Parteien gehört der Grund und Boden der Kate, eine davon hat den Namen Neuber. Peter Neuber wurde in dem Haus mit der heutigen Nummer 1 geboren, genau wie sein Vater. Aber auch er konnte von der Katastrophe 1909 nur vom Hörensagen berichten.

Gegen den Willen der Gutsherrschaft

„Es hieß immer, ins Haus war das Wasser nicht gedrungen“, sagt Michaela Neuber, die 1993 nach Kannenberg zog und sich gemeinsam mit ihrem Mann den alten Stall ausbaute. „Die Eltern hatten nach der Wende große Angst, was mit dem Haus wird, überlegten es zu verkaufen.“ Was zum Glück nicht passiert sei, denn das Grundstück sticht mit seiner Lage an der Kate hervor. „Im Sommer hören wir die Radfahrer ständig sagen, guck mal, die haben es aber schön, das passiert wirklich oft“, sagt Michaela Neuber.

Dieses Schöne ist aus dem Unglück heraus entstanden. Peter Müller kennt sich aus. Der Osterburger sammelt nämlich nicht nur historische Karten – „allein von Osterburg habe ich 350“ – sondern ist überhaupt ein „Heimatsammler“. Als solcher weiß der frühere Lausitzer, der 1975 wegen seiner Liebe zu Christiane Müller (Michaela Neubers Schwester) zunächst nach Meseberg zog, auch über die so genannte Trotzenburg Bescheid. So habe das Haus beziehungsweise der Wohnplatz seines Schwagers und seiner Schwester nämlich mal geheißen, „weil sich dort gegen den Willen der Gutsherrschaft derer von Kannenberg Tagelöhner angesiedelt haben“, wie es im Historischen Ortslexikon für die Altmark heißt. Am Giebel der Neubers, sie bewohnen die rechte Gebäudehälfte, steht noch das Baujahr 1895. Das Haus stand also erst 14 Jahre, als die Katastrophe kam. Der Winter aus viel Wasser gepaart mit Eiseskälte und folglichem Eis brachte auch den alten Deich am Tagelöhnerhaus zum Bersten. Dort, wo er brach, wo er die Erde ausspülte, entstand die Kate. Dabei ist der linke Giebel des Hauses eingestürzt, wie es die Neuers erzählen und wie es in der Literatur Peter Müllers steht (siehe Infokasten). „Das Haus war also mal breiter“, sagt Peter Neuber.

Bilder

Taucher fanden alte Backsteine auf dem Grund

Taucher hätten in der Kate noch Backsteine und andere Hinweise gefunden. In der Kate, die im Übrigen sehr tief ist. Sechs Meter, neun Meter? Jedenfalls tief, „selbst im heißen Sommer 2018 ist sie nicht umgekippt“, sagt Michaela Neuber, die sich in ihrem Bereich gerne auf einem Surfbrett liegend über das Wasser bewegt. Die Kate ist von anderer Privatseite her vergrößert worden, hat sich quasi verdoppelt. Müllers waren fast den ganzen Sommer 2018 zu Besuch. „Im Sommer kommen sie ja auch nicht zu uns nach Osterburg“, sagt Christiane Müller, die damit gut umgehen kann, denn sie badet sehr gerne im Wasser der Kate, deren Name sich auf das Gebäude bezieht.

Vor einem Jahr sind kurz nacheinander die Eltern beziehungsweise Schwiegereltern der Neubers gestorben. Die Kinder sind aus dem Haus, jetzt wohnen Peter und Michaela Neuber allein dort. Allerdings haben sie naturgemäß viel Besuch von Freunden und Bekannten, „es badet sich einfach schön hier“. Und es gab auch tolle Eispartys im Winter, aber das Eis trug lange nicht mehr.

Gesund wollen Neubers bleiben, müssen sie auch. „Es ist schon viel zu tun hier“, sagt Michaela Neuber. Sie würde die Douglasien vorm Haus gerne weg haben, er besteht darauf, dass sie bleiben. 110 Jahre nach der Katastrophe wird an der Kate der Alltag einer Ehe gelebt.