Eichstedt l Vor ein paar Jahren noch hätte Frau Schack den Pokal um das zentrumsnaheste Wohnen gewonnen. Ihr Grundstück lag der Mitte des Landkreises, jenem Punkt auf dem Acker zwischen Eichstedt und Baben noch ein kleines bisschen näher. Aber Frau ­Schack lebt nicht mehr, ihr Grundstück ist verwaist. So kommt Herr Bock ins Spiel.

„Guten Tag, Sie wohnen im Zentrum des Landkreises Stendal.“ Als die Volksstimme Anfang der Woche an Wolfgang Bocks Tür klingelt, nimmt dieser das eigenartige Superlativ erstmal so hin. Und lässt sich auf einen Gesprächstermin gestern morgen ein.

Vor Hochwasser sicher

Eichstedt liegt ziemlich zentral, das habe Wolfgang Bock wohl gewusst. Aber dass ausgerechnet er derjenige welche ist? Verrückt! Der Mann aus der Mitte sagt, dass er gerne in Eichstedt wohnt, etwas abgelegen am Babener Weg und vor allem anhöhig. Wie der Landkreis Stendal mit den Koordinaten mitteilt, auf einer Höhe von 39  Metern. „Bestimmt sechs Meter über dem Dorf“, sagt Bock. Falls also in der Ferne mal der Deich brechen sollte, bekäme er wohl keine nassen Füße. Davon ab könne Bock von seiner kleinen Anhöhe schön weit sehen. Nach Groß Schwechten, nach Lindtorf, bei gutem Wetter auch den Fernsehturm Dequede. „Und die Kirchtürme von Stendal. Silvester hab ich hier einen schönen Rundumblick.“

Bilder

Wenn man nach mehr als 50 Jahren noch als zugereist gilt, ist Wolfgang Bock ein Zugereister. Er stammt aus Osterwieck, aus dem Harzvorland. Seine Familie zog nach Eich­stedt, als er noch klein war. Flügge geworden, absolvierte Bock in der Stendaler Hallstraße eine Schuhmacherlehre. Darauf folgten die Armee und mehrere berufliche Stationen: So stellte Wolfgang Bock bei „Waren täglicher Bedarf“ Touren zusammen und zog bei der Melioration tönerne Drainagerohre in die Erde.

Ein Faible für Burgen und Schlösser

Danach bei der LPG Eichstedt, hütete Bock zum Beispiel Schafe „und machte Mühle". Bis zur Wende arbeitete Bock schließlich auf der Milchviehanlage Lindtorf. Und danach heuerte er nach einer kurzen Umschulung bei DB Services in Stendal an. Reinigung von Waggons, Zügen, Loks, Bahnhöfen und Bahnhofsgebäuden: Zuletzt hatte Wolfgang Bock bei DB Services als Vorarbeiter große Verantwortung. Nun ist der Eich­stedter im Vorruhestand. Und in die AfD eingetreten. Früher SPD-nah, habe die Flüchtlingspolitik bei ihm diesen Wechsel forciert. Wolfgang Bock hat auch Wahlplakate mitgeklebt.

 Seine neu gewonnene Zeit nutzt der Eichstedter ansonsten auch gerne mal für eine Kurzreise. Er schaut sich Burgen, Schlösser, Museen und Kirchen an. Nicht im Ausland, „in Deutschland gibt es so viel, was ich noch nicht gesehen habe". Bock ist geschichtsinteressiert und hat auch endlich wieder mehr Muße zum Lesen. Die Ausflüge unternimmt er gerne mit  seiner Partnerin. Sie wohnt in Stendal, möchte nicht mit nach Eichstedt ziehen, „aber man muss ja auch nicht unbedingt zusammenwohnen." Bock kommt auch so gut auf seinem Anwesen klar. Zu tun sei auf dem großen Grundstück immer etwas, zwischendrin gibt‘s mal einen Sonnenuntergang oder die zwitschernden Schwalben zu bewundern.

Er bleibt auf seiner Scholle

Wolfgang Bock kriegt von seiner Scholle jedenfalls niemand mehr runter. Seit 1984 wohnt er dort, zog mit seiner damaligen Familie auf die Anhöhe, ist mittlerweile mit dieser verwachsen. Viele Figürchen zieren sein Anwesen innen wie außen. Gartenzwerge zum Beispiel, Hexen in Reminiszenz an den Harz oder sonstige Figürchen. Wolfgang Bock liebt das so. Jedes Grundstück möge sich doch ruhig etwas vom anderen unterscheiden. „Ich mag es nicht so eintönig." Über seinem Gartentor mitten im Landkreis Stendal wachen drei gelbe Drachen. „Sie sind englischer Art, aus dem Katalog."