Krumke l Sehr gut besucht war das Krumker Kavaliershaus am Mittwochabend, und Wirtin Annegret Spillner freute sich sowohl über die große Zuhörer-Resonanz, die die Lesung aus Christa Wolfs letztem Romans „Stadt der Engel – oder der Mantel des Dr. Freud“ hervorgerufen hat, als auch daüber, dass ihr Café „während der diesjährigen Literaturtage zum zweiten Mal Gastgeber ist“.

Mit Ingrid Birkholz, TdA-Schauspielerin im Ruhestand, dem Haus aber immer noch künstlerisch verbunden, war eine Vortragende ans Lesepult getreten, die man an vergangenen Literaturtagen schon mehrmals gehört hatte. Sie las sechs Textpassagen aus dem autobiografischen Roman, dessen Handlung im wesentlichen in Los Angeles angesiedelt ist, wo Wolf Anfang der 1990er Jahre als Stipendiatin einige Monate auf Einladung des Getty Centers (Kunstmuseum in Los Angeles) verbracht hatte. Der kräftige Beifall am Schluss für ihre Vortragskunst war ebenso gerechtfertigt wie der Blumenstrauß, überreicht von Anette Bütow, Leiterin der Osterburger Stadt- und Kreisbibliothek.

In dem Buch, an dem sie sieben bis acht Jahre gearbeitert hatte, erinnert sich Christa Wolf, schon vor dem Mauerfall für viele Westdeutsche das Aushängeschild der DDR-Literatur, an ihre Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz, an den Augenblick, an dem für sie das Bild des wahren Sozialismus zum Greifen nah war. Später hatte sie zu ihrer Bestürzung erleben müssen, dass die DDR-Bevölkerung aber ganz andere Sehnsüchte hatte.

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Fabuliert die Autorin zu Beginn des Buches über Alltagsbeobachtungen wie Konsumverhalten, Frühstücksgewohnheiten und nette Bekanntschaften, so wird bald ihr Ton dringlicher, konkreter; sie reagiert auch auf das Bekanntwerden ihrer vergleichsweise dünnen Stasi-„Täterakte“ als „IM Margarete“ von 1959 bis 1962 zu ihrer dicken Opferakte. Sie sieht sich medialen Angriffen ausgesetzt und fällt in eine tiefe Krise. Sie fragt sich immer wieder: „Wie hatte ich das vergessen können? Ich wusste ja, dass man mir das nicht glauben konnte, man warf es mir sogar als mein eigentliches Vergehen vor – Vergehen, was für ein schönes deutsches Wort.“

Die für die Schreiberin fehlende Erinnerung ist der eigentliche Kern des Buchs. In der Passage aus dem „Center“ wird Wolfs gegenwärtiges Tun von der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit überlagert ein Film im Kopf, ein Monolog in Endlosschleife. Sie findet sich wieder in den Aufbaujahren, in der Zeit als überzeugte junge Genossin, als illegal wirkende Agitatorin in West-Berlin, erlebt noch einmal die Begegnung mit großen Vorbildern wie Louis Fürnberg, vergegenwärtigt sich aber auch spätere Lebenseinschnitte, wie die Biermann-Ausbürgerung.

Christa Wolfs Krise erlebt ihren Höhepunkt in einer durchzechten Nacht, in der sie einen Anruf aus Berlin ignoriert, Freuds Mantel sprechen hört und singt: „alle Lieder, die ich kannte, und ich kenne viele Lieder mit vielen Strophen“, von „Spaniens Himmel“ bis „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die Aufzählung aller möglichen Volks-, Kinder-, Kampf- und Kirchenlieder ist zugleich sowohl der Wendepunkt in Wolfs Krise als auch die in ihrem Unterbewussten katalogisierte Zusammenfassung ihres ganzen Lebens, eine psychoanalytische Ästhetik freud‘schen Musters, in der die Autorin zum Schluss kommt, „gemessen werden nur Gefühle“, aber offen lässt, von wem gemessen wird.