Goldbeck l Am Ende steht da die Einsicht, dass es nicht mehr geht. Fast ein Jahr nach seinem schweren Schlaganfall gibt Goldbecks Bürgermeister Torsten Dobberkau (57) seinen Rücktritt bekannt. Sein Leben hing „am seidenen Faden“. Im Interview mit Volksstimme-Redakteurin Karina Hoppe spricht er über die Nacht, als es geschah, seine Reha, unerwartete Reaktionen von Freunden und Bekannten, seinen unbändigen Optimismus – und sein „Anettchen“.

Volksstimme: Am 7. Dezember jährt sich Ihr Schlaganfall das erste Mal. Haben Sie Angst vor diesem Tag?

Torsten Dobberkau: Nein. Fragen Sie mich doch mal, wie es mir geht.

Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Wirklich.

Sie haben gerade bekannt gegeben, dass Sie Ihr Goldbecker Bürgermeisteramt abgeben. Erleichtert Sie das?

Ja, doch. Am Ende war da die Einsicht, dass ich den Job nicht mehr machen kann. Ich würde meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Aber ich möchte auch nicht mehr, ich brauche das nicht mehr. Dieser Tritt ins Leben hat mich verändert.

Der Tritt in Ihr Leben kam über Nacht. Haben Sie etwas davon bemerkt?

Nein. Wir waren in unserem Bungalow in Ferchesar. Meine Frau sagte, ich soll doch aufstehen und ich murmelte etwas von „noch nicht“. Als ich mich dann hinstellen wollte, bin ich zusammengesackt. Ich kam nach Brandenburg, erst ins Asklepios, dann ins städtische Krankenhaus. Ein Arzt meinte zu meiner Frau, dass mein Leben am seidenen Faden hängt. Sie haben mir die Halsschlagader aufgeschnitten, sie war total verstopft. Die OP war riskant, aber zum Glück haben sie sich dazu entschieden. Eine Woche lang war nicht klar, ob ich‘s überlebe. Es war ein schwerer Schlaganfall. Rechte Gehirnhälfte, die Einschränkungen hab ich links, das überkreuzt sich.

Sie waren bis Ende März in einer Spezialklinik in Grünheide bei Berlin. Hat das etwas gebracht?

Auf jeden Fall. Ich hatte und habe immer noch viel Physiotherapie. Das ist sehr anstrengend, die Fortschritte sind klein, aber sie sind da. Ich kann mittlerweile laufen, wenn auch schwer. Ich kann meinen linken Arm und mein linkes Bein bewegen, aber sehr eingeschränkt.

Darf man hoffen, dass sich da noch etwas bessert?

Ja, wir sagen immer, mensch, es ist doch schon ein Jahr her, aber aus Therapeutensicht ist es erst ein Jahr. Nervenbahnen können sich wieder vernetzen, aber das dauert eben. Das sind ganz kleine Schritte, meine Physiotherapeutin stellt manchmal Fortschritte fest, die ich gar nicht bemerke. Ich bin jedenfalls optimistisch, wenn ich sicher auch nicht wieder der Alte werde. Autofahren würde ich aber gerne wieder können.

Das ginge jetzt gar nicht?

Es liegt nicht mal in erster Linie an meiner eingeschränkten Beweglichkeit. Es fällt mir seit dem Schlaganfall einfach schwer, mich über längere Zeit zu konzentrieren.

Meinen Sie das, wenn Sie sagen, die Krankheit hat einen anderen Menschen aus Ihnen gemacht?

Nicht in erster Linie. Ich bin echt ein Stück weit wesensverändert. Mich haben vorher viele Dinge aufgeregt, ich habe mich schnell in etwas hineingesteigert. Jetzt bin ich viel gleichmütiger, keine Ausreißer nach oben, keine nach unten. Ich habe noch nicht ein Mal geweint, bin auch weit davon entfernt, depressiv zu werden oder so. Zum Glück habe ich mein Anettchen.

Ihre Frau, Sie war die ganze Zeit in der Reha bei Ihnen?

Die ganze Zeit, sie hatte sich ein Zimmer im Ort genommen, kam morgens und ging abends. Sie stammt aus der Region, insofern hat es gepasst. Wir waren schon immer ein gutes Team und sind es jetzt noch mehr geworden. Leicht ist es natürlich nicht. Gerade auch meine neue Gleichmütigkeit, wie sie sagt. Ich bin ihr wahnsinnig dankbar.

Nach Ihrem Schlaganfall übernahm Ihr Stellvertreter Gunnar Falk die Geschäfte des Goldbecker Bürgermeisteramtes. Bis jetzt.

Ja, und er macht das richtig gut. Deswegen fällt es mir am Ende doch recht leicht, den Posten abzugeben, wenn er auch gesagt hat, dass er nicht kandidieren will. Ich war Knall auf Fall raus aus den Geschäften. Unser Verbandsgemeindebürgermeister René Schernikau hat das super geregelt, hatte gleich einen Plan. Er sagte überall im Amt Bescheid, hat mich und uns voll abgeschirmt. Das setzt sich jetzt noch fort und hilft uns sehr.

Haben Sie von Grünheide aus irgendetwas aus Goldbeck mitbekommen?

Nein, gar nicht. Wir waren da in einem Kokon. Die Prioritäten sind ja plötzlich auch ganz andere. Als wir dort draußen spazieren gingen – ich ja noch im Rollstuhl – sind wir übrigens öfter in die Demos für oder gegen die Tesla-Autofabrik geraten. Das hatte schon etwas Skurriles. Wir haben von Grünheide aus alte Freundschaften wiederbelebt. Wie gesagt, meine Frau stammt ja aus der Region und ist damals zu mir nach Goldbeck gezogen.

Apropos Freundschaften. Wie hat Ihr Umfeld auf Ihren Schlaganfall reagiert?

Ich hab mal gehört, man erhält Zuspruch von Seiten, von denen man es nicht erwartet hätte. Und von dort, wo man es für selbstverständlich halten würde, kommt nichts. Die Erfahrung haben wir auch gemacht. In einigen Fällen sind wir echt enttäuscht, man gerät schon schnell in Vergessenheit. Aber überwiegend sind die Erfahrungen doch positiv.

Wie geht‘s jetzt weiter? Den Bürgermeisterjob geben Sie ab. Wie steht es um Ihr Versicherungsbüro?

Das bleibt, mein Mitarbeiter hat sich gut eingefuchst. Er möchte das Geschäft später mal übernehmen. Ich profitiere noch von meinen alten Verträgen. Und ich beziehe Krankengeld. Noch, ich bin zu 100 Prozent arbeitsunfähig, muss alle Vierteljahr zum Gutachter.

Interessiert Sie, was gerade in Goldbeck passiert?

Aber ja, so gleichmütig bin ich nun doch nicht (lacht). Ich freue mich wahnsinnig über die neue Schule, die Sanierung der Sporthalle. Und auch darüber, dass Goldbeck finanziell gut die Kurve bekommen hat. Ich hatte in meiner Amtszeit – neun Jahre waren es insgesamt – immer Glück, dass der Gemeinderat mitgezogen hat. Ich möchte schon sagen, ich gehe erhobenen Hauptes. Und bleibe im Übrigen ja noch im Verbandsgemeinderat.

Die Gemeinde investiert weiter in die Zuckerhalle. Dass sie zum Veranstaltungsort wird, haben maßgeblich Sie angeschoben.

Das stimmt schon. Und ich möchte nun auch in den Zuckerhallen-Förderverein eintreten. Als Bürgermeister war ich ganz bewusst in keinem Verein. Ich freue mich auf die Veranstaltungen dort, was wir dort bisher erlebt haben, war doch wunderbar.

War das vielleicht alles zu viel? Job und Bürgermeisteramt und, und, und?

Das kann schon sein, aber so bin ich oder war ich eben. Meine Frau hatte mich in den Monaten vorm Schlaganfall eindringlich gewarnt, ich soll kürzertreten. Sie hatte die ganze Zeit Tinnitus vor Sorge. Am zweiten Tag in Grünheide stellte sie plötzlich fest, dass es ruhig ist. Sie sagt, sie hat gespürt, dass da etwas kommt.

Wie beenden wir dieses Gespräch positiv?

Ich wiederhole mich einfach: Es geht mir gut. Wir kriegen das alles hin.