Osterburg l Natürlich ging ihr erster Schultag nicht ohne Aufregung ab. Die stand Lour und Wassan förmlich ins Gesicht geschrieben, als sie am frühen Vormittag den Unterrichtsraum ihrer neuen Klasse betraten.

Doch die Nervosität war im Handumdrehen vergessen. Weil die Mädchen und Jungen aus der 6b ihren neuen Mitschülerinnen einen liebevollen Empfang bereiteten. Dabei stellten sich die Sechstklässler selbst vor und vertieften das erste Kennenlernen durch viele Fragen, die Lour und Wassan zum überwiegenden Teil auf Englisch sowie ein bisschen sogar schon auf Deutsch beantworteten. Kam es mal zu einem Missverständnis, wurde es schnell ausgeräumt und gemeinsam weggeschmunzelt.

Michaela Steinke re­gistrierte mit einem Lächeln, wie ungezwungen die Schüler miteinander auf Tuchfühlung gingen. Die Lehrerin hatte ihre Klasse Anfang der Woche auf die Aufnahme der beiden syrischen Mädchen vorbereitet, am Donnerstag übergab sie gemeinsam mit Gymnasiums­leiterin Elke Hein kleine Schultüten an Lour und Wassan. „Die gehören einfach zu einem ersten Schultag dazu“, begründete Hein schmunzelnd das Präsent, das hauptsächlich nützliche Dinge wie Stifte enthielt. Sie hieß die neuen Schülerinnen willkommen und wünschte sich, dass sie am Gymnasium wohlfühlen. Das dürften auch der Seehäuser Verbandsgemeindechef Robert Reck und Karsten Reinhardt, Bürgermeister der Altmärkischen Wische, so unterschreiben. Beide haben großen Anteil daran, dass Lour und Wassan nun in Osterburg zur Schule gehen können.

Denn die Mädchen leben gemeinsam mit ihren Eltern und einem kleinen Bruder in Schönberg. Das Dorf bei Seehausen steht am Schluss einer Flucht, die die Familie wegen des Bürgerkriegs in ihrer Heimat auf sich genommen hatte. Den größten Teil des Weges aus dem syrischen Daraa legten sie dabei zu Fuß zurück. Nachdem die Familie am 10. November in Schönberg eine Bleibe fand, „verging kein Tag, an dem sich die beiden Mädchen nicht gewünscht haben, wieder zur Schule gehen zu können“, sagte Karsten Reinhardt. Weil Lour und Wassan in ihrer Heimat eine mit dem Gymnasium vergleichbare Einrichtung besucht hatten, suchten Reinhardt und Reck den Kontakt zur Schule und zu Elke Hein. Und trugen so maßgeblich dazu bei, für die Mädchen die Tür zum Gymnasium zu öffnen.