Seehausen l In Corona-Zeiten besinnen sich viele Urlauber wieder darauf, Deutschland kennenzulernen, statt Pauschalreisen ans Mittelmeer oder in die Südsee zu buchen. Das bekommt auch Seehausen zu spüren. Das Projekt „Offene Kirche“ verzeichnet in diesen Tagen in St. Petri mehr Gäste als in den Jahren zuvor. Dass nach der Lütkemüller-Orgel inzwischen auch die Türmerwohnung restauriert ist, macht das Gotteshaus an der Straße der Romanik für Besucher offenbar noch interessanter.

Auch der Vorsitzende des Kirchenfördervereins, Walter Fiedler, gehört zu den Ehrenamtlichen um Pfarrerin Almut Riemann, die regelmäßig stundenweise die Aufsicht über das Gotteshaus führen, Ausflügler begrüßen und Strichlisten führen. Letztere hält erfreuliche Zahlen bereit.

Noch im halben Juni besuchten demnach 493 Gäste das Gotteshaus. Im Juli waren es nicht nur zur Freude Fiedlers 947, womit die Gesamtzahlen des Vorjahres bis zu diesem Zeitpunkt trotz der fehlenden vier Wochen bereits übertroffen waren. Und laut Plan sollen die Öffnungszeiten für „Laufkundschaft“ bis Mitte Oktober beibehalten werden.

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Großes Interesse an Türmerwohnung

Der Anteil der Besucher, die die 175 Stufen in Kauf nehmen, um einen Blick in das frühere Domizil ganzer Türmer-Generationen in rund 50 Metern Höhe zu werfen und den Ausblick über die Stadt sowie das Umland zu genießen, ist kräftig angewachsen. Von den 2019 registrierten 2783 Gästen wollten noch weniger als 30 Prozent den Südturm erklimmen, derzeit sind es über 50 Prozent.

Was den Abstecher in die Petri-Kirche in diesen Tagen zusätzlich angenehm macht, ist das kühle Klima hinter den dicken Mauern bei brütender Sommerhitze. Außerdem ist das Gotteshaus so groß, dass die Gäste ohne Maske in die Geschichte der Hansestadt eintauchen können.

Gleich zwei große Kirchen

So wie Sabine Kuhrt und Benno Kreuzmair aus Niederbayern, die das Erscheinungsbild der doppeltürmigen Petri-Kirche bei einer Rundfahrt nach Seehausen lockte. Das Ehepaar, das familiäre Kontakte in die Prignitz pflegt, war Anfang der Woche auf dem Rückweg von Werben, wo es die Johannis-Kirche besuchte und über die unerwartete Mächtigkeit der beiden Gotteshäuser in einer doch so dünn besiedelten Region begeistert war.

Die Begeisterung konnte Walter Fiedler steigern, der ein profunder Kenner der örtlichen Historie ist und alle wichtigen Daten der Hansestadt und ihrer Kirche aus dem Effeff runterbeten kann. Was die Gäste per Zufall in den Genuss einer besonderen Führung brachte, die sonst eigentlich nicht zu den offiziellen Aufgaben der Aufsichtspersonen in der Offene-Kirche-Saison gehört.

Doch auch das ist steigerungsfähig, wie Benno Kreuzmair erfuhr, als er vorsichtig fragte, ob er auf der Lütkemüller-Orgel spielen darf. Eine Bitte, der Walter Fiedler nachkam, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Gast, der die Noten schon vorsorglich unter den Arm geklemmt hatte, sein musikalisches Handwerk auch versteht. „Jeden lassen wir auf unserer Orgel nicht rumklimpern“, hatte er schmunzelnd wissen lassen.

Extra Führung für bayerische Touristen

Sorgen musste sich der Fördervereinschef nicht machen. Der Anwalt im Unruhestand, der in München noch immer eine Kanzlei unterhält, spielt als Katholik regelmäßig zu den Andachten in der evangelisch-lutherischen Johanneskirche Abensberg (zwischen Ingolstadt und Regensburg). Das Orgelspielen hat der 73-Jährge mit Klaviererfahrungen erst vor 13 Jahren gelernt. Die Liebe zur Königin der Instrumente wurde in ihm allerdings schon im Alter von sechs oder sieben Jahren geweckt.

Der Jurist bedankte sich mit Johann Pachelbels Kanon in D-Dur und „Jesus bleibet meine Freude“ von Bach, deren Melodien auch Leuten ohne Gottesdiensterfahrung bekannt vorkommen dürften.

Walter Fiedler bedankte sich aus dem Altarraum – allerdings nur einstimmig – mit dem Kanon „Dona nobis pacem“ (Gib uns Frieden), der den Gästen eindrucksvoll die akustischen Qualitäten des Kirchenschiffes demonstrierte.