Seehausen l Die beiden analogen 3D-Ansichten aus Pappe, Holz und Farbe im hinteren Teil des Kirchenschiffes zeigen Seehausen um 1600 und 1995. Letzteres entspricht, in großen Teilen auch heute noch der räumlichen Stadtaufteilung. Die Modelle standen in den vergangenen Jahren auf der Empore der Salzkirche, wo sie fast im Dornröschenschlaf zu versinken drohten.

Bei einem Arbeitsgespräch, in dem es unter anderem darum ging, dass die Touristinformation die Empore des Veranstaltungsortes gern mit ins kulturelle Geschehen einbeziehen möchte, wurde Walter Fiedler auf die beiden aufwändigen und filigranen Bastelarbeiten aufmerksam. Und weil er nicht nur Mitglied im Stadtrat, sondern auch Vorsitzender des Kirchenfördervereins ist und sich aktiv im Projekt „Offene Kirche“ oder als Stadtführer engagiert, war ein neues Domizil mit Einverständnis der evangelischen Glaubensgemeinde schließlich zeitnah gefunden.

Filigrane Detailtreue

Die Entstehungszeit beider Anlagen datiert höchstwahrscheinlich auf oder kurz nach 1995. Als Bauherren sind Walter Fiedler die Herren Spode und Krafczyk bekannt. Die Anregung kam seinerzeit offenbar von Lehrer Grützmacher. Weshalb es ursprünglich ein Schülerprojekt werden sollte. Aber dann wären die Straßenzüge und die markanten Bauten der Hansestadt sowie der Verlauf von Aland und Umfluter vielleicht nicht ganz so maßstabsgerecht und detailgetreu geworden. Das 1600er Modell ist übrigens das deutlich kleinere. Was einfach daran liegt, dass die Stadt im Mittelalter längst nicht so viel Fläche wie in der Moderne beanspruchte.

Bilder

Inzwischen funktioniert an der kleinen Anlage dank praktischer Tipps der Seehäuser Modelleisenbahner sogar wieder die Detail-Beleuchtung, mit der sich wichtige Ecken der Hansestadt gezielt per Knopfdruck beziehungsweise Kippschalter finden lassen. Eine sehr praktische Sache, die dem Stadtführer die ehrenamtliche Arbeit erleichtert. Besucher dürfen aber gern auch selbst mal in die Tasten greifen, wenn das Haus geöffnet ist.

Virtuelle Zeitreise

Die beiden Modelle sind für Einheimische nicht weniger interessant als für Gäste der Stadt, weil aus der Vogelperspektive eine kleine Zeitreise möglich ist, die selbst bei Ortskundigen für Aha-Effekte sorgen dürfte. Denn neben der historischen Stadtmauer sind zum Beispiel noch alle fünf Tore zu sehen. Dabei erfährt der Betrachter unter anderem, dass das Neue Tor an der heutigen Lindenstraße im Mittelalter ein Nadelöhr war und nur zu Fuß mit Handkarren benutzt werden konnte, während sich an gleicher Stelle knapp 400 Jahre später der Bundesstraßenverkehr durch die Siedlung quälte. Schnell ist neben der alten Ziegelei und der Fischerei mit der Jakobuskirche sozusagen das Ur-Gotteshaus vor der ersten urkundlichen Erwähnung Seehausens gefunden. Auf der alten Ansicht sind die beiden Rathausflügel noch durch den Schwibbogen verbunden. Und von der Großen Brüderstraße aus verdeckte seinerzeit außerdem keine Gebäude den Blick auf die Petrikirche mit ihrem berühmten romanischen Portal auf der Westseite.

Ein Blick auf die beiden Modelle lohnt sich. Jetzt müssen nur noch die Rahmenbedingungen für Besucher passen.