Historisches Phänomen

Steinstaub als Wundermittel? Schabespuren an Osterburger Nicolaikirche werfen Fragen auf

Von Lothar Müller
Die Osterburger Nicolaikirche aus der Vogelperspektive. Das stadtbildprägende Gotteshaus steht vor umfangreichen Sanierungsarbeiten, die in den nächsten Tagen beginnen sollen. Foto: Jörg Gerber

Osterburg

Obwohl unscheinbar, handelt es sich um ein beachtenswertes kulturhistorisches Phänomen: Steine der Nicolaikirche weisen eigenartige Vertiefungen auf. Es handelt sich hierbei um sogenannte Schabespuren, auch als Näpfchen, Rillen oder Schiffchen und Scharten bezeichnet, deren eindeutige Entstehungsweise, der Grund und selbst der Zeitpunkt nicht erklärt sind. Diese Erscheinungen sind in Deutschland, ja sogar weltweit, vielfach an Kirchen, anderen Sakralbauten, profanen Bauwerken oder Sühnekreuzen und Denkmalen zu finden.

Heimatforscher grübeln über den Ursprung

Seit vielen Jahren beschäftigen sich Historiker, Archäologen und Heimatforscher mit der Thematik, um deren Deutung zu ergründen. Sie haben Fundortsammlungen zusammengetragen, Objekte vermessen und Vergleiche angestellt, Geschichtsdokumente studiert und Meinungen ausgetauscht, aber keine schlüssigen Erklärungen gefunden.

Die zeitliche Zuordnung der Entstehung dieser Merkmale lässt sich am Bauwerksalter festmachen und liegt mehrheitlich zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert, vereinzelt auch jünger. Jedoch finden sich keine bildlichen oder schriftlichen Nachweise zur Ausführung. Wahrscheinlichkeiten zur Ursache ergeben sich aus religiösen Ritualen, abergläubischen Vorstellungen oder geheimer Kultarbeit. An erster Stelle steht die Vermutung, dass mit Hilfe unterschiedlicher Werkzeuge, auch Münzen (für runde Vertiefungen), aus dem geweihten Gemäuer Steinstaub gewonnen wurde, der heilsame Kräfte besitzen sollte. Der Steinstaub wurde Getränken oder Speisen sowie sogar dem Viehfutter zugesetzt. Andererseits diente vielleicht das Erschleifen dieser Spuren dem „Verpusten“ von Fieber und anderen Krankheiten oder als „Liebes-,Fruchtbarkeits- oder Unfruchtbarkeitszauber“.

Möglich ist auch, das Waffen oder Werkzeuge am heiligen Stein vor dem Einsatz gefeit oder im Gegensatz stumpf gemacht wurden. Zudem wird in Erwägung gezogen, dass der Stein mittels Feuerstahl zur Feuererzeugung, beispielsweise für Fackeln, beigetragen haben könnte.

Rillen und Näpfchen liegen in Armhöhe

Der Bereich der Fabeln und Legenden wird berührt, wenn bei bestimmter Anordnung der Spuren von Teufelskrallen oder Dämonenablenkung gesprochen wird, wie auch von Zeichen durch Pilger oder Hausierer. Ebenso könnten es Bekundungen von Eheschließungen oder Geburtsanzeigen sein. Letzteres ist in Schönhausen eine Legende für die zahlreichen (über 800) Schabespuren an der dortigen Dorfkirche. Erwähnt werden muss, dass die Rillen oder Näpfchen am Äußeren von Gebäuden und in der Regel in menschlicher Reichweite und Armhöhe zu finden sind. Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass in den zurückliegenden Jahrhunderten das Gelände um die mittelalterlichen Bauten durch Brand-und Bauschutt sowie Straßenaufbauschichten gewachsen ist. An der Nicolaikirche wird dies deutlich durch die heutigen Stufenanlagen in das Innere der Kirche, womit sich die hier augenscheinlich tief liegenden Schürfungen erklären.

Somit ist das Geheimnis der Schabespuren vielleicht etwas erhellt, aber lange nicht gelöst und soll für Aufmerksamkeit sorgen, wenn in nächster Zeit die Osterburger Nicolaikirche einer grundlegenden Sanierung unterzogen wird.

Auf diesem Bild sind die Schabespuren deutlich zu sehen.
Foto: Lothar Müller