Räbel l Am Freitagmorgen saß Tobias Westermann am Frühstückstisch im Wohngebäude. Erstmal gab es auch nichts zu machen, außer den Schrecken vom Vorabend zu verdauen. Bevor der Gutachter der Versicherung kommt, bevor der Bio-Landwirt irgendwann daran gehen kann, den riesigen Schutthaufen auf seinem Räbeler Hof auseinander zu pflücken. Irgendwo unter den Dachsteinen, dem Gebälk und Solarmodulen sind auch zwei Autos, Anhänger und ein Traktor begraben. Westermann schätzt den Schaden vorsichtig auf 250 000 Euro. Und sagt, dass er so froh ist, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Das wäre durchaus denkbar gewesen. Als sich nämlich am Donnerstagabend zwischen 19 und 19.30 Uhr die Gewittertiefs „Nadine“ und „Oriana“ gemeinsam über der Altmark austobten, feierte Westermann gerade in Großfamilie samt Gästen von außerhalb ein Fest. Im kleinen Gebäude mit Aufenthaltsraum direkt angrenzend an die Scheune. Die Runde war bereits mit dem Essen fertig, als es passierte. „Wir haben nur eine Staubwolke gesehen“, sagt Westermann. Regen und Sturm übertönten das Krachen des Zusammensturzes. „Die Feier war sofort beendet.“

Das muss eine Windhose gewesen sein, ein kleiner Orkan, irgend so etwas. Westermann sucht nach Erklärungen. Denn die Scheune, die zusammenbrach, wurde erst 2012 saniert und dabei auch mit Solarmodulen versehen. Der Dachdecker von einst war schon da, „er hat gesagt, so was hat er noch nie gesehen“.

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Tatsächlich hatte es die Kaltfront von Donnerstagabend ordentlich in sich. Sie zog laut Meteorologe Thomas Hain vom Deutschen Wetterdienst, Niederlassung Leipzig, von West nach Ost über Sachsen-Anhalt. Herrschten in der Altmark am Nachmittag noch Temperaturen um die 33 Grad, waren es am Abend nur noch 20 Grad. Dieser Temperaturgegensatz birgt Gefahren. Die kalte Luft schiebt sich unter die warme, es gibt Wolkenbildung, Regen, Sturm. „Auf eng begrenztem Raum fielen in kurzer Zeit 30 Liter Regen.“ Entlang der Gewitterlinie kam es teils zu Windstärke zehn. „Und die ist dann ganz schlagartig da“, erklärt Hain. Windstärke zehn könne einem Gebäude schon was anhaben, da würden Dächer abgedeckt oder Schlimmeres, je nachdem, in welchem Winkel das Haus getroffen wird, „es kann abhängig vom Umfeld auch zu Kanalisierungen und Sogwirkungen kommen“.

So in etwa mag es gewesen sein am Donnerstagabend in Räbel. In Höhe des Grundstücks sind an der Straße auch etliche Äste heruntergefallen, überdies Biberschwänze von Dächern weiterer Gebäude des Westermannschen Hofkomplexes, auf dem er selbst, aber regelmäßig auch Feriengäste unterkommen. Westermanns Großeltern hatten einen Hof auf der anderen Straßenseite und wurden seinerzeit enteignet. Der Hof existiert nicht mehr. Nach der Wende nahmen Westermann und sein Vater im Münstlerland Anlauf, um Ländereien in Räbel zu erwerben, wozu auch der jetzige Gebäudekomplex gehört. Über die Jahre hat die Familie dort viel investiert, am Donnerstag tat sich eine der abgearbeiteten Baustellen wieder neu auf.