Seehausen l Die Feuerwehr Seehausen ist am vergangenen Sonnabend (22. August) zu ihrem ersten Einsatz 2020  mit einem Toten ausgerückt. Ein junges Mitglied musste danach notfallseelsorgerisch betreut werden. „Zum Glück gibt es das“, sagt Stadtwehrleiter Enrico Schmidt (50). In einem Interview mit Volksstimme-Redakteurin Karina Hoppe spricht er über die Erfahrungen bei solchen schweren Einsätzen.

Interview

Volksstimme: Herr Schmidt, was haben Sie am Sonnabendnachmittag gerade gemacht, als der Pieper ging?

Enrico Schmidt: Wir bauen ein Haus aus, sind an dem Tag gut vorangekommen. Ich wollte gerade abschließen, da kam die Meldung.

Sie waren der Einsatzleiter?

Ja, wir kamen gemeinsam mit dem Rettungsdienst an. Der Arzt hat dann schnell festgestellt, dass wir einen Hubschrauber brauchen, dass der Mann in eine Spezialklinik muss. Leider konnte dem 55-Jährigen am Ende nicht mehr geholfen werden. Ein Kamerad von uns ist ja auch noch Arzt. So haben drei Ärzte wirklich alles Menschenmögliche versucht, nachdem wir den Mann aus dem Auto hatten. Die Verletzungen waren leider zu schlimm.

Eben noch im Alltagsleben und dann Zeuge eines tragischen Unfalls, wie gehen Sie damit um?

Es ist schwer. Wir hatten auch gerade zwei junge, dynamische Kameraden dabei und die erleben gleich so ein krasses Ding. Einer konnte damit erstmal nicht umgehen. Ein Kamerad hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass er zittert. Ich habe gleich bei der Leitstelle angerufen und das Kriseninterventionsteam geordert. Wir versuchen ja als alte Hasen immer, die jungen Leute so gut wie es geht abzuschirmen, aber du guckst eben doch hin.

Kamen die Notfallseelsorger gleich zum Einsatzort?

Nein, sie haben ja auch noch einen Anfahrtsweg. Sie kamen dann zu uns in die Feuerwehr. Es waren zwei Frauen, sie unterhielten sich eine Stunde mit ihm. Als die Tür wieder aufging, war er wie ausgewechselt. Es steht das Angebot, dass wir den Einsatz auch noch in größerer Runde aufarbeiten.

Das haben Sie wohl schon öfter gemacht?

Es kommt vor, wir haben ja jedes Jahr Einsätze mit Toten. Außer in einem Jahr, ich glaube, das war 2018, als die vielen Brände waren. Die Bilder, die wir sehen, sind schlimm. Erstmal funktionierst du, aber wenn die Ruhe wieder kommt, kann es schwierig werden.

Es war Ihnen selbst einmal zuviel und Sie brauchten Hilfe. Wann war das?

Das war 2000, bei „Sobos Imbiss“ wollte ein Lkw auf der B189 wenden und es sind zwei Autos in ihn reingefahren. Ein Mann war schwerverletzt, einer ist verbrannt, das Bild und den Geruch wirst du nicht los. Ich habe gemerkt, wenn ich jetzt nichts tue, muss ich hinschmeißen. Irgendwann läuft das Fass einfach über.

Da half Ihnen auch der Kriseninterventionsdienst.

Ja, Superintendent Kleemann. Er hat erkannt, dass ich professionelle Hilfe brauche und die habe ich dann auch bekommen. Erst da merkte ich, was mich alles belastet hat. Dinge, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte.

Schlimme Einsätze aus früherer Zeit?

Auch, ja. Ich bin seit 1990 in der Feuerwehr Seehausen und in den 90ern gab es hier richtig viele Unfälle mit Toten. Die Leute konnten vielleicht mit den neuen Autos noch nicht umgehen.

Können Sie sagen, was bisher das Schlimmste war oder ist das eine komische Frage?

Das Schlimmste ist immer, wenn Kinder sterben. Ich denke an die Kinder, die in Seehausen in einer Wohnung verbrannt sind oder bei einem Unfall an der Bahnschranke Groß Garz ums Leben kamen. Das ist furchtbar. So etwas steckst Du nicht einfach weg. Auch die gestandensten Männer nicht, auch sie sind hier schon bei Nachsorgegesprächen in Tränen ausgebrochen. Wir trinken eben nicht nur Bier bei der Feuerwehr oder erklären Kindern, wie ein Blaulicht funktioniert.

Wie viele Tote mussten Sie durch Ihr Ehrenamt schon sehen?

40 waren es bestimmt.

Woran merken Sie bei sich selbst, dass Ihnen etwas zu viel war oder ist?

Ich werde schnell wütend, bin unausgeglichen. Ich habe aber jetzt Übungen an der Hand, die mir helfen. Ich bin Herrn Kleemann heute noch dankbar dafür, dass er für mich da war, mir die richtige Hilfe vermittelte. Und hier passen wir zum Glück auch alle gut aufeinander auf. Das muss ich wirklich sagen, unsere ganzen Führungskräfte haben ein Händchen gerade für unsere jungen Kameraden. Sie merken, wenn etwas nicht stimmt.

Sie können die Neuen ja sicher auch nur bedingt auf das vorbereiten, was da draußen passieren kann.

So ist es. Wir versuchen da wirklich alles, üben zum Beispiel bei Dienstabenden auch mit dem Schneid- und Spreizgerät so realitätsnah wie möglich. Aber dann ist jeder Unfall doch anders und Du siehst mit 19 Jahren zum ersten mal einen Menschen mit vielen offenen Brüchen. Kameraden aus anderen Gemeinden sagen schon manchmal, man, wenn‘s bei euch kracht, dann aber gleich richtig.

Haben Sie in dem Zusammenhang eigentlich Angst vor der Autobahn?

Angst ist vielleicht das falsche Wort. Eher Respekt. Da wird schon noch ordentlich was auf uns zukommen. Vor allem Unfälle mit Lkw sind ja von der Dimension her auch eine Herausforderung. Und die anderen Straßen haben wir ja trotzdem noch.

Die Feuerwehr Seehausen postet über Facebook Bilder von ihren Einsätzen. Wie gehen Sie da mit schlimmen Unfällen um?

Sehr vorsichtig. Gerade wenn es sich um Betroffene handelt, die man kennt. Ist ja alles schon schlimm genug. Dass wir über unsere Arbeit berichten, ist aber trotzdem wichtig. Es kommen übrigens nicht selten Kommentare von schlauen Leuten, die anhand eines Bildes wissen wollen, wie man es hätte besser machen können. Aber da muss man drüberstehen. Die sozialen Medien sind Fluch und Segen zugleich. Du willst es nämlich nicht erleben, dass die Angehörigen eines Verunfallten noch vor Dir am Unfallort sind.

Was haben Sie am Wochenende noch gemacht?

Ich hab mich am Sonntag aufs Rad gesetzt, mich richtig ausgepowert, den Kopf freigetreten. Das hilft mir immer.