Osterburg l Sämtliche Parteien hatten Spitzenkandidaten geschickt, zudem nahm Einzelbewerber Peter Leier am Donnerstag im Podium des Osterburger Verwaltungssaals Platz. Lediglich die Wählergemeinschaft Land war nicht vertreten, ihre Kandidaten waren durch Urlaubsreisen oder den Aufenthalt auf der Fachmesse Agra in Leipzig verhindert.

Nach einer Vorstellungsrunde, die Bewerber hatten jeweils zwei Minuten Zeit, dann meldete sich unüberhörbar der Wecker von Moderator Thomas Pusch, ging das Wort an die Besucher über. So äußerte Richard Sasse an Beispielen wie der geschlossenen „Bücher­ecke“ seine Sorge, dass der Innenstadt auch generationsbedingt ein Ladensterben bevorsteht. „Wie kann der Handel gestärkt werden, wo liegen Chancen?“, wollte er wissen.

Hilft die "nette Toilette“?

Sandra Matzat (AfD), die mit ihrer Mutter selbst an der Breiten Straße eine Boutique betreibt, teilt die Befürchtung. Es sei ein Fehler gewesen, den Wochenmarkt aus der Breiten Straße und damit aus der Innenstadt zu ziehen. „Der hat für zusätzliches Leben gesorgt.“ Zudem gebe es keine öffentliche Toilette. Dem pflichtete Thorsten Schulz (SPD) bei, „und das ist für eine Stadt wie unsere fast schon einzigartig. Aber wenigstens markiert schon mal ein Kreuz den zukünftigen Standort auf dem Marktplatz“, sagte er. Bis zum Bau sei aber eine Übergangslösung nötig, zum Beispiel in Form der „netten Toilette“.

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Mit diesem Modell, nach dem Händler oder Gastronomen Toi­letten zur kostenlosen öffentlichen Nutzung bereitstellen und dafür eine Aufwandsentschädigung durch die Kommune erhalten, könnte sich auch Michael Handtke (CDU) anfreunden. Denn die öffentliche Toilette werde zwar gebaut, „aber noch nicht im nächsten und auch noch nicht im übernächsten Jahr. Sie kostet sehr viel Geld.“ An ein Geschäftssterben glaubt der Fraktionschef nicht, „eher steht ein Generationenwechsel ins Haus“. Für den müssten Kommune und Verwaltung, beispielsweise in Sachen Digitalisierung, vernünftige Grundlagen schaffen. Am Beispiel Stendal brachte Handtke zudem die Idee einer lokalen Internet-Handelsplattform ins Spiel, obwohl eine derartige Initiative vor ein paar Jahren schon mal verpufft war.

Eigene Erfahrungen mit einem „Projekt in Hamburg, das nicht so gut gelaufen ist“, lassen Matthias Siegmanski (FDP) eher skeptisch auf den Neuversuch einer lokalen Webplattform für die Händler blicken. Er regte stattdessen zentrumsnahe E-Tankmöglichkeiten und den Ausbau von WLan in der Innenstadt an. Für letzteres gebe es ein Förderprogramm, so Siegmanski. Laut David Elsholz (Bündnis 90/Die Grünen) sollte die Kommune Händlern Hilfestellung dabei geben, wie sie das Internet besser für sich nutzen können. Als „generell drückend“ schätzt Peter Leier für den Einzelhandel die Konkurrenz aus dem Web ein. „Was überlebt, ist essen und trinken“, ahnt der Einzelbewerber voraus. Jürgen Emanuel (Die Linke) sieht dagegen den Wirtschaftsinteressenring mit im Boot, um die Perspektiven des Osterburger Handels zu thematisieren. Der Fraktionschef erinnerte auch an ein Konzept, dass die Stadt seit 25 Jahren in der Schublade hat. Damals hätten Fachleute eine Einzelhandelkonzeption für Osterburg erarbeitet, „die jetzt dabei helfen kann, neue Standbeine zu finden.“

Einwohner Konrad Behrends kann den von den Stadtvätern unterstützten Bau eines Norma-Marktes an der B 189, Höhe Landessportschule nicht nachvollziehen. Markt­standorte im Außenbereich ziehen das Leben aus der Innenstadt, ist Behrends überzeugt. David Elsholz stimmte zu, sieht das Projekt aber auch deshalb kritisch, weil der schon in Osterburg bestehende Norma-Markt nur umzieht. „Wir versiegeln Boden und lassen dafür am heutigen Standort an der Ballerstedter Straße einen leeren Bau zurück.“

Am Marktort scheiden sich die Geister

Michael Handtke verteidigte das Vorhaben. Der Einwohner-Wunsch nach einem Markt im Norden sei schon formuliert worden, da habe er noch nicht einmal in der Stadtpolitik gewirkt, so der CDU-Kandidat. Handtke zeigte dennoch Verständnis für die Ansicht von Behrends. „Aber hier geht es nur um einen Umzug.“ Mehr Marktverkaufsfläche sei nicht gewünscht, auch keine weitere Verlagerung von Märkten an die Peripherie. Aktuellen Bestrebungen weiterer noch im Stadtgebiet ansässiger Ketten, an den Rand zu ziehen, schiebe man deshalb so weitgehend wie möglich einen Riegel vor, stellte Handtke klar.

Soll die Kommune zukünftig Bereiche per Videokamera überwachen, um potenzielle Vandalierer abzuschrecken oder ausfindig zu machen? Michael Handtke und Thorsten Schulz („Unbescholtene Bürger haben nichts zu befürchten“) plädieren für den Kameraeinsatz, Matthias Siegmanski würde eine bessere Ausstattung der Polizei bevorzugen. Sandra Matzat und David Elsholz lehnen eine Videoüberwachung ab, letzterer hält aber ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen der Stadt für überlegenswert. Jürgen Emanuel wiederum sieht das Pferd „von hinten aufgezäumt. Wir müssen viel früher ansetzen und darüber nachdenken, ob nicht in Sachen Prävention mehr zu machen ist“.

Wie kann das Vereinsleben gestärkt werden? Sandra Matzat, die selbst den Förderverein der Feuerwehr Dobbrun führt, vermisst, „dass es niemanden bei der Stadt gibt, der bei Neugründungen von Vereinen berät.“ Michael Handtke („Kultur ist ein Standortfaktor und Identitätsstifter, lebende Vereine bedeuten eine lebende Stadt“) schlägt vor, Plattformen für Vereine zu schaffen. Jürgen Emanuel hält es insbesondere mit Blick auf das verstärkte „Chorsterben“ für dringlich, Musiklehrer für ehrenamtliche Chor­arbeit zu gewinnen. Ebenso würde er sich wünschen, wenn in der Kreismusikschule abseits von Klavier oder Gitarre auch Blasinstrumente wieder stärker in den Vordergrund rücken würden, so Emanuel, der selbst bei den Osterburger Blasmusikanten mitwirkt und daher aus erster Hand über den Mangel an jungen Blasmusikern weiß. „Das Ehrenamt sollte mehr gewürdigt werden“, ist David Elsholz überzeugt. Zudem sei es dringlich, mehr Identität mit der Region zu schaffen, „junge Leute müssen merken, dass es sich lohnt, hier etwas zu machen“, fügte der Bündnisgrüne hinzu. Thorsten Schulz, selbst Präsident der Osterburger Carnevalsgesellschaft, sieht die Vereine selbst in der Pflicht, „Nachwuchsarbeit zu betreiben. In unserer Carnevalsgesellschaft funktioniert das sehr gut“, so der SPD-Mann. Peter Leier sieht im Vereinsleben „keine Aufgabe der Politik“. Bei Nachfragen unter die Arme zu greifen, sei in Ordnung. „Sonst müssen wir uns aber nicht überall einmischen.“

Kandidaten haben das Schlusswort

Nach eineinhalb Stunden hatten die Bewerber jeweils eine knappe Minute Zeit für ein Schlusswort. Peter Leier („Der Rat benötigt frische Gesichter und Ideen“) und Sandra Matzat („Wir brauchen mehr Frauen im Stadtrat“) machen Änderungsbedarf aus, Matthias Siegmanski möchte wie seine liberalen Mitstreiter auch „etwas für das Handwerk bewegen“. David Elsholz und seine beiden grünen Mitbewerber wollen gern einen Beitrag dazu leisten, „diese Zeit des Wandels als Chance zu begreifen und Osterburg voranzubringen. Thorsten Schulz sieht die Kommune auf dem richtigen Weg, die SPD-Kandidaten würden gern dabei mithelfen, Bewährtes zu erhalten und Neues zu gestalten. Michael Handtke kündigte an, die CDU werde sich noch stärker mit eigenen Anträgen in die Stadtpolitik einbringen „und nicht nur auf das reagieren, was uns aus dem Rathaus vorgelegt wird“. Und Jürgen Emanuel machte auch im Namen seiner Mitkandidaten aus den Reihen der Linken deutlich: „Wir sind noch längst nicht mit allem fertig und wollen gern weiter mittun.“