Werben/Berlin l Fünf Jahre präsentierte die Winckelmann-Gesellschaft Orte, in denen der Gelehrte, Archäologe und Aufklärer gelebt hat, blickte der Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten Dr. Michael Schneider zurück und begrüßte die zahlreichen Zuhörer. „Warum aber Werben?“, fragte der Präsident der Winckelmann-Gesellschaft Prof. Max Kunze anschließend provokativ in die Runde.

Und klärte auf: Als Konrektor hatte es Winckelmann in Seehausen nicht leicht, legte sein Vorgänger doch Wert auf Latein und er selbst auf Altgriechisch, Philosophie und Geometrie. Letztlich verweigerte er die aktive Teilnahme in der Kirche, wofür er mit der Einteilung als Elementar-(Grundschul-)lehrer bestraft wurde. Davon abgesehen konnte er es „nicht ertragen, sich in schwarzen Lumpen zu sehen“, der gängigen Lehrerbekleidung. So versah er sich in Leipzig mit farbigem Gewand und erschien auch in dem toleranteren Werben so nach dem Einkaufen.

„Über die Knechtschaft von Seehausen ist nichts gegangen“, zitierte später Irmgard Gellerich aus einem Brief Johann Joachim Winckelmanns aus Rom an seinen besten Freund, den Musiktheoretiker und Komponisten Friedrich Wilhelm Marpurg. Der von Frank Gellerich „wiederentdeckte“ Künstler wurde auf dem Seehof in Wendemark geboren und lernte Winckelmann während seines Theologie-Studiums in Halle kennen. In dessen schwierigen acht Seehäuser Jahren (wovon er fünf als Konrektor erlebte) weilte Marpurg allerdings in Paris. Dorthin war er geflohen, weil er einen Hochschullehrer beleidigt hatte. Einzig die Junglehrer Samuel Buchholtz und Gottlob Genzmer standen Winckelmann in der Altmark zur Seite. Nach dem Tod seiner Mutter 1747 verließ er die Gegend endgültig.

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Über die Pfunde der Hansestadt

Wie froh war Gellerich, einmal mehr Prof. Christian Kluttig für die Marpurg-Konzerte am Klavier als Begleitung zu gewinnen! Wobei das vierte in den Berliner Winckelmann-Abend eingebettet war, gesanglich unterstützt von dem Bariton Georg Streuber. Die Interpretation der teils heiteren, teils romantischen und dramatischen Vertonungen und der Brief Winckelmanns an Marpurg unterhielten bestens.

Die Werbung für Werben war allerdings Bürgermeister Wolfgang Tacke und Jochen Hufschmidt vom Arbeitskreis Werbener Altstadt (AWA) vorbehalten. Die Pfunde, mit denen die Hansestadt wuchern kann, seien in dem Kultur- und Architekturgut, dem Landschaftsschutzgebiet mit seinen Storchenkolonien und dem hohen Engagement der Vereine zu finden. 2004 gegründet und auf 64 Mitglieder angewachsen, brachte das Forcieren der Sanierung denkmalgeschützter Häuser aus dem 19. Jahrhundert dem AWA 2016 gar die Silberne Halbkugel des Deutschen Preises für Denkmalschutz ein, erfuhren die Zuhörer. Ob Biedermeiermarkt, Postille oder Auftritte der Theatergruppe „Dilettantengesellschaft Altmärkisches Treibgut“ – die Werbener werden nicht müde, sich mit Herzblut um ihr 1000 Jahre altes, von Albrecht dem Bären geprägtes Städtchen zu kümmern. Wenn nur das Kommandeurhaus in der Seehäuser Straße schon fertig saniert wäre! Friedrich II. soll persönlich Einfluss auf die Errichtung des Gebäudes 1768/69 genommen haben.

Die Winckelmann-Wanderausstellung wurde ebenda im Frühjahr gezeigt. Dort sollen die Marpurg-Konzerte fortgesetzt werden. Neben Marpurg gehörte laut Hufschidt auch der Maler Christian Köhler mit seinen bekanntesten Werken „Semiramis“ (Berlin) und „Erwachende Germania“ (New York) zu den Werbener Entdeckungen des Ehepaars Gellerich.

Geschenk für den Minister

Wolfgang Tacke überraschte Minister Michael Schneider mit einem Geschenk: Als Referatsleiter für Städtebau in Sachsen-Anhalt war Tacke an der Rekonstruierung des Gebäudes in der Luisenstraße 18 beteiligt. Als ein Bekannter ihm vom Flohmarkt ein Schild der einst dort untergebrachten Theaterbibliothek anbot, griff er zu. Das Gebäude der Landesvertretung Sachsen-Anhalt ist in Berlin immer noch besser bekannt als „die Möwe“ und beherbergte auch den berühmten gleichnamigen Künstlerklub. In ihm gab sich Theater- und Filmprominenz wie Sophia Loren und Hans Albers die Klinke in die Hand. „Ich gebe das Schild heute gern an den Herkunftsort zurück“, so Tacke. „Das ist für uns eine große Freude“, dankte der Minister.

Nach zwei Stunden zog der Bürgermeister Tacker eine positive Bilanz: „Das war ein toller Abend, an dem wir einen guten Eindruck hinterlassen.“ Der kürzlich in der Werbener Stadtratssitzung verkündete Antrag auf seine Abwahl stand einmal nicht im Vordergrund. Darauf angesprochen, kommentierte er: „Ich bewahre mir meinen Realitätssinn und will weiterhin gute Arbeit leisten. Das lasse ich mir auch von Einzelnen nicht zerreden.“