Diesdorf l „Das Bild ist eines meiner Lieblingsmotive“: Stolz zeigt der Diesdorfer Heinz-Günter Klaas das Blatt für den Februar. Es zeigt die kleine Luise Müller, die im Jahr 1907 geboren ist. Die Aufnahme stammt wohl aus dem Jahr 1910. Doch noch interessanter ist der abgebildete Kinderwagen, der um 1850 hergestellt wurde. Die beiden Räder waren zum Schieben wichtig, die Stützen zum „Parken“, erzählt der ehemalige Lehrer, der sich intensiv mit der Geschichte des Flecken Diesdorf beschäftigt, mit einem Lächeln auf den Lippen. „Das solch ein Gefährt Anfang des 20. Jahrhunderts in Diesdorf noch genutzt wurde“, staunt Heinz-Günter Klaas.

Zufrieden blättert er den neuen Kalender durch, der ab Donnerstag verkauft wird. Die Titelseite schmückt das Haus im bayrischen Stil von Dr. Georg Schulze, der vor 149 Jahren geboren ist. Der Museumsgründer ist auch noch einmal im März verewigt. Dort ist zu erfahren, dass er bis zum Jahr 1931 Georg Schulz hieß. Dann habe er sich das zusätzliche „e“ zugelegt, berichtet Heinz-Günter Klaas. „Vielleicht sollte es ein Alleinstellungsmerkmal sein“, mutmaßt er. Der Doktor habe auch handfest austeilen können. So habe er sich daran gestört, wenn sich Fischdiebe am Teich selbst bedienten. Die Schlägereien seien in Zeitungsnotizen belegt, die er im Salzwedeler Stadtarchiv gefunden habe. „Diese habe ich als Ergänzung mit zugestellt“, macht er auf eine Neuerung aufmerksam.

Und auch eine zweite gibt es in der zehnten Auflage: Einige der Gebäude von einst, so das vom Pantinenmacher Otto Neumann aus der Bauernstraße 16, hat Heinz-Günter Klaas in der Jetzt-Zeit aus der Vogelperspektive als Vergleich fotografiert. „Ich klettere auf jedes Gerüst, das ich sehe. Denn ich mag diesen Blick von oben“, gesteht er.

Pfingstochse durch Straßen getrieben

Im Begleiter für 2016 wird auch an den Pfingstochsen-Brauch erinnert, als noch ein lebendes Tier durch die Diesdorfer Straßen getrieben wurde. Die Zuschauer des Spektakels suchten sich dabei aus, welches Stück sie gern haben wollten. „Wie makaber“, kommentiert Heinz-Günter Klaas. Bis nach 1930 sei dieser Brauch übrigens üblich gewesen.

Von der Qualität her lässt das Foto des Schützenhauses an der Abbendorfer Straße (heute Werkstatt Kopplow) zu wünschen übrig. „Ich habe es ausgewählt, weil es seit 1896 das kulturelle Zentrum von Diesdorf gewesen ist“, erklärt Heinz-Günter Klaas.

Fotografisch erinnert wird an Mitglieder des Turn- und Sportvereins aus dem Jahr 1927, von denen viele im Krieg gefallen sind. „Aber von fast allen Familien leben noch Nachfahren in der Region“, weiß der Diesdorfer. Und auch die Pa-rallele zum Freilichtmuseum Diesdorf fehlt nicht. Denn ein Bild zeigt Böttchermeister Fritz Schulz (Jahrgang 1911), der beim Böttchermeister Heinrich Gades in Knesebeck sein Handwerk lernte. Dessen Sohn Heinrich hat im Freilichtmuseum die Böttcher- und Küferausstellung möglich gemacht.

Blicke aufs Bühnenbild

Seltenheitswert habe die Aufnahme auf der Dezember-Seite: Sie zeigt den Gasthof von H. Müller am Markt 23 im Jahr 1912 nicht nur von außen, sondern auch mit Bühnenbildern aus dem Inneren des Hauses.

„Der Kalender ist wieder nur möglich geworden, weil mir ganz viele Leute mit Leihgaben und Informationen geholfen haben“, bedankt er sich. Informationen zu den Bildtexten hätten unter anderem Waltraud und Dieter Tornow, Hermann Tiedemann, Margot Hüttner, Ilse-Maria Klapper sowie Erhard Schwabe gegeben. Ab heute gibt es den Neuen, der sicher auch wieder als Geschenk nach Australien und in die USA reisen wird, in Leitner‘s Service-Center Diesdorf, in der Gemeindebibliothek bei Angela Hehle und bei Heinz-Günter Klaas in der Lindenallee 5. Für die ersten 30 Käufer gibt es noch eine kleine Zugabe: Sie erhalten einige Samenkörner der italienischen Fleischtomate Ochsenherz.

Damit auch die elfte Auflage möglich wird, sucht der ehemalige Lehrer Fotos, Geschichten und Episoden sowie Material zur Familien-, Firmen- und Ortschronik. „Als Leihgabe zum Digitalisieren. Dann erhalten die Besitzer alles sofort zurück“, verspricht er. Und vielleicht gehe ein weiterer Traum in nächster Zeit doch noch in Erfüllung: „Ein Archivraum in der Alten Darre, das wäre was. Dann könnte die Heimatgeschichte von Diesdorf an einem Ort untergebracht werden.“