Tylsen l Die Stadt Salzwedel will das Tylsener Schloss wieder aufbauen. Das Geld soll mithilfe des Sparkonzeptes aufgebracht werden, welches im Finanz- und Hauptausschuss diskutiert wurde. Nach Bereinigung der finanziellen Altfehlbeträge und abzüglich der Liquiditätshilfe des Landes, die wegfällt, bleiben noch 3,2 Millionen Euro übrig. Diese Summe reicht nicht für eine Komplettsanierung. Doch die Stadtverwaltung hat eine Idee ent- wickelt, wie die Kosten massiv gesenkt werden können. Doch dafür ist erstmal ein Blick zurück in die Geschichte nötig.

Der Befehl Nummer 207 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom 9. September 1947 war einst Auslöser für die Zerstörung des Renaissancegebäudes. Damals plünderten die Tylsener mit Erlaubnis der Sowjets das Gebäude und ließen alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war. Die Bewohner des Dorfes nutzten das Schloss ebenso als Baustofflager. So manches Gebäude in Tylsen und Umgebung besteht aus Backsteinen, die einst den Herrschaftssitz zusammenhielten. Diese Steine fordert die Stadt nun zurück und verpflichtet alle Hauseigentümer, in deren Gebäude Steine aus dem Schloss verbaut wurden, zu Arbeitseinsätzen bei der Rekonstruktion des Schlosses. Wer möchte, darf sich stattdessen auch mit Strafzahlungen am Wiederaufbau beteiligen.

Vor allem bei den älteren Bewohnern des Dorfes kommt diese Maßnahme nicht gut an. „Da hörst du einmal in deinem Leben auf die Russen und dann kommt so ein Mist dabei raus“, ärgert sich Fritz Zief. „Zwei Tage und drei Nächte lang habe ich so viel geklaut, wie in meinem ganzen restlichen Berufsleben beim Baukombinat nicht mehr. Die langen Finger vom Tragen sollen jetzt umsonst gewesen sein?“, fragt der 85-Jährige.

Inken Jansen-Schlenstedt, die in Tylsen ein Ferienhaus besitzt, freut sich über den Wiederaufbau des Schlosses. „Wenn das Schloss fertig ist, steigen hier garantiert die Immobilienpreise, sodass ich mein Haus, das ich nach der Wende einem naiven Ossi für ’nen Appel und ’n Ei abgeluchst habe, gewinnbringend verkaufen kann“, plant die Geschäftsfrau aus Hamburg-Blankenese. „Ha, ha, dass ich nicht lache“, unterbricht Fritz Zief die Gedankenspiele der Frau mit einem hämischen Grinsen: „Ihre Hütte verschwindet komplett, wenn das Schloss wieder aufgebaut wird. Der Willi, den Sie übers Ohr gehauen haben, war zwar dümmer als ’n Meter Feldweg, aber stark wie ein Ochse. Der hat so viele Steine wie kein anderer aus dem Schloss geholt.“ Verwundert schaut Jansen-Schlenstedt zu Fritz Zief und will von ihm erfahren, woher er das wisse. Ganz einfache Antwort: „Während fast das ganze Dorf noch auf den Donnerbalken saß, hatte Willi eine fürstliche Keramikschüssel und eine goldene Klobürste. Sowas gab es nur im Schloss. Oder denken Sie etwa, dass unsere Betriebe solch dekadente Güter produziert haben “, erklärt der Ur-Tylsener der Business-Schnepfe.

Während die Tylsener nun gespannt auf die Experten der Denkmalbehörde warten, die ermitteln sollen, wo wie viele geklaute Steine verbaut worden sind, steht indes die Nutzung des wiederaufgebauten Schlosses fest. Wie die Volksstimme bei ihrer morgendlichen Redaktionskonferenz im Kaffeesatz gelesen hat, soll das Schloss als Amtssitz für Bürgermeisterin Sabine Blümel dienen, die aus Tylsen stammt. Die Verwaltung soll ihr dorthin folgen, sodass neben dem Bürgercenter auch das Rathaus in Salzwedel vertickt werden könnte. Mit dem Gewinn aus diesem Verkauf reicht es dann vielleicht auch wieder für goldene Klobürsten.

Als Zeitungsente wird eine Falschmeldung bezeichnet. Die Redaktion nimmt sich beim „Altmark-Geschnatter“, dessen Inhalt erfunden ist, dieser Darstellungsform auf humorvolle Art an.