Dessau/Henningen l Das Thermometer zeigt kühle elf Grad. Eine dicke blaue Weste über den kuscheligen, lila Strickpullover gezogen, steckt Edeltraut Reisener den Kopf durch die Haustür. Prüfend fällt ihr Blick auf das Ende der Dorfstraße. In einer Rechtskurve verschwindet der graue Asphalt. Dahinter liegt Sanne. Am anderen Ende ist Kleinau. Dazwischen träumt Dessau in den Strahlen der tief stehenden Sonne. Vögel singen in den Sträuchern des Kirchhofs. Es ist ein friedliches Bild, als das Hämmern eines Dieselmotors die Stille zerrreist: Wrom! Wrom! Wrom! Worm! „Das ist er nicht“, sagt Edeltraut Reisener. Als der gewaltige Traktor ihre Haustür passiert, hebt der Bauer grüßend die Hand. Edeltraut Reisener winkt fröhlich zurück. „Im Dorf kennt jeder jeden“, sagt die 79-Jährige, während sich das Wummern des Motors hinter der Kurve verliert.

Damit das auch funktioniert mit dem Kennenlernen und dem Austausch von Informationen im Dorf, gibt es – neben allerlei Festen – den Verkaufswagen vom Fleischer. Einmal in der Woche bringt Christin Weßner frische Fleisch- und Wurstwaren in die Region. Nebenbei sorgt das weiße Auto mit dem auffälligen, roten Schriftzug für Abwechslung im Dorfalltag. „Wir jiepern schon immer auf Freitag“, sagt Edeltraut Reisener. Ihren großen Einkauf erledigt die rüstige Seniorin in Arendsee. Aber Fleisch und Wurst gebe es nirgendwo so gut, wie bei Christin Weßner. „Und was sie diese Woche nicht dabei hat, kann ich einfach für die nächste Woche bestellen“, sagt die Seniorin. Unterdessen hält vor der Mauer des Kirchhofs, hinter der Kurve, ein schwarzer Dacia. „Das ist er auch nicht“, sagt Edeltraut Reisener. Szenenwechsel.

Wenn' ein bischen länger dauert

Die Sonne steht hoch am Himmel über Henningen. Knapp 200 Einwohner leben in dem Dörfchen, im Osten von Salzwedel. Vier von ihnen sind Hannelore Frommhagen und Ehemann Heinz, Margot Jagoda und Elisabeth Vierke. Über dem Grasstreifen, gleich neben der Straße, brummen Dutzende schwarzer Erdbienen. In den Vorgärten leuchten die Blüten der Goldglöckchen in strahlendem Gelb: „Schon ganz schön warm, für die Jahreszeit“, brummt Heinz Frommhagen. Mit verschmitztem Lächeln beugt sich der 69-Jährige über die blitzende Stange seines Fahrradlenkers: „Ich mach‘ dann mal los“, nickt er in Richtung der Frauen, die es sich im Schatten vor Hausnummer 13 a bequem gemacht haben. Hannelore Frommhagen sitzt auf einem flachen Edelstahl-Stühlchen. Eine meterhohe Lehne steht im Gegensatz zu den Stuhlbeinen, die nur wenige Zentimeter über der obersten Treppenstufe des Hauseingangs ragen. Margot Jagoda sitzt entspannt auf ihrem Rollator. Elisabeth Vierke lehnt, die blaue Kittelschürze über dem Kleid, in der Haustür. Jetzt heißt es, warten. „Heute dauert es wieder länger“, sagt Hannelore Frommhagen. „Das liegt bestimmt an Corona“, sagt Margot Jagoda. „Weil mehr Menschen zu Hause bleiben, dauert das bestimmt länger“, vermutet Hannelore. Margot Jagoda zuckt mit den Schultern. Vögel singen. Bienen summen. Stille. Szenenwechsel.

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Mit lautem „Klapp!“ schließt sich die Tür des Dacia‘. Brigitte Idler winkt fröhlich über die Straße. Den roten Einkaufsbeutel hält die kleine Frau mit den blond-braunen Haaren in der linken Hand. Mit schnellen Schritten quert sie die Straße: „Warum warten wir eigentlich nicht in der Sonne?“, fragt sie. Brigitte Idler ist praktisch veranlagt. „Das stimmt“, sagt Edeltraut Reisener. Arm in Arm machen sich die beiden Frauen auf den Weg zur anderen Straßenseite. Die drei Bänke vor dem Eingang zum Kirchhof liegen einladend, in die warmen Strahlen der Sonne getaucht. „Genügend Abstand halten wir auch“, schmunzelt Brigitte Idler, das sei in diesen Tagen ja wichtig, wegen Corona.

„Edeltraut und ich, wir kennen uns schon fast ein Leben lang.“ Dann beginnen die beiden Frauen, zu erzählen. Vom Leben im Dorf, von den Ehemännern, die lange verstorben sind. Von Kindern, Enkeln und der Arbeit im Garten. „Da bekomme ich von den Jungen wieder geschimpft“, sagt Edeltraut Reisener mit einem Augenzwinkern. Außer dem schmucken Gärtchen neben dem Haus, gibt es noch ein Stück Nutzgarten. Den hatte die 79-Jährige in der vergangenen Woche umgegraben. „Du bist ja verrückt“, sagt Brigitte Idler. „Ich sollte das ja nicht mehr machen“, sagt Edeltraut Reisener“, wendet den Kopf und blinzelt in die Sonne: „Wenn man ein Leben lang auf dem Land gearbeitet hat, dann kann man damit nicht einfach so aufhören.“ Sie mache ja langsam, sagt sie. Immer nur ein Stückchen. Dann eine Pause. So, wie es halt geht. Wieder brummt ein Motor. Dann tutet ein Horn. „Das ist er“, sagt Edeltraut Reisener. Gemeinsam stehen sie von den Holzbänken auf. Brigitte Idler entrollt ihren knallroten Beutel. „Ich kaufe heute das erste Mal beim Fleischerwagen“, sagt die Seniorin. Dann gehen beide über die Straße. Zurück in den Schatten. Szenenwechsel.

Sonderwünsche sind gerne gesehen

Von Westen, aus Richtung Barnebeck, biegt ein rot-weißer Fiat-Transporter in die Dorfstraße ein. „Wir haben hier unsere eigene Haltestelle“, freut sich Hannelore Frommhagen. Tatsächlich. Heidrun Riemland bremst ihren Kastenwagen exakt vor der Haustür. Es ist der zweite Halt in Henningen, erzählt die Verkäuferin später. Während Christin Weßner mit ihrem rollenden Verkaufsstand die äußere Altmark versorgt, beliefert Heidrun Riemland die Orte im Umland der Hansestadt. Die angebotenen Fleisch- und Wurstwaren hatten beide Verkäuferinnen schon früh um sechs Uhr im Kühlhaus der Fleischerei von Thomas Weyl zusammengestellt.

„Unser Chef ist der letzte Fleischer vor Ort, der selbst schlachtet“, erzählt Christin Weßner. Neben der Qualität, entscheidet auch das Gespür der beiden Verkäuferinnen für die Wünsche der Kunden, über den Erfolg des Geschäfts. Neben Bratwürsten – grob, fein oder in Hausmacher-Qualität –, die an beiden Wagen gefragt sind, erkundigt sich Edeltraut Reisener nach „süßem Käse“ und nimmt fünf Rouladen in Empfang, die sie in der vergangenen Woche bestellt hatte. Margot Jagod hingegen fragt nach bunten Ostereiern und Paniermehl, einer Besonderheit im Angebot von Heidrun Riemland.

Hund und Katze: "Nicht ohne meinen Fleischer"

Wie viele unterschiedliche Produkte das Angebot der beiden Verkaufswagen tatsächlich umfasst, weiß keine der Fahrerinnen auswendig zu sagen. Tatsächlich aber bleibe kaum ein Kundenwunsch ohne Antwort. Zwischen drei und fünf Minuten dauert jedes Gespräch über die Theke und weil die „Volksstimme“ da ist, senkt eine Mittvierzigerin verschwörerisch ihre Stimme, während sie Christin Weßner die jüngsten Erlebnisse mit den Nachbarn erzählt. Auf Nachfrage bestätigt die Fahrerin, dass der Verkaufswagen eine wichtige Funktion habe, als Treffpunkt und für den Austausch der Menschen in den Orten der Altmark. „Wir nehmen uns Zeit für die Menschen und hören natürlich auch viel“, bestätigt Heidrun Riemland. Wobei längst nicht nur Zweibeiner sehnsüchtig auf das Eintreffen der mobilen Verkaufsstände warten: Auch Hunde und Katzen kennen die Zeiten, zu denen sich die Verkaufsläden der Transporter mit leisem Summen in die Höhe bewegen: Heidrun Riemland erzählt von fünf Katzen in Barnebeck. Woche für Woche horchen die Tiere auf das Brummen des Motors. Dann warten sie, ordentlich in einer Reihe, darauf, dass ihre Geduld von dem Menschen hinter der Theke belohnt wird.

Dass das Konzept der Entschleunigung aufgeht, zeigt sich, wenn Mengen von Wurst und Fleisch den Weg in die Beutel der Kunden gefunden haben: Viele Einkäufe schlagen mit Beträgen zwischen 30 und 50 Euro zu Buche. Die meisten Kunden legen ein Trinkgeld dazu. Dann senkt sich der Schlag. Der Diesel dröhnt lauter, schon rollen die Transporter ihrer nächsten Haltestelle entgegen: Zurück bleiben zufriedene Kunden. Eine davon ist Brigitte Idler. Hinter Edeltraut Reisener und Elisabeth Vierke fallen die Türen ins Schloß. Hannelore Frommhagen schultert ihr Stühlchen und Margot Jagoda bringt den Rollator in Schwung. Neben ihren Lebensmitteln nehmen alle Fünf ein wenig mehr Lebensqualität mit in den Alltag. Dann ist es Zeit, sich auf Sonnabend zu freuen, denn dann kommt der Bäcker.