Salzwedel l Prähistoriker Uwe Fiedler war die Freude über die Ergebnisse, die ihm unlängst das Deutsche Archäologische Institut aus Berlin zusandte, deutlich anzumerken. Bei zwei Proben ist sogar die Jahreszeit bekannt, in der sie gefällt wurden. Er zeigt er auf eine Liste voller Fundorte und Jahreszahlen. Für den Archäologen, der seit dem vergangenen Jahr die Straßenbauarbeiten am Südbockhorn für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie begleitet, erwies sich der Untergrund im Südbockhorn als eine reichhaltige Fundgrube.

Diese gab nämlich einen spannenden Blick in die Frühgeschichte der Stadt Salzwedel frei. Mit Frühgeschichte ist in diesem Fall gemeint, dass viele der entdeckten Holzbalken noch aus der Zeit vor Gründung der Altstadt 1233 datiert werden konnten. Älter zum Beispiel als der Unterbau des Kirchturmes der Marienkirche. Deren Vorgängerbau, eine romanische Feldsteinkirche, wird auf die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert.

Mittelalterliche Baukonjunktur

Zahlreiche Proben von Holzbalken, die Dr. Karl-Uwe Heußner in Berlin nun dendrochronoligisch untersucht hat, konnten jahresgenau datiert werden. Die ältesten Eichenbohlen wurden demnach um 1143 bis 1146 verlegt. Bei zwei Proben sei sogar ersichtlich, dass die Bäume im Sommer 1145 gefällt wurden. Dazwischen fanden sich weitere, jüngere Bohlen aus dem frühen 13. Jahrhundert.

Bilder

„Der Weg muss immer wieder repariert worden sein“, meint Archäologe Uwe Fiedler. Damals müsse es also bereits vor den Toren der Altstadt eine „rege Baukonjunktur“ gegeben haben.

Knüppeldamm noch älter

Aber Fiedlers wichtigste Erkenntnis ergibt sich aus den genannten Fälldaten. Die Bohlen, die dort so genau in der Zeit bestimmt werden konnten, lagen noch eine Schicht über dem Knüppeldamm. „Der Knüppeldamm muss demnach noch älter sein“, glaubt Fiedler. Dieser erste befestigte Weg zur Altstadt könnte noch aus den Zeiten der ersten Erwähnung Salzwedels um 1112 stammen. Genau datieren ließen sich das Erlenholz des Knüppeldammes allerdings nicht. Dafür hatten die Bauherren des Mittelalters nur „etwa 17 bis 23 Jahre alte“ dünne Erlenstämme genutzt, die eine Datierung der Fälldaten nicht ermöglichten.

Dennoch sind diese für Fiedler eine Besonderheit. So sei ihm eine derartige Baukonjunktur in anderen Städten erst um 1200 bekannt. „Also hat man sich damals schon um den Zugang zur Stadt gekümmert“, sieht Fiedler den Damm als wichtiges Merkmal einer florierenden Stadt im Mittelalter. Es spreche vieles für einen bedeutenden Handelsweg. Und: „Die Neustadt gab es damals noch gar nicht“, erinnert der Prähistoriker.

Im Rahmen seiner Arbeit sei er gut von den Mitarbeitern der Baufirmen am Südbockhorn unterstützt worden, bedankt sich Fiedler im Gespräch mit der Volksstimme. Immer wieder seien ihm Funde wie Tierknochen oder seltener auch Keramikscherben gebracht worden. „Maximal zwei Tage“, schätzt Fiedler, wie lange seine Arbeit den Baufortschritt verzögert habe.

Die Bauarbeiten selbst sorgten allerdings dafür, dass die Zeugnisse aus der Frühzeit der Hansestadt Salzwedel nun zerstört sind. „Knüppel- und Bohlendamm – bis auf minimale Reste – wurden durch die Baumaßnahmen abgebaut“, berichtet Fiedler. Seine Proben und Bilder bleiben aber als Zeugnisse der Funde. „Deswegen ist die archäologische Begleitung nötig“, betont der Prähistoriker.

„Rätsel vom Bockhorn“ nicht gelöst

Das „Rätsel vom Bockhorn“ – so titelte die Volksstimme am Sonnabend, 12. Oktober 2019 – konnte Uwe Fiedler allerdings noch nicht lösen. Dabei geht es um ein bearbeitetes Holzstück, das Bauarbeiter im Herbst des vergangenen Jahres mitten auf der Kreuzung Süd-/Nordbockhorn entdeckten. Das Kiefernholz befand sich aufrecht stehend nur 50 Zentimeter unter dem Bauniveau. Von der Machart her, schloss der Prähistoriker auf ein Wegezeichen oder sogar eine Art Schandmahl vor den Toren der Stadt. Auch davon schickte Fiedler drei Proben zur dendrochronologischen Untersuchung zum Experten nach Berlin.

Und tatsächlich: Bei eine Probe konnte ein Fälldatum bestimmt werden. Die Kiefer stammt aus dem Jahr 1145. „Dennoch bleibt mir der Block ein Rätsel“, sagte Fiedler. Verwundert ist er auch darüber, dass das Holzstück so gut erhalten ist. Dafür sei Kiefernholz eigentlich nicht so bekannt.

Die Arbeit in Salzwedel ist für Fiedler damit aber noch nicht beendet. Er begleitet die Bauarbeiten nun auch im Untergrund zwischen Nordbockhorn und Jahnstraße.