Stendal l Vor dem Landgericht in Stendal werden derzeit die Geschehnisse an einem Angelteich bei Rohrberg am Himmelfahrtstag 2016 in einem zweiten Komplex aufgearbeitet. Bei einer Schießerei mit einem Kleinkalibergewehr und anschließender Prügelei zwischen zwei Gruppen sind von in Niedersachsen lebenden Spätaussiedlern drei Männer durch Schüsse und der Schütze selbst durch Schläge und Tritte teils schwer verletzt worden.

Der heute 51-jährige Schütze wurde nach zehn Prozesstagen am 21. Dezember vom Landgericht Stendal wegen versuchten Totschlags in drei Fällen zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig, weil der Angeklagte seine beim Bundesgerichtshof eingelegte Revision inzwischen zurückgenommen hat.

Einer der drei Männer, die in Rohrberg angeschossen worden waren und im ersten Prozess noch auf der Zeugenbank saßen, ist 43 Jahre alt und ist einer der beiden jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung Angeklagten. Der Mann neben ihm auf der Anklagebank ist ein 41-Jähriger, beide sind in Kasachstan geboren. Zusammen sollen sie auf den ebenfalls in Kasachstan geborenen Schützen eingeschlagen, ihn getreten und schwer verletzt haben. Im Dezember hatte das Landgericht im Urteil zum Totschlagprozess von einem „Notwehrexzess“ gesprochen.

Erheblich beeinflusst

Zu dem Sachverhalt, wie er im Urteil zum ersten Prozess festgestellt wurde: Demnach fanden sich am 5. Mai zwei aus sechs beziehungsweise zehn Männern bestehende Gruppen aus Hannover und Gifhorn am Angelteich ein, um zu angeln und getrennt voneinander den Herrentag zu feiern. Fast alle Personen waren – bis auf zwei – „erheblich alkoholisch beeinflusst“.

Der zur Gruppe Hannover zählende und im Dezember verurteilte Schütze habe nach reichlich Alkohol dem jetzt auf der Anklagebank sitzenden 43-jährigen Gifhorner eine Patrone vorgehalten und gesagt: „Die ist für dich.“ Damit hätte er „eine Spirale der Gewalt“ losgetreten.

Um Gewehr gerangelt

Laut aktueller Anklage hat der 43-Jährige mit dem Schützen nach Abgabe von Schüssen auf die Gifhorner Gruppe um das Gewehr gerangelt. Dabei soll sich ein weiterer Schuss gelöst und den 43-Jährigen am Bauch verletzt haben.

Ungeachtet dessen soll er dem Schützen im Gerangel mit dem Gewehrlauf einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt haben. Als dieser daraufhin zu Boden ging, soll er ihn noch mindestens einmal mit dem Fuß ins Gesicht getreten haben. Der mitangeklagte 41-Jährige soll laut Anklage den am Boden liegenden Schützen erst zwei bis drei Mal getreten und ihm dann noch eine weitere Serie von sieben Tritten gegen Kopf und Körper verabreicht haben. Während der Verteidiger des 41-Jährigen gestern sagte, dass sein Mandant „vorerst“ nichts sagen werde, ließ der 43-Jährige durch seinen Verteidiger eine Erklärung vortragen.

20 bis 25 Wodka

Laut dieser ist er in seiner Gruppe „als Koch für die Mahlzeit verantwortlich gewesen“. Den ganzen Tag über habe er „20 bis 25 kleine Gläser Wodka“ konsumiert, sich aber nicht betrunken gefühlt. Einer aus der Hannoveraner Gruppe, der spätere Schütze, habe ihn in seiner Kochtätigkeit gestört und ihm provokatorisch das Gewehrmagazin gezeigt, eine Patrone daraus entnommen und gesagt „Eine gehört Dir“. Daraufhin habe es eine kleine Prügelei gegeben. Später sollte der Streit zwischen den rivalisierenden Gruppen beigelegt und ein „Friedenswodka“ getrunken werden.

Auf dem Weg dahin sei die Gifhorner Gruppe von den Schüssen empfangen worden – „Zwei fielen um“. „In Todesangst und ohne Überlegung“ habe er mit dem Schützen um das Gewehr gerangelt. Er habe aber nicht auf den am Boden Liegenden eingetreten. „Ich würde niemals auf einen Wehrlosen einschlagen“, hieß es weiter in der Erklärung des Angeklagten. Er sei ein „friedliebender Familienvater“ und verstehe nicht, warum er jetzt auf der Anklagebank sitze.

Mittwoch wird der Prozess mit der Aussage des vermutlichen Hauptbelastungszeugen fortgesetzt. Am 29. August wird das Urteil erwartet.