Salzwedel l Die Situation ist seit Jahren ähnlich: Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Lehrlingen. Betroffen sind fast alle Branchen: Metallbauer, Bäcker, Maler, Tischler Frisöre ... „Ich wüsste nicht, wo es einen Ansturm gibt, nicht mal mehr im Kfz-Bereich“, erklärt Norbert Nieder. Der Kreishandwerksmeister berichtet, dass einige Firmenchefs die Suche nach Nachwuchs aufgegeben haben. Die Folge: höhere Kosten und längere Wartezeiten für die Kunden.

Schuld sei der „Akademisierungswahn“, schimpft Nieder, der auch Obermeister der Metallbauer-Innung Altmark West ist. „Gymnasiallehrer predigen ihren Schülern, ‚ihr müsst studieren‘ und das muss aufhören“, betont er. Selbst nach abgebrochenem Studium ziehe es die jungen Leute nicht ins Handwerk oder in eine andere Ausbildung. Stattdessen werde sich der nächste Studiengang ausgesucht. Aus seiner Sicht wechseln viel zu viele Schüler ans Gymnasium. Um das zu ändern, müsse das Kultusministerium mit verbindlichen Schullaufbahnempfehlungen mitziehen. Sonst sinke das Niveau an allen weiterführenden Schulen, schätzt er ein.

Die Abiturienten „studieren auf Biegen und Brechen und dann stehen Akademiker auf der Straße“, sagt der Handwerksmeister. Das Ganze sei nicht neu und vielfach öffentlich angesprochen, aber es ändere sich nichts.

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Mindestlohn "nicht schlecht"

Das Handwerk versuche in allen Richtungen, junge Leute für sich zu gewinnen. Den geforderten Mindestlohn für Auszubildende findet er „nicht schlecht“. Dabei sei allerdings auf die jeweilige Branche zu achten. Für den Volkswagen-Konzern sei es einfacher, den Auszubildenden mehr zu zahlen, als bei einem kleinen Frisör auf dem Lande. Allerdings hätten selbst diese Betriebe und viele andere Gewerke, die Vergütung für Auszubildende und auch die Löhne angezogen. Von der Politik erwartet sich Nieder mehr Unterstützung und Rückhalt.

Er wirbt dafür, den „Tag in der Praxis“ beizubehalten und auszubauen. Dabei absolvieren Schüler wöchentlich Praktika in Betrieben und erhalten auch theoretische Kenntnisse. „Das ist eine sehr sinnvolle Geschichte, die wirklich etwas bringt“, betont er. Und macht dies auch an Zahlen fest. Ein Drittel der Jugendlichen, die den Tag in der Praxis absolviert haben, hätten mit den jeweiligen Betrieben Ausbildungsverträge abgeschlossen, ein weiteres Drittel habe den Beruf gewählt, in dem die Praktika absolviert wurden. Und wer sich nicht dafür entschieden habe, wisse immerhin, dass der Job nichts für ihn ist. „Das senkt die Abbrecherquote“, sagt Nieder. Er hoffe sehr, dass für das Projekt weiterhin Unterstützung aus dem Kultusministerium kommt.

Einige Klassen sind voll

Stärker nachgefragt sind rein schulische Ausbildungen an den Berufsbildenden Schulen in Salzwedel. Die im vergangenen Jahr neu aufgelegte Fachschule für Sozialpädagogik, ist besonders beliebt, berichtet die amtierende Schulleiterin Annerose Rohde. Voll sind auch die Klassen für angehende Sozialassistenten, Kinderpfleger, Kaufmännische Assistenten und Altenpflegehelfer. Die überzähligen Bewerber werden jetzt auf Wartelisten geführt, denn viele Jugendliche bewerben sich für mehrere Bildungsgänge oder Ausbildungsstellen, sodass erfahrungsgemäß wieder Plätze in den Klassen für Nachrücker frei werden. Noch freie Kapazitäten gibt es für IT-Assistenz, Kosmetik, Sozialpflege und die dreijährige Ausbildung in der Altenpflege, berichtet die Schulleiterin.

Die Situation mit mehr Ausbildungsstellen als Bewerbern, sei für die Schüler komfortabel, schätzt Torsten Narr, Chef der Agentur für Arbeit Stendal ein. Da für rund 640 der 938 Ausbildungsstellen noch keine Besetzungsentscheidung gefallen ist, empfiehlt er den Unternehmen dringend, jetzt eine Wahl zu treffen und sich so die besten Bewerber zu sichern. Die Jugendlichen sollten sich nicht ausschließlich auf ihren Traumberuf fixieren. „Hat es bisher noch nicht mit der Wunschlehrstelle geklappt, dann unbedingt den Zweit- oder Drittberufswunsch in Betracht ziehen“, sagt Narr.