Rockenthin l Die Sonne blinzelt vorsichtig über die Felder, als die morgendliche Idylle bei Rockenthin radikal durchbrochen wird. „Zum Glück bin ich ein alter Mann – das geht mich alles nichts mehr an“, dröhnt es lautstark aus einer Musikbox. Die Rockmusik donnert wie ein Vorschlaghammer durch das Lager. Noch ziemlich müde kommen einige Hobbyarchäologen aus ihren Zelten und Wohnmobilen. 6.30 Uhr ist Weckzeit im Grabungslager – täglich mit der Rockband Knorkator. „Das Wecken wird hier nicht dem Zufall überlassen“, sagt Johannes Mewes mit einem breiten Grinsen und einer Tasse Kaffee in der Hand. Stimmt – eine halbe Stunde später sitzen 27 Hobbyarchäologen und zwei Profis um eine lange Tafel. Edgar Lahmann ist schon lange wach und hat für das Frühstück eingedeckt: „Nehmt zu“, ruft er. Er ist gerade als „Küchenbulle“ eingeteilt.

Seit 1972 sind die Hobbyarchäologen den Spuren der Vergangenheit auf den Fersen. Zu DDR-Zeiten von Lehrer Hartmut Bock noch als Arbeitsgemeinschaft für seine Schüler gegründet, ging daraus später der Verein „Junge Archäologen Altmark“ hervor, der nunmehr rund 130 Mitglieder zählt. Maxdorf, Osterwohle, Böddenstedt, Wallstawe – unzählige altmärkische Böden wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf links gedreht, Funde dokumentiert, eingetütet und für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie aufbereitet. So auch 2019 in Rockenthin, unweit der B71. Denn dort vermutet Grabungsleiter Maximilian Mewes Relikte der römischen Kaiserzeit. Und er soll recht behalten ...

Besprechung für den Tag

Klingeling, Maximilian läutet ein Glöckchen. Die Besprechung für den Tag steht an. „Wir haben gestern viel geschafft, haben aber trotzdem noch viel zu tun“, sagt er. Denn aufgrund der Verfärbungen im Erdreich, könnte die Gruppe ein ganzes Grubenhaus der Germanen entdeckt haben. Inklusive eines Ofens aus der Zeit. Ob dem so ist, kann nur ans Tageslicht kommen, wenn akribisch weiter gegraben wird. „Das ist eine kaiserzeitliche Siedlung“, sagt Mewes. Der Fund von Scherben lässt ihn auf das 2. Jahrhundert nach Christi schließen. Einige Funde lassen aber vermuten, dass es auch ältere und jüngere Phasen am Fundplatz gibt.

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„Die Grabung schließt an die aus dem letzten Jahr an“, sagt Maximilian Mewes. Er sitzt in einem alten Bauwagen vor einigen Ordnern, um alles festzuhalten. Eine Tasse Kaffee, Zettel und Stift sind seine wichtigsten Verbündeten. Der 27-Jährige hat als studierter Archäologe den Hut im Grabungslager auf.

Ehrenamtlich in Rockenthin

Während einige der Hobbyarchäologen noch die Schule besuchen, stehen andere kurz vor der Rente und greifen schon seit 1972 zur Grabungskelle. Ihrem geschulten Auge entgeht nichts. „Die ältere Generation hat mehr Ausgrabungserfahrung als so mancher Professor“, sagt Mewes. Und unterdessen er alles zu Papier bringt, wird er vom erfahrenden Torsten Müller unterstützt. Er ist der zweite Profi im Camp. Eigentlich begleitet der Grabungstechniker vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie eine Ausgrabung in Tangermünde. Nun ist Müller wie viele andere ehrenamtlich in Rockenthin. „Mich reizt, den Nebel der Geschichte beiseite zu schieben“, erklärt er. Noch wichtiger für ihn und alle Hobbyarchäologen: Die Gemeinschaft. „Wo sonst findet man sonst so viele, die auf der gleichen Wellenlänge sind“, fragt Müller. Das ist Konsens im Team. Viele freuen sich schon das ganze Jahr auf das Lager, wenn Alt und Jung zusammen campt, sich austauscht und die Abende thematisch mit Spielen gestaltet.

Nach Feierabend geht es mit allen ins benachbarte Bergen/Dumme ins Freibad. „Das ist gerade für die jüngeren eine tolle Sache“, sagt Torsten Müller. Spaß gehört im Camp dazu.

Extra Urlaub unterbrochen

Mittlerweile haben alle ihr Frühstücksbesteck gegen Kellen und Schippen eingetauscht. Es wird gegraben, geschabt, gesiebt und gemessen. Neben den sieben Grabungsfeldern liegt das ausgehobene Erdreich, welches der 5-Jährige Arnd Herrmann nochmals umschaufelt. Er ist mit seinen Eltern im Camp. „Wir haben extra unseren Urlaub an der Ostsee dafür abgebrochen“, sagt Vater Thomas Schulz.

Andere sind aus Wolfsburg und Leipzig angereist. Das Grabungslager ist der jährliche Höhepunkt der Jungen Archäologen. Viele sind seit dem Kindesalter dabei, einige haben mittlerweile ihre eigenen Sprösslinge mitgebracht. Täglich helfen 20 bis 30 Vereinsmitglieder mit. Auch Besucher greifen unter Anleitung zum Werkzeug.

Jeder Meter wird überprüft

Unweit der Grabungsstelle geht Ulf Rosenthal mit einer Sonde über den Stoppelacker. Jeder abgesteckte Meter wird überprüft. Mal sind es nur alte Schweinemarken, welche die Sonde zum Piepen bringt, mal aber auch alte Gewandschließer. Jeden Standort hält er mit einem GPS-Gerät exakt fest. Hauptberuflich arbeitet er in Niedersachsen in der Kunststoffverarbeitung. Einmal im Jahr wird aber auch er zum Archäologen. So wie die Jugendlichen die von ihren Eltern in den Ferien zum Lager gefahren werden. Es ist Geschichtsunterricht zum Anfassen.

Auch für Julius Holstein. Der 13-Jährige sitzt inmitten eines Grabungsfeldes. Sein Werkzeug: Ein Blatt Papier auf einer Klatte und Buntstifte. Er koloriert die im Vorfeld mit Bleistift vorgezeichneten Erdschichten. „So lassen sich die Schichten später zuordnen“, sagt Maximilian Mewes. Jeder Fund in den jeweiligen Schichten wird eingetütet und lässt sich damit einordnen. Vorwiegend sind es Scherben aus der römischen Kaiserzeit. Meist kleine, ab und an große.

Lob für die junge Generation

Dann eine kleine Sensation: „Ich habe was“, ruft Thomas Gose. Er hat den Boden eines Sitular-Gefäßes gefunden. Behutsam wird das tausende Jahre alte Relikt durch alle Hände gereicht und beäugt. Auch von Hartmut Bock, dem Gründer der Gemeinschaft. Jahrelang hatte er den Hut bei den Grabungen auf. Er ist begeistert, wie viele wieder zur Spitzkelle greifen und jeden noch so kleinen Fund sorgsam archivieren. Wie ein Altmeister geht er die Grabungsstätte ab, schüttelt Hände und verteilt Lob an die junge Generation.

Zum Ende macht sich unter allen dann aber etwas Wehmut breit. Zwar sei es schön, wieder im eigenen Bett zu schlafen, doch die gemeinsamen Tage werden schmerzlich vermisst. Bis 2020, wenn es wieder heißt: „Grabungslager Rockenthin“.